Hintergrund Klarheit bringt nur die Obduktion

Bremen. Es ist ein ebenso sensibles wie umstrittenes Thema: Alle Kinder unter sechs Jahren, die aus ungeklärter Ursache sterben, sollen künftig obduziert werden – auch gegen den Willen der Eltern. So will es Gesundheitssenatorin Ingelore Rosenkötter (SPD).
16.03.2010, 13:38
Lesedauer: 4 Min
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Klarheit bringt nur die Obduktion
Von Christian Weth

Bremen. Es ist ein ebenso sensibles wie umstrittenes Thema: Alle Kinder unter sechs Jahren, die aus ungeklärter Ursache sterben, sollen künftig obduziert werden – auch gegen den Willen der Eltern. So will es Gesundheitssenatorin Ingelore Rosenkötter (SPD), die jedoch im Senat keine Mehrheit fand. Die Landesregierung legte den Gesetzesvorstoß auf Eis. Die CDU-Bürgerschaftsfraktion wagt jetzt einen neuen Anlauf. Eine öffentliche Anhörung soll die Diskussion versachlichen.

Kevin. Für die Gesundheitsbehörde ist es mehr als nur ein Name. Der Tod des Jungen – die Leiche des Zweijährigen war vor dreieinhalb Jahren im Kühlschrank seines drogenabhängigen Ziehvaters gefunden worden – gilt ihr als Mahnung: So etwas darf sich auf keinen Fall wiederholen! Darum soll Bremen vorangehen und als erstes Bundesland eine Obduktionspflicht für Kinder gesetzlich verankern.

Rosenkötter hofft, dass sich dadurch Misshandlungen lückenlos aufklären und zugleich Kinder besser schützen lassen. Mit ihrer Argumentation hat sie zumindest die Gesundheitsdeputation überzeugen können. Das Gremium stimmte dem Gesetzentwurf aus dem Rosenkötter-Ressort zu. Massive Kritik hagelt es jedoch nicht nur aus anderen, sondern auch aus den eigenen Reihen der sozialdemokratischen Senatorin.Bei der entscheidenden Senatssitzung im vergangenen Monat hatten gleich mehrere Regierungsmitglieder ethische Bedenken angemeldet. Auch die Grünen sind sich nicht schlüssig, was sie von dem Vorschlag der Gesundheitsbehörde halten sollen.

Andere wissen das schon lange, nämlich: nichts. Zu den Kritikern der ersten Stunde gehören die Liberalen. Sie meinen, dass eine Obduktionspflicht keine Hilfe ist, um den Kinderschutz zu verbessern. „Die Gesetzeslage ist ausreichend“, findet FDP-Mann Oliver Möllenstädt. Auch der Kinderschutzbund wettert nicht erst seit gestern gegen den Vorschlag. „Er stellt die Eltern unter Generalverdacht“, meint Geschäftsführer Andreas Bröcher. Auch könne trauernden Müttern und Vätern keine Obduktionzugemutet werden.

Dass nun die Christdemokraten einen neuerlichen Vorstoß wagen, kommt nicht von ungefähr. Sie befürworten das geplante Gesetzesvorhaben. Deshalb sollen „Vorbehalte zügig ausgeräumt werden“, lautet die Parole von Rita Mohr-Lüllmann, Vizevorsitzende der Unionsfraktion. Nach ihrer Ansicht ist das Thema von Rosenkötter nicht klar genug formuliert worden. Wie eilig es die CDU hat, die Debatte neu zu führen, zeigt ihr Vorgehen: Sie hat einen Dringlichkeitsantrag für eine öffentliche Anhörung gestellt. Über ihren Vorschlag soll schon morgen Nachmittag in der Bremischen Bürgerschaft abgestimmt werden.

Das Tauziehen um die Obduktionspflicht wird in anderen Bundesländern zwar aufmerksam verfolgt. Doch nirgendwo zeichnen sich Bestrebungen ab, ebenfalls eine Gesetzesnovelle nach Vorbild der Hansestadt auf den Weg zu bringen – auch nicht bei Bremens nächsten Nachbarn. In Niedersachsen und Hamburg sind sich die Verantwortlichen der Sozial- und Gesundheitsbehörden einig, dass ausreicht, was bisher zum Schutz für Kinder vor häuslicher Gewalt und Misshandlungen vorgehalten wird.

Hier wie dort heißt Kooperation das Zauberwort. Niedersachsen setzt auf Kinderschutz-Koordinierungzentren – Schnittstellen zwischen Ärzten, Jugendamt und Polizei, die risikobehaftete Lebenssituationen von Grundschülern in den Blick nehmen sollen. „Vier Einrichtungen gibt es, weitere sollen folgen“, sagt Thomas Spieker, Sprecher des Sozialministeriums. In Hamburg ist der Kinder- und Jugendnotdienst zuständig, aber auch das Projekt „Kinder kompt“. Die Einrichtung am Klinikum Eppendorf rückt speziell den medizinischen Bereich in den Fokus.

Wie viele Kinder jährlich in den benachbarten Bundesländern durch Misshandlungen sterben, können weder Spieker noch die Sprecherin der Hamburger Sozialbehörde, Julia Seifert, sagen. Eine Statistik gibt es nicht. Fest steht für beide aber, dass die Zahl hoch ist. Sie gehen von einer Dunkelziffer im zweistelligen Prozentbereich aus. In Bremen starben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2008 insgesamt 37 Kinder. In drei Fällen wurde der plötzliche Kindstod festgestellt, in einem Fall war die Todesursache unklar.

Dr. Kerstin Porrath vom Klinikum Links der Weser kennt diese Zahlen. Und wie Spieker und Seifert glaubt auch sie, dass mehr Kinder durch Gewalteinwirkung sterben als die Polizei schätzt. Doch das ist nicht der Grund, warum sich die Medizinerin neuerdings mit anderen Ärzten ähnlich wie in Hamburg-Eppendorf zu einer Kinderschutzgruppe zusammengetan hat. „Wir wollen noch besser auf Verdachtsfälle vorbereitet sein als bisher.“ Besser, weil übergreifender: Alle drei Bremer Kinderkliniken gehören dem kürzlich gegründeten Netzwerk an.

Das will einerseits die medizinische Komponente des Kinderschutzes weiterentwickeln, andererseits sämtliche Berufsgruppen der Krankenhäuser sensibilisieren und fortbilden – den Stationspfleger wie den Psychologen, den Chirurgen wie den Sozialarbeiter. „Ziel ist es, dass langfristig das komplette Klinikpersonal genau weiß, was zu tun ist, wenn Kinder mit verdächtigen Verletzungen eingeliefert werden“, sagt Porrath. Ein klar definiertes Handlungsmuster soll greifen: Wer sichert die Befunde? Wer spricht mit dem Kind, wer mit den Eltern – und vor allem wie?

Auch die medizinische Analyse und Diagnostik soll verfeinert werden. Was auf den ersten Blick nicht gleich zu sehen ist, wollen die Ärzte auf den zweiten sichtbar machen. „Wer sagt denn, dass ein Kind mit verbrühten Händen oder blauen Flecken an Armen und Beinen nicht auch alte Knochenbrüche aufweist?“ fragt Porrath. Noch genauer mittels Technik hinschauen, lautet die Devise der Klinik-Schutzgruppe – auch dann, wenn das Kind nicht mehr am Leben ist.

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