125 Jahre Hachez In Bremen heißt es Chocolade

Der 1. Juli 1890 ist der Tag, an dem Joseph Emile Hachez zusammen mit seinem Partner Heinrich August Friedrich Gustav Linde die Bremer Chocolade-Fabrik Hachez & Co. in der Hutfilterstraße 38 gründet.
23.06.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
In Bremen heißt es Chocolade
Von Maren Beneke

1890 ist ein prägendes Jahr für die Bremer Stadtgeschichte: Zum ersten Mal fährt eine elektrische Straßenbahn vom Bürgerpark zur Börse. Der Neubau der Domtürme feiert sein Richtfest. Und die Nordwestdeutsche Gewerbe- und Industrieausstellung wird in der Hansestadt veranstaltet. Der 1. Juli desselben Jahres ist ein warmer Sommertag. Es ist der Tag, an dem Joseph Emile Hachez zusammen mit seinem Partner Heinrich August Friedrich Gustav Linde die Bremer Chocolade-Fabrik Hachez & Co. in der Hutfilterstraße 38 gründet.

Heute, fast auf den Tag genau 125 Jahre später, gibt es die mittelständisch geführte und weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Firma noch immer. Auch wenn die Fabrik ihren Sitz mittlerweile in der Westerstraße hat und sie zur dänischen Toms-Gruppe gehört – die Schokolade wird weiterhin nach traditioneller Rezeptur hergestellt. Herr über Fließbänder, Schokokessel und die anderen Maschinen war jahrelang Walter Krupp. 1979 begann er für Hachez zu arbeiten – zuletzt als Werksleiter –, mit dem 125-jährigen Jubiläum der Marke verabschiedet er sich in den Ruhestand.

Krupp ist kein Mann der Superlative. Fragt man ihn nach seinen schönsten Erlebnissen aus den vergangenen Jahrzehnten, grübelt er kurz. „Interessant“ sei sie gewesen, seine Anfangszeit, als Hachez noch zur Zuckerraffinerie Tangermünde gehörte. Als „herausfordernd“ beschreibt der 64-Jährige dagegen die 90er-Jahre, in denen die Geschäftsführung bei Hasso Nauck und Wolf Kropp-Büttner lag. Und nun, mit den dänischen Eigentümern? „Wieder was Neues, aber Stillstand ist schlecht für ein Unternehmen“, sagt Krupp.

Schlendert man mit dem Diplom-Ingenieur durch die Produktionsräume, merkt man ihm an, wie sehr er seine Arbeit mag und er von den Mitarbeitern geschätzt wird. Hier ein Lächeln, da ein Kopfnicken. „Die meisten Mitarbeiter kenne ich beim Namen“, sagt Krupp. Gut 360 Angestellte arbeiten derzeit in Bremen für den Schokoladenhersteller, ein Großteil davon in der Produktion. Denn hier passiert vieles noch per Hand. Eine Milliarde Kakaobohnen werden Jahr für Jahr in der Bremer Chocolade-Fabrik verarbeitet – von der Tafelschokolade bis zur Praline.

Als Walter Krupp durch die Fabrik streift, laufen Erdbeer-Sahne-Soufflés über das Fließband. 40 Reihen à acht Pralinen pro Minute ziehen kontinuierlich durch den Raum. Schritt für Schritt werden sie überzogen und sehen mehr und mehr nach einem fertigen Produkt aus. An einer Station, ziemlich am Ende des Fließbands, sitzt eine Mitarbeiterin und streut Haselnusssplitter auf die Pralinen. Wenn man wollte, könnte man von doppelter Arbeit sprechen, schließlich erledigt nur wenige Meter entfernt eine Maschine die gleiche Tätigkeit. Bei der Bremer Hachez Chocolade GmbH, wie das Unternehmen heute firmiert, nennt sich das Qualitätssicherung. Qualität war auch genau das, worin sich Hachez und sein Partner vor 125 Jahre von den Wettbewerbern unterscheiden wollten. „Langjährige Erfahrungen im Einkaufe der Rohmaterialien, beste maschinelle Einrichtungen und technische Hülfskräfte setzen uns in den Stand, die Concurrenz mit jedwedem auswärtigen Fabrikate aufzunehmen“ – mit diesen Worten wandten sich die beiden Unternehmer an ihre potenziellen Kunden.

