Interview mit Islamwissenschaftler „Sie sollen das lächelnde Gesicht des Islam zeigen“

Bülent Ucar ist wissenschaftlicher ¬Direktor des Islamkollegs. Im Interview spricht er über die Rolle, Aufgaben und Ausbildung eines Imams einer muslimischen Gemeinde.
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„Sie sollen das lächelnde Gesicht des Islam zeigen“
Von Marc Hagedorn

Herr Ucar, welche Rolle spielt der Imam in muslimischen Gemeinden?

Bülent Ucar: Wenn man es allein auf den Moscheekontext begrenzt, ist es seine vornehmliche Aufgabe, die Gebete zu leiten.

Und wenn man es weiter fasst?

Dann wird er je nach Ausrichtung sowohl als politischer Führer wie auch als religiöse Autorität angesehen. In unserem Zusammenhang, über den wir hier ja reden wollen, bedeutet Imam übersetzt religiöser Leiter. Er führt die Moscheegemeinde, seine Rolle ist vergleichbar mit der eines Pfarrers, eines Priesters oder eines Rabbiners.

Welche Aufgaben übernimmt ein Imam ­genau?

Die erste Aufgabe ist es, die Gebete zu leiten. Darüber hinaus muss er in den Gemeinden seelsorgerisch tätig sein. Er spendet Trost, spricht mit den Gemeindemitgliedern, tauscht sich aus. Bei wichtigen Familienangelegenheiten ist er vor Ort, etwa wenn jemand verstirbt, bei der Geburt von Kindern, wenn Ehen geschlossen werden, bei der Beschneidung der Jungen. Eine weitere Aufgabe ist die religiöse Erziehung und Bildung der Gemeinde. Und beim Freitagsgebet schließlich wirkt der Imam als Prediger. Die Predigten haben manchmal einen religiösen und spirituellen Charakter, zuweilen werden aber auch gesellschaftspolitische Themen aufgegriffen.

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An diesem Punkt werden manche Menschen hellhörig. Für sie sind Moscheen Orte der politischen Bildung, im Extremfall der Radikalisierung. Wie sehen Sie das?

Es kommt ganz auf die Gemeinde an. Prinzipiell ist nichts gegen eine Thematisierung gesellschaftspolitischer Fragestellungen aus religiöser Perspektive einzuwenden. Im Gegenteil, Religionen können wichtige Werte generieren für die Stabilisierung einer humanen Gesellschaftsordnung. Wenn sie diese jedoch prinzipiell ablehnen oder gar bekämpfen, haben wir es mit einer extremistischen Ideologie zu tun, um die sich dann der Verfassungsschutz oder gar die Staatsanwaltschaft kümmern muss.

Diejenigen, die sich nicht so sicher sind, was sich da in den Moscheen abspielt, blicken auch skeptisch darauf, dass rund 80 Prozent der Muslime im Ausland ausgebildet werden: in der Türkei bezahlt vom Staat, eingesetzt in Deutschland von der Ditib, die als verlängerter Arm des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gilt. Als ein weiteres Problem an der Ausbildung gilt auch die Sprache.

Die meisten Imame, die aus dem Ausland kommen, sprechen nicht gut deutsch. Sie fühlen sich hier wie Fremde in der Fremde und selten heimisch – wie auch? Sie sind nur wenige Jahre hier. Das erschwert die Integration und die Eingewöhnung in die Lebensumstände in Deutschland. Faktisch sind sie mit dem Körper hier, mit dem Geiste aber in der Heimat.

Welche Auswirkungen hat das?

Gerade auch in Zeiten von Extremismus und Radikalisierung, Aggression und Terror im Namen des Islam ist es wichtig, dass Imame nicht nur in ihre Gemeinden hineinwirken, sondern dass sie auch aktiv auf die Mehrheitsgesellschaft zugehen, den interreligiösen Dialog suchen, als Multiplikatoren ­Brücken bauen und die bestehende Angst in der Gesellschaft abbauen. Dabei fehlt es nicht immer nur am guten Willen, sondern es scheitert auch an objektiven Voraussetzungen.

Was meinen Sie damit?

Ich will nicht pauschalisieren, aber vielen Imamen fehlt die Sensibilität für politische und gesellschaftliche Befindlichkeiten. In jedem Land gibt es spezielle historisch gewachsene Besonderheiten. Der undifferenzierte Umgang mancher Imame mit dem Antisemitismus vor dem Hintergrund des Holocaust ist beispielsweise ein solcher hierzulande. Das kennen die Imame aus ihren Herkunftsländern nicht. Dazu kommt ein genuin muslimisches Phänomen.

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Und zwar?

Die jetzt in Deutschland heranwachsende dritte oder vierte Generation der Muslime tut sich schwer mit den Herkunftssprachen. Man spricht die Muttersprache nicht mehr so gut wie frühere Generationen. Ich muss nur meine eigenen Kinder als Beispiel nehmen: Sie sprechen deutlich besser Deutsch als Türkisch, Arabisch oder Bosnisch. Dadurch gibt es Kommunikationsprobleme zwischen den traditionellen Gemeinden und der heranwachsenden Generation.

Mit welchen Folgen?

