Aktionstag an Krankenhäusern In Bremer Kliniken fehlen 1600 Stellen

Pausen sollen eigentlich vor Überlastung schützen, doch wegen des Personalmangels auf den Stationen müssen Pflegekräfte Pausen regelmäßig ausfallen lassen. Dadurch steigt das Risiko für Fehler.
20.02.2017, 21:13
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
In Bremer Kliniken fehlen 1600 Stellen
Von Sabine Doll

Pausen sollen eigentlich vor Überlastung schützen, doch wegen des Personalmangels auf den Stationen müssen Pflegekräfte Pausen regelmäßig ausfallen lassen. Dadurch steigt das Risiko für Fehler.

Nachts ist die Personalsituation in den Krankenhäusern oft kritisch. Das hat ein „Nachtdienstcheck“ der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in rund 220 deutschen Kliniken ergeben. Jede zweite Pflegekraft muss danach alleine 25 Patienten betreuen.

Auch in Bremen ist die Lage nicht besser: Anfang Dezember haben Verdi-Mitarbeiter einige Stationen besucht: „Wir haben miterlebt, unter welchem Druck eine Pflegekraft im Nachtdienst steht. Gleichzeitig hatten Patienten aus drei Zimmern geklingelt, sie musste alleine entscheiden, welcher Patient dringender ihre Hilfe bekommt und wer warten muss“, schildert Jörn Bracker, Gewerkschaftssekretär für den Fachbereich Gesundheit bei Verdi.

Die Nachtschwester sei erleichtert gewesen, dass die Besucher vor Ort waren, weil sie eine Patientin, die aus dem Bett gefallen war, nicht alleine heben konnte. „Das ist ein Skandal“, so der Verdi-Funktionär.

Motto: "Heute schon Pause gemacht?"

Mit einem Aktionstag will Verdi an diesem Dienstag bundesweit auf den Pflegenotstand, die Situation der Pflegekräfte und die Folgen für die Patientenversorgung aufmerksam machen. Nach Zahlen der Gewerkschaft fehlen in den Bremer Kliniken rund 1600 Stellen, fast die Hälfte allein in der Pflege. Der Aktionstag steht unter dem Motto „Heute schon Pause gemacht?“ – wegen des Personalmangels auf den Stationen müssten Pflegekräfte Pausen regelmäßig ausfallen lassen.

„Weil keine Ablösung da ist, weil ein Kollege dann ganz alleine auf der Station wäre oder weil Pause machen bedeuten würde, dass man etwas Wichtiges nicht tun und damit Patienten gefährden könnte“, nennt Bracker als Beispiele. Pausen seien im Arbeitszeitgesetz ganz klar mit dem Ziel formuliert, Beschäftigte und Auszubildende vor Überlastung zu schützen.

Thorsten Novy erlebt diese Überlastung fast jeden Tag. Er arbeitet als Fachpflegekraft für Anästhesie und Intensivmedizin im Klinikum Bremen-Mitte und vertritt die Interessen seiner Kollegen im Betriebsrat. „Das Personal ist knapp, es sind zu wenige Pflegekräfte für viele Patienten“, sagt er.

Pflegerberuf hat an Attraktivität verloren

Die Kollegen würden ihr Bestes geben, aber Druck und Überlastung führten zu Stress und Krankheit – „und das Risiko für Fehler steigt“, sagt er. „Die Realität ist oft so: Man wurschtelt sich durch und hofft, dass nichts passiert.“ Die schlechten Arbeitsbedingungen würden dazu führen, dass der Pflegeberuf an Attraktivität verloren habe: „Es werden händeringend Auszubildende gesucht, die Kliniken zahlen sogar Prämien.“

Das Durchschnittsalter der Pflegekräfte in den vier Häusern des Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno), zu dem das Klinikum Bremen-Mitte gehört, liege aktuell bei Ende 40. „Wenn sich jetzt nichts ändert und diese Generation in Rente geht, sieht es ganz schlecht aus“, befürchtet Thorsten Novy.

Laut Verdi kann nur die Politik an Personalmangel und schlechten Arbeitsbedingungen etwas ändern. Die Gewerkschaft fordert feste Personalschlüssel als gesetzliche Vorgabe. Deutschland liege bei der Personalausstattung weit hinter anderen Ländern, sagt Jörn Bracker. Im Schnitt kümmere sich ein Pfleger um zehn Patienten, in den Niederlanden sei das Verhältnis eins zu fünf.

Bundesweit gesetzliche Regelung

Vorbild könnte ein Modell sein, mit dem die Berliner Charité Tarifgeschichte geschrieben hat: Die Uniklinik hat im April 2016 den bundesweit ersten Tarifvertrag unterschrieben, der einem Krankenhaus verbindliche Personalschlüssel vorschreibt. Konkret bedeutet der Tarif etwa, dass eine Pflegekraft auf den Intensivstationen im Schnitt zwei Patienten pro Schicht versorgt, zuvor waren es häufig bis zu fünf Patienten.

„Das ist eine Option, aber eine bundesweit gesetzliche Regelung ist deutlich sinnvoller“, sagt Jörn Bracker. Sollte der Schlüssel nicht eingehalten werden, hätte das nämlich Konsequenzen: Betten müssten gesperrt oder ganze Stationen geschlossen werden. „Eine gesetzliche Regelung würde vor allem auch bedeuten, dass die Länder endlich ihrer Pflicht nachkommen und die Investitionskosten für die Kliniken übernehmen müssten.“ Seit vielen Jahren würden Gelder der Krankenkassen, die eigentlich für das Personal vorgesehen seien, für Neubauten und Großgeräte zweckentfremdet.

„Bundesweit und auch in Bremen ist der Fachkräftemangel in der Pflege schon sichtbar geworden. Es ist wichtig, dass wir die Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen verbessern“, sagt Gesundheitssenatorin und Geno-Aufsichtsratsvorsitzende Eva Quante-Brandt (SPD). Für eine Personalbemessung in Kliniken seien bundesweite Regelungen notwendig, betont auch sie. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Kliniken offene Stellen schneller besetzen können.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+