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Erste Bilanz Jobcenter-Chefin: Nur keine Bange machen lassen

Das Jobcenter soll ein positives Image bekommen. Dafür kämpft Susanne Ahlers. Seit April ist sie Chefin des Bremer Jobcenters.
19.07.2016, 00:00 Uhr
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Jobcenter-Chefin: Nur keine Bange machen lassen
Von Stefan Lakeband

Das Jobcenter soll ein positives Image bekommen. Dafür kämpft Susanne Ahlers. Seit April ist sie Chefin des Bremer Jobcenters.

Standard-Teppich, Standard-Stühle, Standard-Schreibtisch. Dazu weiße Wände. Das Büro von Susanne Ahlers sieht aus wie eine typische Verwaltungsstube. Ein Ort, an dem Vorschriften den Kampf gegen das Augenmaß schon vor langer Zeit gewonnen und Richtlinien das Bauchgefühl abgelöst haben. Und genau hier soll etwas entstehen, was auf den ersten Blick unmöglich scheint. Das Jobcenter soll ein positives Image bekommen.

„Ich mag es gar nicht so voll im Büro“, sagt die 56-Jährige fast schon entschuldigend, als sie über ihre Einrichtung spricht. Immerhin, ein großes, buntes Bild an der Wand gegenüber von ihrem Schreibtisch soll noch folgen. Was mit Power. Und damit genau das Gegenteil von der Panoramaaufnahme, die hinter ihrem Arbeitsplatz hängt. Dunkelblaues Wasser, hellblauer Himmel – gut zwei Meter lang und vielleicht 30 Zentimeter hoch. „Das hat so etwas Frisches und Weites“, sagt Ahlers. Die Essenz eines Urlaubs, gedruckt auf einem Stück Papier.

Wie Urlaub, so kam es der Geschäftsführerin des Jobcenters auch vor, als sie im April wieder nach Bremen gekommen ist. Vieles war neu, vieles war aufregend. Der Vertrag ihres Vorgängers Helmut Westkamp wurde nicht verlängert, Ahlers hat sich beworben. Von Berlin, wo sie zuletzt als Coach gearbeitet hat, ist sie in die Hansestadt gezogen, in der sie bis 1994 Politik studiert hat. In Osterholz-Scharmbeck wurde sie geboren.

Besuche ohne Angst

„Jetzt fängt der Alltag an“, sagt Ahlers. Und der kommt mit vielen Herausforderungen. Das Jobcenter kümmert sich um die Integration von Geflüchteten, um Langzeitarbeitslose und arbeitet auch an der eigenen Struktur. Fünf Jahre läuft der Vertrag von Ahlers und für diese Zeit hat sie sich ein Ziel gesetzt. „Die Leute sollen keine Angst mehr haben, wenn sie zu uns kommen.“ Doch genau dieses Gefühl kommt bei vielen Langzeitarbeitslosen auf, wenn sie zu ihrem Berater müssen.

Ahlers weiß, dass sie und ihre Mitarbeiter gefangen sind zwischen Empathie und Vorschrift. „Wir sitzen am längeren Hebel.“ Soll heißen: Sie dürfen Leistungen nicht bewilligen oder müssen sie im Ernstfall sogar streichen. Bei Leuten, die eh schon wenig haben, kommt es auf jeden Cent an. Wer davon etwas wegnimmt, macht sich nicht beliebt.

Ahlers kann diese Angst verstehen. Nach Ausbildung und Abitur wollte sie mit dem Studium beginnen. Einen Platz an der Uni Bremen hatte sie schon, doch um die Zeit zu überbrücken, hat sie sich arbeitslos gemeldet. Dass sie schon immatrikuliert ist, hat sie beim Arbeitsamt damals verschwiegen und deswegen immer neue Jobangebote bekommen. „Ich dachte, dass die mir mein Arbeitslosengeld streichen, wenn ich erzähle, dass ich schon etwas Neues habe“, sagt sie. Dumm sei das damals gewesen. „Aber dadurch weiß ich, dass auch unsere Kunden nicht immer die Wahrheit sagen, weil sie nicht wissen, was das bedeutet.“

Behörde in Zwickmühle

Doch wie kommt die Behörde aus dieser Zwickmühle? Es ist schwierig, gesteht Ahlers. Sie glaubt, dass sich auch bei den Mitarbeitern des Jobcenters etwas ändern muss. „Der Kunde und wir können nicht auf Augenhöhe agieren. Aber wir müssen auf Augenhöhe sein, was Wertschätzung und Freundlichkeit angeht.“ Und da sei man eigentlich gar nicht so schlecht aufgestellt. Seit Dienstantritt hat sie schon in zwei Geschäftsstellen hospitiert, sich dazugesetzt und zugehört. Und sie ist von ihren Mitarbeitern überzeugt. „Sie machen einen guten Job. Aber wir müssen auch mehr darüber reden.“

Ein Problem, das sie schon fast für symptomatisch in Bremen hält. „Ich finde Bremen redet sich zu schlecht. Keine Ahnung, woran das liegt.“ Ein Stück weit kenne sie das auch aus Berlin. „Da sind die Leute gleichzeitig aber auch stolz auf ihre Stadt.“ In Bremen fehle das.

