Anlaufstellen betreuen junge Flüchtlinge Hilfseinrichtungen an der Kapazitätsgrenze

Bremen. 200 sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben derzeit in Bremen. Sie brauchen besonderen Schutz und Begleitung.
27.09.2013, 12:45
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Hilfseinrichtungen an der Kapazitätsgrenze
Von Frauke Fischer

200 sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Kinder und Jugendliche ohne Mutter und Vater leben derzeit in Bremen. Und jeden Monat werden es mehr. Sie müssen nicht nur ein Dach über dem Kopf haben, sondern brauchen besonderen Schutz und Begleitung. Wie und ob das derzeit gewährleistet wird, hat die Bürgerschaftsabgeordneten beschäftigt.

Die Jugendlichen, die in die Beratung zu Ralph Keller und seinen Kollegen in die Parkstraße kommen, haben fast immer Schlimmes erlebt. Auf der Flucht beispielsweise aus Afghanistan oder afrikanischen Ländern mussten sie tagelang durch Wüsten marschieren, oft ohne genügend Wasser und Essen. Oder sie haben Menschen durchdrehen und vom Flüchtlingsboot ins Mittelmeer springen sehen. Das Reden über diese Erlebnisse mit den Traumatherapeuten des psychosozialen Zentrums ist oft der Anfang für ein neues Leben ohne Angst. Aber die Zahl derjenigen, die solche Unterstützung brauchen, wächst. Und neben den Flüchtlingsheimen geraten auch Hilfeeinrichtungen wie Refugio an ihre Kapazitätsgrenzen.

Die Schaffung neuer Wohnplätze in Bremen ist deshalb ebenso wichtig wie die Sicherstellung medizinischer, pädagogischer und psychosozialer Betreuung. Die Debatte in der Bürgerschaft gestern Mittag anlässlich eines Antrags der Linken-Fraktion machte das ebenso deutlich wie die Schilderungen von Ralph Keller.

„Im Sommer mussten wir zwischenzeitlich einen Aufnahmestopp verhängen“, sagt der Traumatherapeut, der seit 13 Jahren bei Refugio aktiv ist. Die Zahl der Jugendlichen – viele sind 13, 14 Jahre alt, etliche kurz vor der Volljährigkeit –, die therapeutisch begleitet werden wollen und sollen, ist groß. Es sind eben nicht nur die Kriegserfahrungen wie Missbrauch, Tod, Gewalt und Vergewaltigung, die sie erlebt haben, sondern auch die Schrecken der Flucht. Dabei – auch das stellt Keller oft fest – sind die Jugendlichen „meist hoch motiviert, hier zu lernen und sich zu integrieren“. Die deutsche Sprache lernen sie schnell, nutzen die angebotenen Sport- und Kreativkurse, die die therapeutische Arbeit begleiten oder schlichtweg Spaß, Unterhaltung und Kontakt zu Gleichaltrigen bieten.

„Bremen muss eine nachhaltige Integration dieser Jugendlichen gewährleisten“, forderte Kristina Vogt (Linke) in der Bürgerschaft in Zusammenhang mit dem Antrag ihrer Fraktion. Die Linke will mit Blick auf einen Bericht der Sozialdeputation zur Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge erreichen, dass diese besser versorgt werden. Angesichts der schwierigen Unterbringungssituation gerade für jugendliche Flüchtlinge in der Zentralen Aufnahmestelle (ZAST) betonte Vogt, wie wichtig die Schaffung neuer Wohnräume sei. Zugleich müsse über ausreichende finanzielle und personelle Unterstützung die Arbeit in Einrichtungen wie Refugio, die Findung von Vormündern und Pflegefamilien für junge Flüchtlinge durch den Senat sicher gestellt werden.

Eine Notkonferenz mit politisch Verantwortlichen und Vertretern von Vereinen und Einrichtungen, wie sie der Antrag vorsieht, halten SPD und Grüne indes für überflüssig. Es gebe eine ressortübergreifende Zusammenarbeit, in die Vertreter freier Träger und Verbände einbezogen seien, machten Zahra Mohammadzadeh (Grüne) und Valentina Tuchel (SPD) deutlich.

Dass die ZAST „kein Ort für Jugendliche“ sei, gab Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) zu. Sie sei „ein Notbehelf“. Die Zahl der monatlichen Neuzugänge sei im Vergleich zum Vorjahr um 400 Prozent gestiegen. Um Jugendliche besser betreuen zu können, solle unter anderem bis 2014 eine Clearing-Stelle eingerichtet werden, die alle Fachkräfte bündelt, die zur Ermittlung von Unterstützungsbedarf für die jungen Flüchtlinge nötig sind.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+