Extremisten und Salafisten machen sich das zunutze. Diese Leute sprechen hervorragend Deutsch, dafür muss man sich nur mal ein paar Videos im Internet anschauen. Da werden religiöse Gefühle missbraucht, um auf vermeintliche gesellschaftliche Missstände hinzuweisen. Dadurch werden junge Leute radikalisiert. Wir würden uns wünschen, dass Imame an dieser Stelle intensiver das gesellschaftliche Befriedigungspotenzial aktivieren, auch de-radikalisierend und präventiv wirken. Kurz: ein Islamverständnis predigen, das kompatibel ist mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in diesem Land. Aber dafür müssen sie gut Deutsch sprechen können.

Wie attraktiv ist es eigentlich, als Imam zu arbeiten?

Mit Ausnahme der von Ditib entsendeten Imame sind alle anderen Imame in Deutschland ziemlich schlecht bezahlt. Das hängt mit den fehlenden finanziellen Möglichkeiten der Gemeinden zusammen. Strukturelle Förderungen und Quersubventionen wie für katholische, evangelische oder jüdische Gemeinden gibt es für muslimische Gemeinden nicht. Sie können keine Kirchen- oder Moscheesteuern erheben, da sie nicht als öffentliche Körperschaften staatlich anerkannt werden.

Was heißt das für die Finanzierung der ­Gemeinden?

Die Moscheen sind auf die Spenden der Mitglieder angewiesen. Deshalb muss man überlegen, was man an diesem Punkt machen kann. Allein aufs Ausland zu schimpfen, weil von dort die Imame bezahlt werden, ist nicht weiterführend. Wenn man sieht, welche finanzielle Förderung sich die Türkei leistet, und wenn man in Deutschland tatsächlich daran interessiert ist, die Autonomie von muslimischen Gemeinden hier vor Ort zu gewährleisten, sollte man über die Frage der Finanzierung nachdenken. Aber das ist eine politische Entscheidung.

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Es gibt einen Satz, der in Deutschland die Gemüter bis heute bewegt. Zuerst hat ihn Wolfgang Schäuble (CDU) 2006 gesagt, vier Jahre später Christian Wulff (CDU) als Bundespräsident in ähnlicher Form: „Der Islam gehört zu Deutschland“. Was denken Sie heute über diesen Satz?

Ich erinnere mich dabei an meine Kindheit. Ich bin ein Kind des Ruhrgebietes, dort in den 70er- und 80er-Jahren aufgewachsen. Zu der Zeit gab es nur drei Fernsehsender, ARD, ZDF und die Dritten. Islam war damals fast nie ein Thema. Wenn etwas kam, eine Sendung erinnere ich, „Ihre Heimat – Unsere Heimat“ im dritten Programm, also wenn das kam, hingen wir alle vor dem Fernseher. Für uns als Deutschtürken war das eine große Sache, wenn eine Viertelstunde lang über das Land unserer Eltern berichtet wurde. Heute können Sie keine Zeitung aufschlagen und finden kaum eine Talkshow, in der Islam nicht auch Thema ist.

Der Schäuble-Wulff-Satz klingt simpel, scheint aber kompliziert zu sein.

Weil dahinter viele unausgesprochene und komplexe Diskurse stecken. Wenn wir heute vom Islam reden, sprechen wir immer auch von Flüchtlingen, von Menschen, die „anders“ sind, von Extremismus, Radikalisierung, einer politischen Ideologie und eben auch einer Religion. Jeder auf seine Weise. Man muss sich jedes Mal fragen: Wer sagt den Satz? Was bezweckt er damit? Was steckt dahinter? Der Satz ist in seiner Verkürzung sehr vielschichtig. Wenn Herr Wulff oder Herr Schäuble diesen Satz formulieren, meinen sie etwas ganz anderes als Menschen, die lauthals etwa auf Pegida-Demos dagegen anschreien.

Wie nah, wie fremd sind sich Christen und Muslime in diesem Land?

Sowohl bei den Christen wie bei den Muslimen gibt es Gruppen von Menschen, die ich als Fundamentalisten und Extremisten bezeichnen würde. Aber die überwältigende Mehrheit ist sich untereinander in vielem einig. Das Problem liegt viel weniger zwischen Christen und Muslimen als vielmehr zwischen Extremisten, egal auf welcher Seite, und der moderaten Mitte. Das Problem sind die Ränder, die sich am liebsten die Köpfe einschlagen würden, sich aber viel ähnlicher sind, als sie es sich eingestehen wollen.

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Welche Art von Islam sollen die bei Ihnen ausgebildeten Imame vermitteln?

Wir haben als bundesweit tätige Ausbildungseinrichtung den dringenden Wunsch, dass ein authentischer, glaubwürdiger Islam gelehrt wird, damit er auch Akzeptanz findet in den muslimischen Communities. Gleichzeitig soll er aber auch mäßigend auf die Gläubigen einwirken. Er soll das lächelnde Gesicht des Islam wieder stärker in den Vordergrund stellen, weg von Extremismen, die im Namen des Islam vertreten werden. Die Menschen sollen den Islam nicht mit Aggression und Verbrechertum verbinden. Wir wollen zeigen, dass eine in Deutschland beheimatete Religiosität durchaus kompatibel sein kann mit den Grundwerten der freiheitlich demokratischen Grundordnung.

Das Gespräch führte Marc Hagedorn.

Info

Zur Person

Bülent Ucar (43) ist wissenschaftlicher Direktor des Islamkollegs. Hier sollen ab April die ersten 30 Imame ausgebildet werden. Ucar ist Professor für Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Osnabrück.

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