Bremer Alt-Bürgermeister Jens Böhrnsen "Ich bin mit mir im Reinen"

Jens Böhrnsen zieht Bilanz: Zehn Jahre war er Bürgermeister in Bremen, und für kurze Zeit war er auch Staatsoberhaupt. In Zukunft will er "sich angagieren" - in welcher Form, lässt er sich nicht entlocken.
15.07.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jürgen Hinrichs

Noch einmal, ein letztes Mal, kommt sein Sprecher mit, damit am Ende nicht doch noch etwas schief geht in der Unterhaltung mit den Medien. Hermann Kleen hat bei den Interviews mit dem Bürgermeister stets dabei gesessen, das war seine Aufgabe, sicher, aber jetzt noch mal?

Böhrnsen hatte nach den herben Stimmenverlusten seiner Partei bei der Bürgerschaftswahl am 10. Mai am Tag darauf angekündigt, nicht noch einmal kandidieren zu wollen. „Eine Folgerung, die ich aus dem Wählerwillen ziehen musste“, erklärt er. In der Politik gebe es die Ämter nun mal nur auf Zeit.

Trotzdem, er hätte weiterregieren können. Oder etwa nicht? Noch einmal Rot-Grün, ein drittes Mal, wie es jetzt sein designierter Nachfolger Carsten Sieling in Angriff nimmt, der an diesem Mittwoch in der Bürgerschaft vereidigt wird.

„Ich bin mit mir im Reinen“, betont Böhrnsen, den man von nun an Alt-Bürgermeister nennen kann, er ist einer von dann vieren, die noch leben: Hans Koschnick, Klaus Wedemeier, Henning Scherf und nun eben Jens Böhrnsen. Mit 66 Jahren ist er gewiss nicht zu jung für diese Galerie. Aber – Wahl hin, Wahl her – wollte er wegen der Schlappe dort schon aufgenommen werden? Oder hat seine Partei ihn sanft, aber unmissverständlich gedrängt, den Bettel hinzuschmeißen?

„Nein“, sagt Böhrnsen, „ich habe mich von meiner Partei immer getragen gefühlt.“ Es sei ein sehr emotionaler und rührender Moment gewesen, als er sich als Bürgermeister von den Funktionsträgern der SPD verabschiedet habe. „Ich bin loyal und solidarisch und hoffe auf eine gute Arbeit der neuen Koalition.“

Seine Leute aus dem Rathaus, die engsten Mitarbeiter, hat er zu sich nach Hause eingeladen, zum Grillen im Garten am Deich an der Lesum. Böhrnsen: „Es sind alle gekommen.“ Gewundert hat ihn das nicht, gefreut aber trotzdem. „Wir haben in all den Jahren sehr vertrauensvoll zusammengearbeitet, aus manchen Beziehungen sind Freundschaften geworden.“ Böhrnsen schaut zu Kleen rüber, als er das sagt.

Keine Kolumnen

Beide betonen, was eigentlich doch klar sein sollte: Kein Kommentar zu den Koalitionsverhandlungen, zum Ruckeln und Zuckeln, bevor Rot-Grün sich an diesem Mittwoch als Regierung manifestiert. „Von mir wird es keine Kolumnen geben“, verspricht der Alt-Bürgermeister. Er werde nicht am Rand stehen und besserwisserisch das Spiel begleiten. Nur so viel: „Mit mir und Karoline Linnert von den Grünen wäre es auch nicht einfach nur eine Wiederholung geworden.“ Schon deshalb, weil die Finanzen noch knapper werden als sowieso schon. Carsten Sieling schwört Bremen jedenfalls schon mal auf schwere Zeiten ein.

Zehn Jahre Bürgermeister – das war in erster Linie ein Kampf um die Finanzen, der noch lange nicht beendet ist. Bremen bekommt zurzeit jedes Jahr 300 Millionen Euro als Nothilfe vom Bund, so hatte Böhrnsen das ausgehandelt. Strukturell hat sich dadurch für das kleinste Bundesland freilich noch nichts verändert.

Zehn Jahre – das war Kevin, die Tragödie eines zweijährigen Jungen, der von seinem Vater zu Tode gequält wurde, obwohl das Kind eigentlich unter staatlicher Obhut stand. Die Behörden hatten versagt, die damalige Sozialsenatorin musste zurücktreten. „Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen“, sagt Böhrnsen.

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