Agentur für Arbeit Jobsuchende verzichten auf Vermittlerhilfe

Bremen. Staatliche Prämien und private Vermittler sollten Schwung in den Arbeitsmarkt bringen. Doch die lange Zeit als Wunderwaffe gepriesenen Gutscheine für Erwerbslose, mit denen sich Hilfe bei der Stellensuche finanzieren lässt, bleiben in der Regel ungenutzt.
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Jobsuchende verzichten auf Vermittlerhilfe
Von Christian Weth

Bremen. Staatliche Prämien und private Vermittler sollten Schwung in den Arbeitsmarkt bringen. Doch die lange Zeit als Wunderwaffe gepriesenen Gutscheine für Erwerbslose, mit denen sich Hilfe bei der Stellensuche finanzieren lässt, bleiben in der Regel ungenutzt. Zwar werden sie oft ausgehändigt, aber nur selten eingelöst, wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) belegt. Weder Privatvermittler noch Arbeitslosenberater sind überrascht.

Martin Lühr hat den schwindenden Gebrauch der amtlichen Papiere schon vor Jahren kommen sehen. Ja, als die Gutscheine noch neu waren, da habe sich fast jedes Gespräch in seinem Büro um sie gedreht. Das war 2002. Heute, sagt der Berater der Waller Aktionsgemeinschaft arbeitsloser Bürger und Bürgerinnen (Agab), wolle bestenfalls noch ein Prozent der Frauen und Männer, die zu ihm kommen, etwas über den Vermittlungsgutschein wissen.

Ganz so dramatisch sind die IAB-Zahlen nicht. Einstellig bleiben aber auch sie: In den Jahren 2004 und 2007 wurden bundesweit sieben beziehungsweise neun Prozent der Voucher von Jobsuchenden bei einem privaten Arbeitsvermittler eingelöst. 750000 respektive 780000 Papiere waren von der Agentur für Arbeit ausgestellt worden. Die Bremer Bilanz für 2010 ist noch düsterer. Hier machten lediglich 5,7 Prozent der Arbeitslosen von den insgesamt 2626 ausgehändigten Papieren Gebrauch.

Warum die Gutscheine öfter verfallen als Nutzen bringen, darüber kann Jörg Nowag von der Agentur für Arbeit nur spekulieren. Analysen stellt die Dienststelle nicht an. Agab-Berater Lühr glaubt auch so zu wissen, woran es hapert. Sein Hauptgrund ist zugleich sein Hauptkritikpunkt am Schein-System: 'Wer einen Vermittlungsvoucher bekommt, findet meistens auch ohne ihn einen Job.' Die Gutscheine erhielten nämlich fast ausschließlich Stellensuchende, die gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten.

Umgekehrt, findet der Berater, wäre es sinnvoller. Mit 'umgekehrt' meint er, wenn Langzeitarbeitslose in den Genuss zusätzlicher Hilfe bei der Stellensuche kämen. 'Ihnen würde der Gutschein mehr helfen.' Ob das tatsächlich der Fall wäre, geht aus der Studie der Arbeitsmarkt- und Berufsforscher nicht hervor. Doch belegt sie Lührs Alltagserfahrung, dass Gutscheine vor allem an leichter zu vermittelnde Jobsuchende ausgehändigt werden.

Und sie bestätigt, dass mehr Erwerbslose eine Stelle finden, ohne das Vermittlungspapier einzulösen - gemessen an denen, die zusätzlich eine private Agentur ihrer Wahl einschalten: beispielsweise im ersten Halbjahr 2007 fast viermal so viele. Für Arbeitslosenberater Lühr liegt die Sache auf der Hand. 'Die Arbeitssuchenden sind häufig schon vorher wieder in Lohn und Brot, ehe das Verfallsdatum der Gutscheine abläuft.' Drei Monate sind die Vermittlungsvoucher gültig. Danach kann, wer will, sich einen neuen geben lassen.

Auch wenn der Verdacht nahe liegt, dass der Gutschein an die falsche Klientel ausgehändigt wird, sieht Arbeitsagentur-Sprecher Nowag keinen Handlungsspielraum. 'Die Politik hat entschieden, wie es laufen soll. Nicht wir.' Das Papier war seinerzeit die Antwort der Bundesregierung auf geschönte Statistiken der Nürnberger Agentur-Zentrale - und als Mittel gedacht, den Wettbewerbsdruck zu erhöhen: Private Vermittler sollten endlich dort Erfolg haben, wo die Jobcenter versagt hatten.

Geschmäckle der Abzocke

Doch statt Erfolgsmeldungen gab es erst einmal Negativschlagzeilen. Betrugsfälle machten die Runde: Arbeitslose mussten bei manchen Privatvermittlern schnellstmöglich einen Gutschein beibringen, ehe ihnen eine interessierte Firma genannt wurde. Doch die Unternehmen gab es vielfach nicht. Der Voucher - Wert: bis zu 2500 Euro - war allerdings schon von den dubiosen Vermittlern eingelöst. Die Politik hat darauf reagiert und die Bedingungen verschärft, doch dem Gutschein haftet immer noch das Geschmäckle der Abzocke an. Agab-Mann Lühr: 'So etwas bleibt.'

Von Missbrauch ist auch im IAB-Gutachten zu lesen. Und davon, dass ein Teil der Erwerbslosen wegen mangelnden Vertrauens in die Dienstleistungsqualität vor dem Einlösen des Papiers zurückschreckt. Ein anderer Teil, heißt es in der Studie, ist womöglich mit der Auswahl eines privaten Vermittlers schlicht überfordert und lässt deshalb den Voucher verfallen. Dass der Markt nicht nur groß, sondern zugleich unübersichtlich ist, weiß auch Karsten Nowak von der Handelskammer. Mehr als 100 Anbieter tummeln sich nach Agentur-Angaben in Bremen und im Umland. 'Da kann man schon mal den Überblick verlieren.'

Headhunter und Personalberater

Zumal nicht immer klar ist, welcher Dienstleister was macht. 'Manche sind ausschließlich als Headhunter tätig, andere Personalberater nur für bestimmte Firmen', sagt Nowak. Welcher Vermittler seriös und welcher zu den schwarzen Schafen gehört, könnten Erwerbslose schon gar nicht unterscheiden. Seine größte Kritik richtet sich allerdings gegen das Schein-System direkt. 'Das Vermittlungspapier hat sich als Impulsgeber überlebt.' Der Arbeitsmarkt sei mittlerweile wieder so, dass gut ausgebildete Stellensuchende den Gutschein nicht mehr bräuchten.

Für die meisten Privaten ist die Jobvermittlung nach eigenem Bekunden ohnehin nur noch ein Zubrot. Der Anteil der Erwerbslosen mit Vermittlungsschein werde zusehends kleiner. 'Diese Kundengruppe kommt bei uns kaum noch vor', sagt Dirk Rosebrock von der Bremer Agentur für Arbeitsvermittlung. Und der Privatvermittler M&N ist nach den Worten von Mitarbeiter Frank Kugelmann so auf eine Branche spezialisiert, dass die Firma schon seit Langem keine Vermittlung per Gutschein mehr hatte. Das Geld, heißt es, werde heute mit Zeitarbeit gemacht.

Deshalb, und weil sich der Arbeitsmarkt erholt hat, glaubt Nowak von der Handelskammer, dass der Schein ein Auslaufmodell ist. Offiziell hat das System bis Ende 2011 Bestand. Bis dahin will die Politik entschieden haben, ob es sich bewährt hat.

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