Dass sich die Hachez Chocolade bis heute mit „ch“ und „c“ statt mit „sch“ und „k“ schreibt, geht auch auf jene Zeit zurück. Damals war dies die üblich Schreibweise. Und weil Traditionen ein wichtiger Bestandteil der Firmenphilosphie sind, hat man den ungewöhnlichen Namen beibehalten.

Auf die Firmengründung am 1. Juli 1890 folgten bewegte Zeiten: Wegen stetig steigender Absätze zog die Manufaktur fünf Jahre später von der Hutfilterstraße an ihren heutigen Standort in der Neustadt. 1911 schied Namensgeber Hachez aus dem Unternehmen aus, Geschäftspartner Gustav Linde führte die Manufaktur mit Sohn Hans und Friedrich Otto Hasse, dem Nachkommen eines Gesellschafters des Chocolatiers, weiter. Trotz des Ersten Weltkrieges und der anschließenden Inflation konnte sich Hachez im Wettbewerb behaupten. So lange, bis der Neustädter Industriebezirk in den Kriegswirren 1942 zerstört und das Werk ein Jahr später stillgelegt wurde.

Nach dem Tod von Hans Linde bei Kriegsende führte Hasse den Chocolatier als Alleininhaber weiter. 1953 änderten sich die Abläufe erneut: Die Zuckerraffinerie Tangermünde stieg in die Firma ein und kaufte einige Jahre später sämtliche Firmenanteile. Seither produzieren die Chocolatiers in Bremen neben Hachez-Spezialitäten auch Produkte unter dem Label Feodora. Beide Marken existieren bis heute getrennt voneinander als eigenständige Rechtspersönlichkeiten und haben nach wie vor unterschiedliche Rezepturen.

Erinnert sich Werksleiter Walter Krupp an diese Zeit, ist diese vor allem durch persönliche Erlebnisse geprägt. Zuvor hatte er in einer Fleischfabrik gearbeitet, nun war es plötzlich Schokolade, mit der er Tag für Tag zu tun hatte. „Ich musste Vieles ganz neu lernen“, sagt er.

Dann kam das Jahr 1990 und wieder einen Wechsel in der Unternehmensleitung: Nauck, ein Enkel des früheren Inhabers Friedrich Otto Hasse, wurde Geschäftsführer und übernahm Hachez zehn Jahre später zusammen mit seinem Freund Kropp-Büttner komplett. „Marketing und Vertrieb haben damals einen ganz neuen Stellenwert bekommen“, erinnert sich Krupp. „Es war viel Bewegung im Unternehmen, es gab jede Menge Innovationen.“

2012 übergaben Nauck und Kropp-Büttner das Unternehmen schließlich an die dänische Toms-Gruppe. Unter Leitung von Martin Haagensen haben viele Produkte ein neues, moderneres Gesicht bekommen. Auch die Schokoladenfabrik wurde umstrukturiert, was unter anderem mit der Verlagerung eines Teils der Verpackungsabteilung und damit auch mit einem Stellenabbau einherging. Diese Veränderungen seien dringend nötig gewesen, weil das Unternehmen in der Zeit von 2012 bis 2014 rote Zahlen geschrieben habe, begründet Martin Haagensen. Zu schaffen machten Hachez unter anderem die steigenden Produktions- und Rohstoffkosten – derzeit etwa für Haselnüsse. Dennoch ist Haagensen für dieses Jahr vorsichtig optimistisch: „Es sieht so aus, als könnten wir es in die schwarzen Zahlen schaffen“, sagt er. „Es geht uns wieder besser.“ Das Markenjubiläum feiert das Unternehmen ab Donnerstag, 2. Juli, in den Verkaufsräumen am Markt, wo ein Chocolatier Schokolade vor den Augen der Kunden zubereitet.

Walter Krupp wird die Entwicklung von Hachez in Zukunft über die Auslagen in den Geschäften beobachten. Statt mit Schokolade zu arbeiten, will er nun mehr lesen, Fahrrad fahren und sich um sein Enkelkind kümmern. „Langweilig wird es mit Sicherheit nicht“, sagt er. „Aber die Schokolade, das muss ich zugeben, die wird mir schon sehr fehlen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+