Interview zur CO2-Bepreisung "Klimaschutz braucht eine soziale Komponente"

Die CO2-Bepreisung sorgt sowohl in der Politik als auch in der Bevölkerung für hitzige Debatten. Annabel Oelmann von der Bremer Verbraucherzentrale hält schneller steigende Kosten für den richtigen Schritt.
14.06.2021, 13:15
Lesedauer: 4 Min
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Von Antonia Blome

Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock spricht sich dafür aus, dass der Benzinpreis bis 2023 auf 16 Cent angehoben wird. Wie bewerten Sie diesen Vorstoß?

Annabel Oelmann: Ich finde diesen Vorschlag richtig. Klimaschutz zu fordern und sich gleichzeitig darüber aufzuregen, dass die Spritpreise steigen, passt aus meiner Sicht nicht zusammen. Die Zeit zu handeln ist jetzt, und die Preise klimaschädlicher Stoffe müssen steigen. Eine Erhöhung des CO2-Preises ist ja auch bereits geplant, nur nicht so schnell wie im Vorschlag der Grünen. Dass es teurer wird, steht also völlig außer Frage. Die Einnahmen sollten aber unbedingt für Klimaschutzprojekte eingesetzt werden.

Was genau würde sich für Bürger mit dieser Preiserhöhung verändern?

Das, was wir in den vergangenen Wochen bereits erlebt haben. Die Preise an der Tankstelle werden teurer. Nachdem die Spritpreise aufgrund von Corona bisher eher niedrig gewesen sind, werden wir aber sowieso einen Kostenanstieg erleben.

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Die Grünen planen, ein "Energiegeld" einzuführen, um Geringverdiener zu entlasten. Was halten Sie von diesem Konzept?

Der Ansatz ist genau richtig, denn Klimaschutz braucht eine soziale Komponente. Diese könnte die Senkung der EEG-Umlage, eine Härtefallregelung bei bestimmten Konstellationen oder eben ein "Energiegeld" sein, bei dem ein Teil der Einnahmen aus dem CO2-Preis an die Bürger ausgeschüttet wird. Fraglich bleibt allerdings noch, wie genau die Grünen dieses Konzept umsetzen wollen.

Wie könnten Geringverdiener, Menschen auf dem Land oder Pendler sonst noch unterstützt werden?

Wenn wir wollen, dass Menschen ihr Fahrverhalten ändern, müssen wir auf verschiedene Bereiche blicken und zum Beispiel den ÖPNV ausbauen. Es kann schließlich nicht angehen, dass Menschen auf dem Land überhaupt keine andere Möglichkeit haben, als mit dem Auto zu fahren. Zudem ist es problematisch, wenn ich in Bremen teilweise im 30-Minuten-Takt auf ein öffentliches Verkehrsmittel warten muss. Verbraucher benötigen gute und angenehme Alternativen. Das Radwegenetz in Bremen ist zwar in Ordnung, dennoch brauchen wir eine umfassende Verkehrswende. Eine einmalige Investition ist da nicht genug, es muss dauerhaft etwas getan werden.

Sollten nicht eher Unternehmen statt der Bevölkerung in die Verantwortung genommen werden?

Unternehmen sollten ebenso wie Verbraucher zur Kasse gebeten werden. Allerdings ist es so, dass Firmen die höheren Preise früher oder später ohnehin durch ihre Produkte an die Bevölkerung weitergeben. Man darf also nicht davon ausgehen, dass die Verbraucher nicht beeinflusst werden, wenn Unternehmen für den Klimaschutz mehr zahlen. Die Preise für klimaschädliche Produkte zu erhöhen, ist der richtige Weg, denn das Ziel ist schließlich, unser Kaufverhalten ein Stück weit zu ändern. Unternehmen sollten aber nicht nur Abgaben machen müssen, sondern auch Vorgaben einhalten. Diese sind nämlich ein wichtiger Hebel im Kampf gegen den Klimawandel.

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Obwohl Union und SPD die CO2-Bepreisung selbst eingeführt haben, kritisieren sie den Plan der Grünen scharf. Verliert die Koalition den Klimaschutz aus den Augen?

Ich finde auf jeden Fall, dass solche Debatten die Verbraucher irritieren und verwirren. Sie werden damit auf völlig falsche Gedanken gebracht. Das ist alles andere als gute Verbraucherinformation, schließlich soll die Bevölkerung den politischen Weg im Kampf gegen den Klimawandel auch mitgehen. Da ist es wichtig, dass die Regierung gut und klar kommuniziert, anstatt Panikdebatten zu führen.

Wie können Menschen trotz der steigenden Preise Geld sparen?

Das oberste Gebot lautet vergleichen, vergleichen, vergleichen. Jeder gefahrene Kilometer sollte hinterfragt werden. Muss ich mit dem Auto zum Bäcker fahren oder tut es auch das Fahrrad? Beim Neukauf eines Wagens sollte man außerdem auf den Spritverbrauch achten. Das Gleiche gilt beim Heizverhalten, der Nutzung eines Wäschetrockners oder beim ressourcenschonenden Umgang mit Lebensmitteln. Jeder hat verschiedene Bereiche, wo er gut einsparen kann und wo es ihm leicht fällt.

Wäre im Sinne des Klimaschutzes ein Recht auf Homeoffice sinnvoll, um den Berufsverkehr zu reduzieren?

Noch ist diese Frage nicht klar zu beantworten, denn es fehlen ausreichende Erfahrungen. Mein Bauchgefühl sagt da erst einmal Ja, denn natürlich spart man sich dann die Fahrtwege. Allerdings sind diese ja auch für jeden unterschiedlich. Außerdem verlagern sich im Homeoffice die Kosten, wenn ich zu Hause den Strom verbrauche und die Heizung in einer Wohnung aufdrehe, die vielleicht viel größer als mein Büro ist. Das dauerhafte Homeoffice hätte außerdem noch ganz andere Auswirkungen. Zum Beispiel könnte das Leben in den Innenstädten auf lange Sicht aussterben.

Das Interview führte Antonia Blome.

Zur Person

Annabel Oelmann (43)

leitet seit April 2016 als Vorständin die Verbraucherzentrale Bremen. Zuvor war die gebürtige Lübeckerin Bereichsleiterin in der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

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Wachsende Gefahren für Natur, Infrastruktur und Wirtschaft

Deutschland erwarten bei einem ungebremsten Klimawandel erhebliche Schäden für Natur, Infrastruktur und das Wirtschaftssystem. Während die Auswirkungen der Erderwärmung bisher regional sehr unterschiedlich zu spüren sind, drohen dann Folgen im gesamten Bundesgebiet von den Küsten und Flussufern bis in die Gebirge, wie die am Montag veröffentlichten Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 für Deutschland (KWRA 2021) zeigt. Schon jetzt unvermeidbar ist demnach die Anpassung an den Klimawandel.

Die Analyse wird im Auftrag der Bundesregierung alle sechs Jahre durchgeführt und wird als deutschlandweit umfassendste Untersuchung dazu bezeichnet. Beteiligt waren Experten aus 25 Bundesbehörden und -institutionen sowie aus neun Ressorts, die im Behördennetzwerk „Klimawandel und Anpassung“ zusammenarbeiten. Die Autoren haben 100 Wirkungen des Klimawandels und deren Wechselwirkungen betrachtet. Die Analyse beschäftigt sich mit den Folgen für Natur, Lebensgrundlagen, Gesundheit, Alltag und Wirtschaft.

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