Gartenbau für alle

Kommentar: Keine neue Idee, aber eine gute

Die Städter gehen zurück zu den Wurzeln und graben wieder im Erdreich. Urban Gardening ist zwar keine neue Erfindung, bringt aber jede Menge Vorteile, meint Olga Gala.
05.08.2019, 18:02
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Kommentar: Keine neue Idee, aber eine gute
Von Olga Gala
Kommentar: Keine neue Idee, aber eine gute

Auf dem Lucie-Flechtmann-Platz in der Bremer Neustadt ist das Projekt "Ab geht die Lucie!" entstanden. Die städtischen Gärtner pflegen das Grün gemeinsam. (Archivbild)

Catrin Frerichs

In Osterholz-Tenever ist es der „Querbeet Gemeinschaftsgarten“, in der Neustadt „Ab geht die Lucie!“ – dies sind nur zwei der Urban-Gardening-Projekte in Bremen. Städter gehen zurück zu den Wurzeln und graben wieder im Erdreich. Eigentlich gab es das schon immer.Während in früheren Jahrhunderten die Selbstversorgung jedoch notwendig war zum Überleben, hat Urban Gardening heute in den westlichen Großstädten eine zusätzliche sozioökologische Komponente.

Das Thema ist also nicht neu, aber in Zeiten von Klimawandel und steigendem ökologischen Bewusstsein besonders wichtig. Der städtische Gartenbau ist eine Chance, etwas gegen ökologische und auch soziale Probleme zu tun. Wer seine Tomaten vom heimischen Balkon und die Zucchini aus dem gemeinschaftlichen Hochbeet bezieht, tut auch etwas für die Umwelt.

Die Insekten profitieren von unterschiedlichen Gewächsen. Im Gegensatz zu dem Gemüse aus dem Supermarkt muss die Gurke aus dem Garten zudem nicht über größere Strecken transportiert werden. Sie braucht auch keine zusätzliche Wärme eines Gewächshauses, um zu wachsen.

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Mehr Grün in den Städten sorgt zudem für bessere Luft. Auch angesichts von Hitzewellen wie der Ende Juli ist städtisches Grün wichtig. Die Temperaturen in den Ballungszentren können während solcher Hitzeperioden deutlich höher sein als auf dem Land. Aufgeheizter Beton und Stein verhindern, dass es nachts abkühlt. Grüne Oasen zwischen und auf den Häusern können Linderung schaffen.

Auch die heimische Tierwelt profitiert vom Grün in der Stadt. Immer wieder kritisieren Forscher, dass der Lebensraum von Insekten verschwindet. Bienen etwa finden nicht genügend Nektar auf den ordentlich gemähten Wiesen der Gärten und städtischen Parks. Und auch auf dem Land sieht es nicht besser aus – die riesigen Felder, auf denen etwa Mais oder Kartoffeln angebaut werden, schaden der Artenvielfalt.

Beim Urban Gardening wird hingegen kaum jemand ausschließlich eine einzige Gemüse- oder Obstart anpflanzen. Und selbst wenn – der Nachbar drei Hochbeete weiter züchtet vielleicht lieber Erdbeeren statt Gurken. Auch sogenannte Blühstreifen mit extra für die Bienen gesäten Pflanzen können den Insekten helfen.

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Einer der Ursprünge des Urban-Gardening-Trends liegt in New York. In der mit Menschen, Autos und Häusern vollgestopften Millionenstadt wollten die New Yorker sich grüne Oasen und Orte der Begegnung schaffen. Das ist vielleicht einer der größten Unterschiede zur herkömmlichen Gartenarbeit.

Während früher jeder für sich in seinem Schrebergarten werkelte und Radieschen züchtete, ist Urban Gardening für viele ein gemeinschaftliches Erlebnis. So auch bei dem Projekt „Querbeet“ im Bremer Osten. Auf den Restmauern der alten Tiefgarage eines abgerissenen Hochhauses wachsen seit 2016 Kartoffeln, Zucchini und Beeren. Jeder Aktive kann zehn Quadratmeter Fläche eigenständig bewirtschaften. Der Rest wird gemeinschaftlich gepflegt.

Die ist eine gute Idee. In einer tendenziell anonymen Großstadt schafft es Identifikationspotenzial. Die Menschen kommen ins Gespräch, die Nachbarn lernen sich kennen. Städtisches Grün bietet die Chance auf Begegnung und Austausch. Das Dach eines Hochhauses taugt selten für einen Kaffee. Stehen dort jedoch Hochbeete und Blumenkästen, schafft ihr Grün eine schöne Atmosphäre, toller Ausblick inclusive.

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Gerade Dächer bergen nämlich ein großes Potenzial für Urban Gardening. Auf dem Dach der Bremer Volkshochschule wachsen Kürbis, Aubergine, Grünkohl und Paprika, aber auch Basilikum und Zitronengras. Einige Städte, so etwa Toronto, schreiben sogar begrünte Dächer bei Neubauten vor. Urban Gardening kann auch lehrreich sein. Menschen, die sonst in ihrem Alltag kaum Berührungspunkte mit der Natur haben, können erfahren, wie etwas gedeiht. Sie lernen, wann und wie Pflanzen wachsen und entwickeln so ein besseres Verständnis für unserer Umwelt.

So gut und unterstützenswert Urban-Gardening-Projekte auch sind – wichtig ist, in ihnen kein Allheilmittel zu sehen. Sie können helfen, mehr Lebensraum für Tiere zu schaffen und die Luft zu verbessern. Das Problem des Insektensterbens werden sie allein jedoch nicht lösen. Genauso wenig, wie sich die städtischen Hobbygärtner nun ausschließlich mit Gemüse und Obst aus dem Eigenanbau versorgen können. Urban Gardening kann aber eine Chance sein, Menschen zusammenzubringen, und ein besseres Verständnis für unsere Umwelt zu vermitteln.

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