US-Wahlen Das Umfrage-Trauma

Joe Biden führt in den nationalen Umfragen zwei Wochen vor den Wahlen im Schnitt um mehr als zehn Prozent. Könnten sich die Meinungsforscher erneut vertun?
20.10.2020, 05:00
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Das Umfrage-Trauma
Von Thomas Spang

Washington. Doug Kaplan treibt bei der Arbeit seiner Demoskopen von „Gravis Marketing“ eine große Sorge um. „Übersehen wir die sogenannte ‚versteckten‘ Trump-Stimmen“, spricht der Chef des renommierten Meinungsforschungsinstituts das Trauma an, das viele seiner Kollegen seit den Präsidentschaftswahlen vor vier Jahren verfolgt.

2016 hatten die nationalen Umfragen Hillary Clinton zu diesem Zeitpunkt deutlich vor Trump gesehen. Sie lag in Michigan, Pennsylvania und Wisconsin um zwölf und jeweils sieben Prozent vorn. Im Schlussspurt des Wahlkampfs schrumpfte ihr Vorsprung dahin. National um drei Punkte und in den entscheidenden Wechselwähler-Staaten jeweils genug, Trump zu einem hauchdünnen Sieg zu verhelfen.

Vielen Demokraten kommt die Lage vier Jahre später wie ein Déjà-vu vor. Ihre Gemütslage schwankt zwischen Siegeszuversicht und blanker Angst, die Meinungsforscher könnten auch diesmal wieder daneben liegen. „Die Leute haben verstanden, dass Umfragen Momentaufnahmen sind“, sagt Anita Dunn, die Biden im Wahlkampf berät. „Wahlen werden nicht in Umfragen gewonnen.“

An diesem Punkt sind sich die Wahlkämpfer einig. Während die Demokraten von der Erfahrung von 2016 traumatisiert sind, benutzt sie der Amtsinhaber, das Wunschdenken seiner Anhänger zu nähren. Bei seinen Auftritten redet er seinen deutlichen Rückstand auf Biden als „Fake-Umfragen“ herunter. Der Sprecher seines Wahlkampfteams, Tim Murtaugh, sagt mutig voraus: „Der Präsident wird wiedergewählt werden.“ Beides entspricht nicht unbedingt den Realitäten und der Ausgangslage des Rennens, die diesmal nach Ansicht von Analysten objektiv anders ist.

Amtsinhaber statt Außenseiter

Trump tritt nicht als Außenseiter, sondern Amtsinhaber an. Die Wahl ist deshalb ein Referendum über seine Präsidentschaft, nicht ein Wettbewerb zwischen zwei Kandidaten, die seinerzeit ähnlich unbeliebt waren. Die Wahlen finden mitten in einer außer Kontrolle geratenen Pandemie statt, die den Alltag der Wähler prägt.

Mehr als 215 000 Tote, Millionen Arbeitslose, geschlossene Geschäfte und Unternehmen sowie Kinder, die nicht zur Schule gehen können, bewegen die Amerikaner mehr als jedes andere Thema. Vor vier Jahren entschieden sich viele Wähler in den letzten Stunden vor der Wahl. In dieser Gruppe lag Trump zweistellig vor Clinton. Diesmal gibt es kaum mehr unentschiedene Wähler. Die Amerikaner haben sich ihre Meinung über Trump längst gebildet.

Die Kandidaten dritter Parteien, wie Libertäre und Grüne, sind diesmal viel schwächer als vor vier Jahren. Ihr Einfluss auf das Rennen zwischen Biden und Trump ist entsprechend geringer.

Versteckte Trump-Stimmen

Die Meinungsforscher haben zudem Konsequenzen aus dem Debakel vor vier Jahren gezogen. Sie veränderten ihre Methoden und führen nun auch qualitativ hochwertigere Umfragen in den „Swing States“ durch.

Der Vizepräsident von Hart Research, Jeff Horwitt, der an den Umfragen für NBC und das Wall Street Journal arbeitet, sagt, sein Institut habe die Zusammensetzung der Befragten nach städtischen, suburbanen und ländlichen Gebieten ausdifferenziert. „Das hilft uns sicherzustellen, dass auch das ländliche Amerika repräsentiert ist“. Dort finden sich deutlich mehr Trump-Wähler als in den urbanen Zentren.

Mehrere renommierte Meinungsforschungsinstitute wie die der Monmouth University gewichten nun auch nach Bildungsabschlüssen.

IPSOS und das Pew Research Center gehen noch einen Schritt weiter und differenzieren nach Abschluss und Ethnie. Das „Marist College Institute for Public Opinion“ versucht die „versteckten Trump-Stimmen“ diesmal durch geografische Faktoren zu entdecken. „Das löst das Problem der Gewichtung durch Bildung“, meint Direktor Lee Miringoff.

Für den Chef der Demoskopen des Fernsehsenders CBS, Kabir Khanna, ist der größte Unsicherheitsfaktor 2020 der Einfluss der Pandemie. „Das macht die Einschätzung der Wahlbeteiligung extrem schwierig”. Hinzu kommen Verzerrungen, die durch das massive Anwachsen der Briefwahl-Stimmen entstehen könnten.

Die Demokraten benutzen das Trauma von 2016, ihre Anhänger zu motivieren. Sie versuchen, Selbstgefälligkeit vorzubauen, die ihre Wähler verleiten könnte, wegen der Pandemie zu Hause zu bleiben.

Für Trump geht es darum, seine Wähler nicht durch die schlechten Umfragen zu entmutigen.

„Five-Thirty-Eight“-Chef Nate Silver rät, nicht wie besessen Vergleiche zu 2016 zu ziehen. „Es gibt keinen Grund zu denken, die Umfragen könnten in derselben Weise daneben liegen“. Biden führt im nationalen Durchschnitt über das Jahr gesehen sehr konstant und bewegt sich um die 50-Prozent Marke. Ein Wert, den weder Trump noch Clinton in ihrem Negativ-Wettbewerb erreichten.

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