Jutta Günther über den Standort Bremen Interview: Warum sich Konzerne aus Bremen zurückziehen

Warum sich die Produktionsstätten multinationaler Konzerne immer weiter bewegen und was Bremen tun kann, um den Standort zu stärken, sagt die Volkswirtschaft-Professorin Jutta Günther der Uni Bremen.
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Interview: Warum sich Konzerne aus Bremen zurückziehen
Von Maren Beneke

Warum sich die Produktionsstätten multinationaler Konzerne immer weiter bewegen und was Bremen tun kann, um den Standort zu stärken, sagt die Volkswirtschaft-Professorin Jutta Günther der Uni Bremen.

Schaut man sich die jüngsten Verän­derungen an, könnte man meinen, dass sich Konzerne speziell aus Bremen zurückziehen. Beobachten Sie diese Entwicklung auch an anderen deutschen Standorten?

Jutta Günther: Das sind keine bremen- oder deutschlandspezifischen Entwicklungen. Es lässt sich weltweit beobachten, dass sich gerade die Produktionsstätten multinationaler Konzerne immer weiterbewegen.

Woran liegt das?

Große Konzerne haben in den allermeisten Fällen eine gering ausgeprägte lokale Bindung. Die Entscheidungsträger sitzen irgendwo auf der Welt, und die regionalen Aspekte, zum Beispiel die Arbeitsplätze in den Werken vor Ort, sind in deren Entscheidungskalkülen nicht so bedeutungsvoll.

Solche Entschlüsse sind in den vergangenen Jahren aber doch immer häufiger aufgetreten.

Es hat sie aber schon immer gegeben. Die Wirtschaftsgeschichte ist voll von Beispielen, in denen sich Produktionsstätten irgendwo niederlassen und nach einer gewissen Zeit weiterziehen. Das Phänomen geht mit dem Strukturwandel einher, Sektoren und Märkte verändern sich. Ein Klassiker ist das Ruhrgebiet: Im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung als eine Boom-Region entwickelt, hat der Bedarf nach den dort geförderten Rohstoffen immer weiter abgenommen, sodass sich die Wirtschaftsstrukturen dort komplett verändert haben.

Welche Veränderungen kennzeichnen die Weltwirtschaft von heute?

Typischerweise ziehen arbeitsintensive Branchen wie die Nahrungsmittel- oder die Textilindustrie aus den hoch industrialisierten Ländern weg in Länder mit niedrigem Lohnniveau. In den hoch industrialisierten Ländern spielt dafür der Dienstleistungssektor eine immer größere Rolle.

Im Fall von Kellogg gibt es neben Bremen noch drei weitere Werke in Spanien und Großbritannien und damit an Standorten, die nicht unbedingt als Niedriglohnländer bekannt sind. Welche konkreten Vorteile haben solche Länder gegenüber Deutschland?

Das muss immer im Einzelfall betrachtet werden. Die in Europa konsumierten Nahrungsmittel müssen zum Teil auch durch lokale Werke bedient werden – das steht außer Frage. Das Konsumentenverhalten spielt dabei eine Rolle: Wenn in Großbritannien mehr Cerealien und Cornflakes verkauft werden, dann spricht das für solch einen Produktionsstandort.

Was können Länder wie Deutschland oder Standorte wie Bremen tun, um Konzerne zu halten?

Wenn Konzerne sich entschieden haben, woanders hinzugehen, kann nichts mehr getan werden. Natürlich muss man es bedauern, wenn Kellogg ankündigt, sein Bremer Werk zu schließen, und für die Beschäftigten ist es schmerzhaft. Aber wichtig ist nun, nach vorne zu schauen, und auf die Stärken zu setzen. Im Fall von Bremen heißt das: Die Schwerpunkte im Zusammenspiel mit den wissenschaftlichen Einrichtungen auf Umwelttechnologien, erneuerbare Energien, maritime Wirtschaft und Logistik sowie Luft- und Raumfahrt setzen. Politik kann aber auch nicht alles richten.

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Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) hat betont, dass er von der Entscheidung des Konzerns vollkommen überrascht wurde. Mit welchem Vorlauf trifft ein Konzern Entschlüsse wie diese?

Die Entscheidung des Kellogg-Konzerns wird mit Sicherheit nicht von heute auf morgen getroffen worden sein. Hinter Standortentscheidungen stecken immer komplexe Prozesse, die sich über einen längeren Zeitraum hinziehen. Aber auch Faktoren wie die Produktions- und Rohstoffkosten oder die sich verändernden Märkte spielen eine Rolle.

Solchen Entschlüssen sind Politiker also vollkommen ausgeliefert?

Ja, das ist oft leider so. Vor allem, wenn wie bei Kellogg offensichtlich kein Kommunikationsbedarf signalisiert wurde.

Das Gespräch führte Maren Beneke.

Zur Person

Jutta Günther (49) hat im Fachbereich Sozialwissenschaften promoviert. 2014 übernahm sie die Professur für VWL an der Uni Bremen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Innovationsprozesse und Strukturwandel.
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