Interview mit Bevölkerungsforscher

Reiner Klingholz: „Wir sind auf dem falschen Weg“

Von den Problem der „doppelten Überbevölkerung“ spricht Reiner Klingholz in seinem neuen Buch. Im Interview erklärt der Bevölkerungsforscher, was damit gemeint ist und welche Gefahren sie birgt.
28.03.2021, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Reiner Klingholz: „Wir sind auf dem falschen Weg“
Von Silke Hellwig

Herr Klingholz, Ihr Buch dreht sich um doppelte Überbevölkerung. Was ist darunter zu verstehen?

Reiner Klingholz: Allgemein haben wir es mit Überbevölkerung zu tun, wenn in einem Land mehr Menschen heranwachsen, als dort angemessen versorgt werden können - mit Nahrung, Gesundheitsdiensten, Bildung oder Arbeit. Das ist vielerorts in Westasien, im Mittleren Osten und in Afrika der Fall. Aber ein Land ist auch übervölkert, wenn die Menschen, die dort leben, mehr Natur verbrauchen, als sich im gleichen Zeitraum regeneriert, oder wenn sie mehr Schadstoffe hinterlassen, als die natürlichen Kreisläufe abbauen können.

Sie veranschaulichen das mit zwei Personen: Tesfaye aus Kaffa in Äthiopien, der drei Frauen und 24 Kinder hat, und Annette, Wirtschaftsjuristin aus Bielefeld, Single und bewusst kinderlos. Sie ist für Sie „der Inbegriff der Überbevölkerung“. Sie bemüht sich umweltbewusst zu leben, verursacht aber mehr Treibhausgase als Tesfayes gesamte Großfamilie. Das mag man kaum glauben.

Das ist vielen nicht bewusst. Ich habe, während das Buch entstand, viel mit Freunden geredet. Ich habe sie gefragt, wie sie ihren eigenen Rohstoffverbrauch und ihre Treibhausgas-Emissionen einschätzen. Sie alle bemühen sich, umweltschonend zu leben. Deshalb haben alle vermutet, dass sie unter dem deutschen Durchschnitt von etwa acht Tonnen Kohlendioxid pro Jahr liegen. Ich habe ihnen gesagt, dass das unmöglich ist, bei ihrem Einkommen und Lebensstil. Über ihre tatsächliche persönliche Bilanz sind sie dann ziemlich erschrocken. Diese war nicht besser als die von Annette aus Bielefeld, denn unser Einkommen mündet zu einem guten Teil im Konsum und der bedeutet stets Naturverbrauch. Uns allen muss klar sein, dass unser Wohlstand auf Schulden an der Natur gründet. Wir machen seit vielen Jahren richtig Party, aber wir nehmen dabei einen Kredit an der Zukunft auf.

Niemand möchte eine Annette aus Bielefeld sein, die mit Ressourcen herumaast. Aber trotzdem bleiben wir es.

Wir leiden an einer gewissen Schizophrenie: Unser Wissen über globale Veränderungen nimmt stetig zu, nicht nur auf persönlicher, sondern auch auf wissenschaftlicher und politischer Ebene. Dieses Wissen müsste längst reichen, um die Welt zu retten. Was aber nicht im gleichen Maße wächst, ist unsere Handlungsfähigkeit.

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Sie sind milde zu Ihren Lesern: Sie erwähnen Erkenntnisse des Bremer Hirnforschers Gerhard Roth, wonach sich das menschliche Gehirn schwer damit tut, auf solche Erkenntnisse angemessen zu reagieren.

Das menschliche Gehirn beschert uns unglaubliche Fähigkeiten, aber es ist im Laufe der Evolution offenbar nicht dafür entstanden, auf langfristige, sich aufschaukelnde, globale Veränderungen zu reagieren. In diesem Sinne sind wir eine Fehlkonstruktion, das müssen wir akzeptieren.

Heißt das, wir müssen erst etwas zu spüren bekommen, eventuell zu leiden beginnen, bevor wir tätig werden?

