Die Andersdenker IT-Dienstleister nutzt Fähigkeiten von Autisten

Der Dienstleister Auticon beschäftigt ausschließlich Menschen mit Autismus - wegen ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten wie dem großen Erinnerungsvermögen oder der hohen Konzentrationsfähigkeit.
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Von Katharina Frohne

Der Dienstleister Auticon beschäftigt ausschließlich Menschen mit Autismus - wegen ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten wie dem großen Erinnerungsvermögen oder der hohen Konzentrationsfähigkeit.

Rain Man oder Sheldon Cooper aus der TV-Serie „The Big Bang Theory“, die kenne man ja, sagt Bernd Günter. „Hollywood-Autisten“ nennt er Figuren wie sie. Trotzdem wüssten die meisten Menschen wenig über Autismus. Welche Formen und Ausprägungen es gibt, was an den Darstellungen aus Film und Fernsehen dran ist.

Das galt bis vor wenigen Jahren auch für ihn. Als er dann von Auticon las – einem IT-Dienstleister, der ausschließlich Autisten als Berater beschäftigt – war er fasziniert. Und skeptisch.

Großes Potenzial bei Autisten

„Ich hatte von den unglaublichen Fähigkeiten gelesen, die da zum Einsatz kommen, wie schnell Autisten sind, wie konzentriert, dass sie Dinge sehen, die wir nicht sehen können“, erzählt Günter. „Das habe ich zuerst nicht geglaubt.“ Also habe er beim Hauptsitz in Berlin angerufen und nachgefragt. Und das Konzept, von dem er erfuhr, machte ihn neugierig.

Heute leitet Günter, der vorher 20 Jahre lang in der IT- und Hightechbranche tätig war, zwei Auticon-Niederlassungen – seit 2014 eine in Hamburg und seit September nun auch in Bremen. Die neue ist die siebte bundesweit.

Noch besteht sie aus einem kleinen, spärlich eingerichteten Büro im Bremer Technologie- und Informationszentrum in der Fahrenheitstraße. In dem sitzt Günter momentan allein. Ein gutes Zeichen, sagt er. Denn die vier neuen Mitarbeiter seien bereits für verschiedene Kunden im Einsatz. Als IT-Berater arbeiten sie direkt in den Unternehmen, die den Dienstleister beauftragen.

Wie alle Auticon-Mitarbeiter hatten sie es zuvor schwer gehabt, einen Job zu finden. „Die meisten unserer Berater sind Asperger-Autisten“, erzählt Günter. Autismus beschreibt eine angeborene und nicht heilbare Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns. Sie tritt in verschiedenen Ausprägungen und Schweregraden auf. Das Asperger-Syndrom gilt als eher milde Variante innerhalb des Autismusspektrums.

Betroffenen fällt es schwer, nichtsprachliche Signale zu deuten oder selbst zu vermitteln. Die Gestik und Mimik anderer erscheint ihnen oft rätselhaft, persönliche Gespräche werden zur Herausforderung. Die sogenannten Inselbegabungen, bei der in kleinen Teilbereichen wie etwa der Musik, der Mathematik oder eben der Informationstechnologie außergewöhnliche Leistungen erbracht werden, kommen dabei nur gelegentlich vor.

Erhöhte Wahrnehmung ohne Reizfilter

Weil Autisten Dinge, die andere intuitiv verstehen, nicht deuten können, werde ihre Wahrnehmung oft für eingeschränkt gehalten, sagt Günter. Tatsächlich sei das Gegenteil der Fall. „Autisten haben eine verminderte Reizfilterung“, erklärt er.

„Menschen ohne Autismus nehmen automatisch selektiv wahr – nur ein Teil unserer sensorischen Wahrnehmung dringt auch wirklich zu uns durch.“ Bei Autisten sei das anders. „Alle Informationen strömen ungefiltert auf sie ein. Sie müssen erst durch aktive Denkarbeit entscheiden, was wichtig ist und was nicht.“

Im Alltag bereitet ihnen das oft große Schwierigkeiten. Über 90 Prozent aller Asperger-Autisten sind nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt. Bei Auticon hingegen wird ihr Defizit zur Stärke – zum Wettbewerbsvorteil. „Weil unsere Berater nicht unbewusst vorfiltern, sehen sie, was andere nicht wahrnehmen können“, sagt Günter.

Eine Angestellte der Bremer Niederlassung sei beispielsweise Prozessmanagerin. Dank ihrer nicht-selektiven Wahrnehmung könne sie komplexeste Prozesse in ihrer Gesamtheit erfassen und analysieren. Zudem habe sie ein außergewöhnliches Erinnerungsvermögen. „Sie kann sich ein Gespräch wörtlich einprägen und wochenlang merken“, sagt Günter.

Bei Auticon kommen ihre Fähigkeiten in der Analyse von Unternehmensinformationen zum Einsatz. „Unsere Kunden sind oft verblüfft von den Ergebnissen, die unsere Consultants liefern“, sagt Günter. „Wegen ihrer besonderen Eigenschaften kommen sie zu Lösungen, die anderen Menschen und damit auch anderen Dienstleistern nicht möglich sind.“

Autisten dächten eben einfach anders – „Querdenker mit System“ lautet das Motto der IT-Firma. Die Wiederbeauftragungsquote nach Erstprojekt liegt laut Günter bei 86 Prozent.

Arbeitsplatz muss autistengeeignet sein

Dass die Berater ihre Fähigkeiten zum Einsatz bringen können, verdanken sie den Arbeitsbedingungen, die Auticon bietet. Sogenannte Job-Coaches – Autismus-Experten mit IT-Zusatzqualifikation – stellen sicher, dass der Arbeitsplatz bei einem Kunden auch autistengeeignet ist. Das bedeutet: so reizarm wie möglich.

Trennwände, lautlose Tastaturen, Gehörschutz und Sonnenbrillen erlauben es den Beratern, konzentriert zu arbeiten. „Die Job-Coaches sind unsere Vermittler und Befähiger“, sagt Günter. „Sie übersetzen zwischen unseren Mitarbeitern und den Kundenteams.“ Elf an der Zahl beschäftigt Auticon bundesweit.

Sie sind es auch, die die Suche nach neuen Mitarbeitern übernehmen. Die läuft bei Auticon fast ausschließlich über soziale Netzwerke. Die schriftliche Kommunikation im Internet komme den Autisten entgegen. „Sie ist klar und deutlich, und man kann Smileys verwenden, um dem Gesagten eine Färbung zu geben“, sagt Günter. Besonders Twitter sei beliebt – „wegen der begrenzten Zeichenanzahl und weil kein Platz ist zum lange Rumlabern.“

Danach gefragt, wie er den Berufsalltag mit den autistischen Kollegen nach zwei Jahren bei Auticon erlebt, erzählt Günter eine Anekdote von der letzten Weihnachtsfeier. In der Hamburger Niederlassung hatte er alle 17 Mitarbeiter eingeladen. Doch aus dem üblichen Beisammensein wurde nichts.

„Die Gespräche gingen so schnell hin und her und bewegten sich auf einem Niveau, dass ich gar nicht mehr mitkam“, sagt Günter. So war er es, der nur staunend dabei sitzen konnte und nicht so recht dazugehörte. Was normal ist und was nicht, sagt er, sei eben oft nur eine Frage der Perspektive.

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