Sozialsenatorin startet Kampagne

Kita-Besuch soll für Migrantenkinder selbstverständlich sein

Bremen. Kinder mit ausländischen Wurzeln haben weniger hohe Bildungsabschlüsse und sind auch häufiger ohne Berufsausbildung als andere. Ein Schlüssel zur Problemlösung ist die Sprachförderung. Hier will die Bremer Sozialbehörde jetzt ansetzen.
05.11.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Rainer Kabbert

Bremen. Was tun? Kinder mit ausländischen Wurzeln haben weniger hohe Bildungsabschlüsse und sind auch häufiger ohne Berufsausbildung als andere. Ein Schlüssel zur Problemlösung ist Sprachförderung. 'Je früher wir hier ansetzen, umso besser', meinte Joachim Schuster, Staatsrat im Ressort Arbeit, Frauen, Gesundheit und Soziales. Aber wie, wenn diejenigen, um die es geht, eher zögerlich auf die Angebote zurückgreifen?

Staatsrat Schuster setzte gestern in der Sozialdeputation auf gezielte Werbung, um Vorbehalte gegen einen frühzeitigen Besuch der Kindertagesstätten (Kita) abzubauen. Eine Kampagne, die vom Bremer Rat für Integration ausdrücklich begrüßt wird: 'Hier müssen Ängste verringert werden', fordert die Ratsvorsitzende Libuse Cerna.

Die Bildungswerbung ist vom Integrationsrat mitkonzipiert worden und soll auch die Straßenbahnen als Werbeträger nutzen. Dazu kommen Flyer in der Bagis und in Ärztepraxen, Gespräche in Moscheen, um den Kontakt zu türkischstämmigen Familien zu suchen sowie mehrsprachige Einladungsschreiben für Kinder ab dem drittenLebensjahr.

In Bremen, erläutert Referatsleiter Erhard Heintze aus dem Sozialressort, kommen besonders viele Menschen aus Nicht-EU-Ländern - aus der Türkei, aus dem Kosovo und arabischen Ländern. Diese müssten zu einem frühen Kita-Besuch animiert werden. In der Deputation wurde aber auch betont, dass deutsche Kinder aus bestimmten sozialen Schichten einen frühzeitigeren Kita-Besuch ebenso vertragen könnten.

Wobei auch Fragezeichen hinter die Sprachkurse gesetzt werden. Die CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Sandra Ahrens erwähnte eine (bundesweite) Studie, die Unwirksamkeit der Sprachförderung nahelegt. Vergebliche Liebesmüh, wenn in der 4.Klasse kaum noch Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Sprachförderung zu messen seien? Nicht unbedingt, meint Abteilungsleiterin Heidemarie Rose aus dem Sozialressort, und beschreibt einen Nivellierungsprozess: Die sprachlich Geförderten werden in der Grundschule leistungsschwächer, die Schüler ohne Sprachförderung werden besser. Die Studienergebnisse, meint Rose, sagten etwas aus über die Arbeit in der Schule aus - nicht über die Sprachförderung.

Kinder früher in die Kindergärten, um Sprachdefizite zu verringern - warum Eltern dazu nicht verpflichten? Bremens CDU-Chef Thomas Röwekamp fordert ein verpflichtendes Kindergartenjahr vor der Einschulung, der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky gar eine Kindergartenpflicht für alle Kinder ab dem ersten Lebensjahr. Im Sozialressort ist man in dieser Frage eher zurückhaltend. 'Wir sind uns da nicht einig', meint Sprecherin Petra Kodré.

Zwei Argumente würden dagegen sprechen: Die Kosten und die Rechte der Eltern. Werden die Eltern verpflichtet, erläutert Kodré, müsste der Kita-Besuch für die Kinder auch kostenlos sein. Und das ist in der Haushaltsnotlage Bremens nicht drin. Problem Nummer zwei: Ab welchem Lebensjahr sollte die Kita-Pflicht eingeführt werden? 'Die Eltern hätten ja das Recht, Widerspruch einzulegen', befürchtet Kodré, 'deshalb setzen wir auf Motivierung der Eltern, ihre Kinder freiwillig in die Kitas zu schicken.'

Warum aber zögern insbesondere Eltern mit ausländischen Wurzeln? Nur 75 Prozent ihrer Kinder besuchen Kindergärten, bei deutschen Kindern zwischen drei und sechs Jahren sind es 95 Prozent. Kodré führt es auf Erziehungsleitbilder zurück, aber auch auf die sozio-ökonomische Situation in Migrantenfamilien. Kinder würden besser in der Familie aufgehoben sein, heißt es oftmals. Allerdings gebe es diese Vorstellung von richtiger Erziehung vor nicht allzu langer Zeit häufig auch in deutschen Familien.

Dazu kommt nach Einschätzung Kodrés die wirtschaftliche Lage in Elternhäusern mit ausländischen Wurzeln: Die Arbeitslosen-Quote ist höher, nicht selten sind beide Elternteile ohne Arbeit. Kinder werden so nicht in die Kitas geschickt, auch weil sonst Kosten entstehen würden.

'Integration ist eine Aufgabe aller Senatsressorts', bekräftigte Sozialsenatorin Ingelore Rosenkötter in der gestrigen Sitzung der Deputation. Doch geht das ohne Koordination? Die Hochschullehrerin Yasemin Karakasoglu von der Bremer Universität fordert eine Stelle, in der die verschiedenen Maßnahmen der Ressorts koordiniert werden. Am besten sollte sie direkt beim Bürgermeister angesiedelt werden. 'Wir sind in dieser Frage leidenschaftslos', antwortet Sprecherin Kodré, sieht aber eher keinen Bedarf in dieser Frage: 'Schon jetzt sind wir ja eine Koordinierungsstelle', meint sie, alle Ressorts müssten berichten, was sie beim Thema Integration leisten. 'Aber die Frage der intersenatorischen Integrationsstelle muss das Rathaus entscheiden.'

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