Wir lernen gut, wenn es weh tut und wenn wir den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung klar erkennen. Deshalb verbrennen wir uns an der heißen Herdplatte nur einmal. Aber dieses Prinzip funktioniert schlecht bei Herausforderungen wie Klimawandel, Artensterben oder auch Corona. Diese Krisen entstehen ja erst, wenn wir es uns gut gehen lassen, wenn wir um den halben Globus jetten, alles Mögliche konsumieren oder in Ischgl feiern. Wir haben also zunächst einen großen persönlichen Nutzen, die gravierenden Folgen liegen aber räumlich und zeitlich weit entfernt. Selbst wenn wir es wollten, können wir diese Probleme nicht als Einzelpersonen lösen, dafür haben wir die Politik erfunden. Sie muss einschreiten, wenn das Verhalten einzelner dem Gemeinwohl entgegensteht. Dafür kann sie gewisse Freiheiten einschränken, was im Allgemeinen auch akzeptiert wird. Ich selbst wäre der Politik dankbar, wenn sie mein Verhalten in einem nachhaltigen Sinne stärker regeln und wenn sie besser vermitteln würde, warum wir so nicht weitermachen können.

Aber die Beschränkungen reichen bei Weitem nicht, wie man an Annette aus Bielefeld sieht.

Richtig. Der Politik gelingt es bislang nicht, genug zu verändern und zu regeln, um die globalen Probleme in den Griff zu kriegen. Dahinter steckt auch die Angst vor der Wählerschaft, welche die Diskrepanz von Wissen und Handeln noch verstärkt. Das sieht man momentan auch in der Corona-Politik. Ein schneller, harter Lockdown wäre bei allen Wellen das Vernünftigste gewesen, aber stattdessen gibt es immer wieder abgestufte Lockerungen.

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Die Corona-Krise war nicht der Auslöser Ihres Buchs, aber sie passt ins Bild. Die Politik hat bewiesen, dass sie durchaus in der Lage ist, in hohem Tempo Beschlüsse zu fassen, die die Freiheiten der Bürger in ungeahnter Weise einschränken. Und die Bürger sind in der Lage, sich schnell anzupassen. Aber das Virus verbreitet mehr Schrecken als der Klimawandel, solange man ihn nicht persönlich zu spüren bekommt.

Ich glaube nicht, dass wir aus der Corona-Krise viel über die Aufgaben im Klimawandel gelernt haben. Wir tun uns ja schon schwer Corona zu bewältigen, aber das ist ein Klacks gegen das, was wir in der Klimapolitik tun müssen. Wir müssen die weltweiten Emissionen binnen 30 Jahren auf null reduzieren und das heißt, unser Wirtschaftssystem komplett auf den Kopf stellen. Bislang gibt es dazu nur vage Absichtserklärungen, auch die gemeinsam formulierten Ziele des Abkommens aus der Klimakonferenz in Paris reichen bei Weitem nicht.

Zurück zu Annette und Tesfaye - Annette muss lernen oder politisch gezwungen werden, weniger Natur zu verbrauchen. Aber sollten Tesfayes Kinder nicht auch selbst weniger Kinder in die Welt setzen?

Diese Frage stellen sich die Menschen in den sehr armen Ländern nicht. Dort gilt eine andere Maxime: Wenn ich sonst gar nichts habe, habe ich wenigstens Kinder. Die sorgen immerhin für mich, wenn ich alt bin.

Auch wenn sie eventuell hungern müssen?

Das wäre eine rationale Überlegung für jemand, der in Bremen wohnt. Diese setzt aber die Möglichkeit zur Lebensplanung voraus, die armen Menschen oft fehlt. Erst wenn die Menschen Perspektiven haben, wenn sie eine Schule besuchen, wenn Frauen und Männer Arbeit bekommen und Geld verdienen können, beginnen sie ihr Leben zu planen und damit auch die Größe ihrer Familie. Armut und hohe Kinderzahlen sind ein Kreislauf. Er muss durchbrochen werden, auch wenn man eine globale Armutsmigration verhindern will.

Das heißt: Wir sollten uns erst einmal um unsere Form der Überbevölkerung kümmern, bevor wir von anderen Menschen verlangen, sich zu mäßigen?

Beide Arten der Überbevölkerung haben nichts miteinander zu tun, denn weder bekommen die Frauen in Nigeria weniger Kinder, wenn wir weniger konsumieren, noch wäre das Umgekehrte der Fall. Beide Probleme müssen unabhängig voneinander angegangen werden, jeweils von ihren Verursachern.

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Tesfaye und seine Kinder verbrauchen sehr wenig Ressourcen. Was geschieht, wenn sich ihr Leben unserem angleicht?

