Trend in Bremen

Jeder dritte neue Job ist Leiharbeit

Der Bremer Arbeitsmarkt weist einige Schönheitsfehler auf. Zu diesem Ergebnis kommt die Arbeitnehmerkammer in ihrem „Bericht zur Lage der Arbeitnehmer im Land Bremen“, den sie am Mittwoch vorgestellt hat.
07.04.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Jeder dritte neue Job ist Leiharbeit
Von Stefan Lakeband
Jeder dritte neue Job ist Leiharbeit

Für Arbeitnehmerrechte und soziale Gerechtigkeit, gegen Leiharbeit und Ein-Euro-„Jobs“ wird in regelmäßigen Abständen demonstriert.

Frank Thomas Koch

Der Bremer Arbeitsmarkt weist einige Schönheitsfehler auf. Zu diesem Ergebnis kommt die Arbeitnehmerkammer in ihrem „Bericht zur Lage der Arbeitnehmer im Land Bremen“, den sie am Mittwoch vorgestellt hat. Das größte Problem ist demnach die hohe Zahl an Leiharbeitern.

Zwischen Juni 2014 und Juni 2015 sind in Bremen mehr als 4700 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden, sagt Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer. Etwa ein Drittel davon bei Zeitarbeitsfirmen. „Das ist bedenklich“, sagt Schierenbeck. Denn für die meisten Arbeitnehmer sei Leiharbeit kein Weg in einen festen Job, sondern „ein Schleudersitz“. Auch Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Kammer, warnt vor der hohen Zahl an Leiharbeitern. „Sie werden schneller entlassen als andere Arbeitnehmer“, sagt sie. Das zeige sich etwa in der Windbranche in Bremerhaven. Hier hätten viele Leiharbeiter im vergangenen Jahr ihren Job verloren.

In dem 160 Seiten umfassenden Bericht wird die Hansestadt als eine „Hochburg der Leiharbeit“ bezeichnet. Und auch die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass Bremen fast an der Spitze liegt, was die Beschäftigung von Leiharbeitern angeht. Nur Leipzig überbietet mit 6,0 Prozent die Bremer Leiharbeitsquote von 5,2 Prozent.

"Kein schlimmes Signal"

Cornelius Neumann-Redlin lässt die Argumente der Arbeitnehmerkammer nicht gelten. „Eine hohe Leiharbeitsquote ist kein schlimmes Signal“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände im Lande Bremen. Schließlich sei Leiharbeit eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Anders als die Arbeitnehmerkammer glaubt er daran, dass die sogenannte Arbeitnehmerüberlassung zu einer Festanstellung in einem Unternehmen führen kann. „Erst kürzlich hat Daimler Leiharbeitnehmer übernommen.“ Ende März hatte der Autobauer angekündigt, 200 Leiharbeiter im Bremer Werk fest einzustellen und zusätzliche Stellen zu schaffen.

Kritik übt der Bericht auch an der Agentur für Arbeit. Der Vorwurf: Die Agentur schlage Arbeitslosen häufig Stellen bei Leiharbeitsfirmen vor, fast jede dritte vermittelte Stelle sei 2014 ein Leiharbeitsjob gewesen. „Zusätzlich unterstützen sie Leiharbeitsformen beispielsweise mit Zuschüssen zu den Lohnkosten“, heißt es in dem Papier. Jörg Nowag, Sprecher der Agentur für Arbeit in Bremen und Bremerhaven, kann diesen Vorwurf nicht bestätigen. „In dem Angebot der Arbeitsagentur bildet sich die Struktur ab, so wie sie vor Ort ist.“ Und in Bremen gebe es nun einmal traditionell viele Leiharbeitsunternehmen, weil etwa die Logistik, die Hafenwirtschaft und die Industrie Branchen seien, in denen der Bedarf an Arbeitnehmern schwanke.

Mehr politisches Engagement

Schierenbeck und Heyduck fordern trotzdem mehr Engagement von der Politik. Es reiche nicht, die im Koalitionsvertrag vereinbarte Reform der Leiharbeit umzusetzen. Auch der Einsatz von Werkverträgen, der in den vergangenen Jahren ebenfalls gewachsen sei, müsse eingeschränkt werden.

Ein weiteres Feld, auf dem die Arbeitnehmerkammer mehr politisches Engagement fordert, sind die wissensintensiven Dienstleistungen. Hierzu zählen etwa IT-Beratungen, Kommunikationsunternehmen oder Ingenieurbüros. Seit 2007 sind allein in Bremen 11.000 neue Jobs in diesem Sektor entstanden. Dennoch arbeiten gerade einmal 21 Prozent aller Bremer in diesen Branchen, der Bundesdurchschnitt liegt bei 31. Der Geschäftsführer der Arbeitnehmerkammer wünscht sich, dass der Anteil auch in Bremen wächst. „Das sind wichtige Impulsgeber für die Wirtschaft“, sagt Schierenbeck. Diese würden auch auf andere Branchen abstrahlen – etwa wenn ein IT-Start-up eine Software für die Logistik oder den Hafenumschlag entwickelt. „Einen Gradmesser für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft“, nennt Schierenbeck das. Die Politik solle sich daher darum bemühen, mehr dieser Unternehmen anzuwerben.

Gelungene Beispiele sind etwa der Ecomat oder das Fablab, sagt Heyduck. Das Forschungszentrum Ecomat soll ab 2018 Labore, Büros und Technikeinrichtungen vereinen, mit dem Ziel, branchenübergreifend zu Themen wie Leichtbau und innovative Materialien zu forschen. Das Fablab ist hingegen eine Hightech-Werkstatt für jedermann. Unter anderem können dort 3D-Drucker benutzt werden. „Solche Projekte“, sagt Heyduck, „gibt es bislang aber nur vereinzelt.“

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