Mit der Hoffnung, dass vieles besser wird, begegnet Ahlers auch den Kunden des Jobcenters. Die sechs Geschäftsstellen im Stadtgebiet kümmern sich um etwa 70.000 Menschen. So viele Bremer beziehen Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II, also etwa Hartz IV. Gut 16.000 Menschen sind in Bremen länger als zwei Jahre ohne Job.

Richtiges Wirtschaften lernen

Im Bundesvergleich ist das viel, Bremen spielt damit in einer Liga wie die Ruhrgebietsstädte Dortmund und Gelsenkirchen. Das zu ändern ist die Aufgabe von Ahlers. Das zu schaffen eigentlich unmöglich. Das weiß sie. „Es gibt Langzeitarbeitslose, die eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben. Das sind aber nicht viele. Wir haben schlicht unsere Grenzen.“ Etwa 70 Prozent der Arbeitslosen sind ohne Berufsschulabschluss. „Aber wir können aus jemanden ohne Schulabschluss keinen Raumfahrtexperten machen.“ Die bräuchte man momentan aber.

Für alle ohne Chance, will das Jobcenter aber auch Angebote machen – einige davon fangen bei Grundlagen an. So arbeitet das Jobcenter zwar mit der Schuldnerberatung zusammen. Doch viele Menschen wissen trotzdem nicht, wie sie mit dem wenigen Geld umgehen sollen. Das Jobcenter will nun Kurse anbieten, wie Langzeitarbeitslose richtig wirtschaften – zusätzlich zu Weiterbildungen und Qualifikationen. „Es geht darum, dass wir unsere Kunden stabilisieren, ihnen weiterhelfen und Angebote machen“, sagt Ahlers. Weiterbildungen führten nicht automatisch zu einem Job. „Aber viele Leute fühlen sich dadurch sicherer und werden selbstbewusster.“

Ein gutes Beispiel sei etwa das Bremer Geschichtenhaus im Schnoor. In diesem lebendigen Museum vermitteln Langzeitarbeitslose den Besuchern die bremische Geschichte, indem sie berühmte Persönlichkeiten der Stadt darstellen. „Das sind alles unsere Kunden“, sagt Ahlers. Ein Vorzeigeprojekt. Aber eines, das für die eingesetzten Langzeitarbeitslosen auch irgendwann wieder vorbei ist. „Deswegen müssen wir solche Projekte dauerhaft installieren, damit Leute ohne Chance am Arbeitsmarkt auch etwas Sinnvolles tun können.“

Es scheitert an kleinen Dingen

Doch manchmal scheitert es schon an den kleinen Dingen. Dann ist der Wille da, aber die richtige Umsetzung fehlt. Und das sind die Momente, die Ahlers das Urlaubsgefühl nehmen und sagen: Jetzt ist Alltag. Die Anleitungen zum Ausfüllen von Anträgen zum Beispiel. Die gibt es in vielen verschiedenen Sprachen, alle auf der Homepage des Jobcenters. Nur: Wer kein Deutsch spricht, findet diese nicht, da es die Website bislang nur in dieser einen Sprache gibt.

Beispiel zwei: Eine zentrale Anlaufstelle für Geflüchtete soll schnelle Hilfe an einem Ort liefern. Dafür hat das Jobcenter schon Räume gefunden und wäre schon bereit. Doch die jetzigen Mieter können noch nicht ausziehen. „Solche Prozesse ziehen sich einfach hin. Eigentlich soll es jetzt passieren, aber es wird erst später was.“ So etwas ärgert Ahlers. „Mühselig“, nennt sie das.

Und dann sitzt sie wieder da. Auf dem Standard-Stuhl, am Standard-Schreibtisch im Büro mit dem Standard-Teppich. In diesem Bremen, das doch eigentlich viel besser ist, als alle denken, und trotzdem hinterherhinkt. Für die große, weiße Wand gegenüber von ihrem Schreibtisch sucht Ahlers nach einem bunten Bild mit Power. Die wird sie brauchen.

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