Kirsten Kappert-Gonther im Interview

„Sicherheit muss vor Schnelligkeit gehen“

Corona-Forschung muss im Zeitraffer passieren, doch eine WHO-Studie mit Bremer Beteiligung lässt auf sich warten. Dauert das zu lange? Im Interview mahnt Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther zur Geduld.
11.05.2020, 06:00
Lesedauer: 2 Min
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„Sicherheit muss vor Schnelligkeit gehen“
Von Nico Schnurr

Frau Kappert-Gonther, warum ist die WHO- Studie, an der auch das Bremer Institut für Pharmakologie beteiligt ist, so wichtig?

Kirsten Kappert-Gonther: Diese Studie ist hoch relevant, weil sie international angelegt ist. In Pandemie-Zeiten helfen keine nationalen Alleingänge. Wenn die Wissenschaft weltweit zusammenarbeitet, kann sie einem globalen Problem viel besser begegnen. Wenn Bremen dabei noch eine wichtige Rolle spielen kann, ist das eine tolle Sache.

Was macht das Projekt inhaltlich spannend?

Weltweit sollen Patientinnen und Patienten, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, mit Wirkstoffen behandelt werden, die für andere Erkrankungen entwickelt wurden. Auch in Deutschland sollen diese Medikamente teilweise zum Einsatz kommen. Es ist wichtig, mehr darüber zu erfahren, wie das Virus auf diese Stoffe reagiert. Für die Behandlung der Infizierten ist es entscheidend zu wissen, wie diese Medikamente genau wirken.

Erklären Sie mal, warum.

Die Ärztinnen und Ärzte müssen wissen: Wie wirken diese Stoffe tatsächlich bei Betroffenen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben? Bei welcher Patientengruppe schlagen sie besonders gut an und bei welcher eher weniger? Gibt es Unterschiede in der Wirkung bezüglich Alter oder Geschlecht? Und vor allem: Wie gefährlich sind die Nebenwirkungen? Bei diesen Fragen kann die Studie, die Professor Mühlbauer in Deutschland koordiniert, Aufschluss geben. Es werden vier Therapien getestet. Wenn sich am Ende herausstellen sollte, welche davon den Patientinnen und Patienten nicht wirklich helfen und welche ihnen womöglich sogar schaden könnten, wäre viel erreicht. Man darf allerdings auch nicht zu viel erwarten von dieser Studie.

Warum nicht?

Es geht hier nicht um einen möglichen Impfstoff. Die Erkenntnisse der Studie werden also nicht darüber entscheiden, wie lange wir als Gesellschaft mit diesem Virus leben müssen. Stattdessen geht es um die Behandlung der Erkrankten. Das ist für die Patientinnen und Patienten natürlich sehr wichtig, und es könnte auch gesellschaftlich sehr relevant werden.

Worauf wollen Sie hinaus?

Bislang gibt es in Deutschland zum Glück für jede beatmungsbedürftige Person ein Beatmungsgerät. Damit das so bleibt, ist es wichtig, die Abstandsregeln weiter einzuhalten. Darüber hinaus wäre es eine riesige Entlastung, wenn für alle Patientinnen und Patienten die passenden Medikamente vorhanden wären. Das kann aber nur gelingen, wenn wir noch mehr über die Wirkstoffe wissen.

Die WHO-Studie, die dabei helfen soll, ist vor mehr als einem Monat angekündigt worden. Sie hätte vor Wochen beginnen sollen. Noch ist sie nicht gestartet. Dauert das zu lange?

In Pandemie-Zeiten muss die Wissenschaft im Eiltempo funktionieren. Was normalerweise viele Monate dauert, passiert nun in Tagen. Dabei muss Sicherheit für die Patientinnen und Patienten immer vor Schnelligkeit gehen. Es ist für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine große Sache, an so einem Projekt teilzunehmen. Es ist wichtig, sich als Forscherin oder Forscher in einer solchen Ausnahmesituation nicht von der allgemeinen Hoffnung oder von der eigenen Euphorie drängen zu lassen. Die Sorgfalt muss an erster Stelle stehen.

Also sollte sich das Forscherteam Zeit nehmen?

Der Druck, der auf den Forschenden lastet, ist enorm. Man darf ihn nicht noch unnötig erhöhen, sondern muss ihnen die Zeit geben, die sie brauchen, damit das Projekt ein Erfolg werden kann.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

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Info

Zur Person

Kirsten
Kappert-Gonther (53)

sitzt für die Grünen im Bundestag. Die Bremer Medizinerin ist unter anderem Obfrau im Gesundheitsausschuss und
Fraktionssprecherin für Gesundheitsförderung.

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