Dann stehen wir vor dem nächsten Problem. Entwicklung in armen Staaten ist alternativlos, schon allein aus moralischen Gründen. Aber mehr Wohlstand bedeutet notgedrungen mehr Rohstoffverbrauch und mehr Abfallprodukte. Natürlich hat auch Tesfaye das Recht, sich das Leben angenehmer zu gestalten, sich ein Auto anzuschaffen, wenn möglich. Aber es wäre gut, wenn sein Land einen nachhaltigeren Weg zu mehr Wohlergehen finden würde als einst die Industriestaaten.

Wir sollten uns um unsere konsumbedingte Überbevölkerung kümmern. Allerdings stellen Sie fest, dass ein nachhaltiges Leben im Wohlstand praktisch unmöglich ist. Warum nicht?

Wer heute wirklich nachhaltig leben will, müsste ein nahezu eremitisches Dasein führen. Das ist für über 80 Millionen Deutsche aber unmöglich, zudem würde die Wirtschaft kollabieren. Weniger Verbrauch aus umweltpolitischer Sicht ist wirtschaftspolitisches Gift. Das Corona-Jahr zeigt, dass wir weniger verbraucht und weniger Schadstoffe produziert haben, aber dafür zahlen wir wirtschaftlich einen hohen Preis und müssen uns enorm verschulden. Die Abhängigkeit vom Wachstum macht eine nachhaltige Wirtschaftspolitik geradezu unmöglich.

Was also tun?

Der erste Schritt, um etwas zu ändern, ist, sich den Tatsachen zu stellen. Wir müssen einsehen, dass wir - nachweislich - auf dem falschen Weg sind, und uns überlegen, wie wir ihn verlassen. Das ist von heute auf morgen nicht hinzukriegen, obwohl die Zeit drängt. Leichter wird es nämlich nicht. Wir sind auch als Wählerinnen und Wähler gefragt. Wir müssen der Politik signalisieren, dass wir bereit sind zu konsequenten, zunächst aber einmal unpopulären Schritten in Richtung einer besseren Welt. In einer Demokratie muss das Wahlvolk die Politik zum Jagen tragen.

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Es gibt Ihrer Meinung nach auch positive Entwicklungen. Beispielsweise hat sich in der Corona-Krise die Rolle der Wissenschaft verändert.

Die Hilflosigkeit angesichts der Verbreitung des Virus hat die Menschen, auch die Politik in die Arme der Wissenschaft getrieben. Ohne sie wüssten wir nichts über die Ansteckungswege und es gäbe keinen Impfstoff. Ich hoffe, dass Klimaforscher künftig auch besser zu denen durchdringen, die Entscheidungen zu treffen haben.

Zum Schluss geben Sie Tipps, was jeder tun kann, um die Umwelt nicht wie eine Großfamilie zu strapazieren. Dazu gehört auch: sich aufs Sofa legen und nichts tun. Das sei die umweltverträglichste Form des Daseins. Das kriegt jeder hin, aber reichen wird es nicht.

Nein. Das ist der letzte von 25 Tipps und kein Programm für 24 Stunden. Aber einmal innezuhalten und über die Erfahrungen aus der Corona-Zeit nachzudenken, wäre keine schlechte Idee. Eine interessante Frage ist, was aus dem vergangenen Krisenjahr übrigbleiben wird. Haben die Deutschen entdeckt, dass es auch mal reicht im eigenen Land Urlaub zu machen? Dass Konsum nicht glücklich macht? Dass grenzenlose Mobilität auch die Mobilität von neuen Krankheitserregern bedeutet?

Kann die Corona-Krise womöglich eine Trendwende einleiten?

Das bleibt abzuwarten. Wenn ich allerdings sehe, wie rasend schnell die Flüge über Ostern nach Mallorca ausgebucht waren, ist eine gewisse Skepsis angebracht.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Reiner Klingholz (67) ist Bevölkerungsforscher und Autor. Von 2003 bis 2019 leitete Klingholz das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Zuvor war er als Wissenschaftsredakteur bei der „Zeit“ und bei „Geo“ beziehungsweise „Geo Wissen“ tätig. Von 2005 bis 2007 war Klingholz Mitglied der Enquête-Kommission Demographischer Wandel des Landes Niedersachsen. An diesem Montag erscheint sein neuestes Buch: „Zu viel für diese Welt - Wege aus der doppelten Überbevölkerung“.

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