Interview mit Bremer Alt-Bürgermeister

Koschnick: DVD-Player ist nicht notwendig

Bremen. Umweltsenator Reinhard Loske (Grüne) fordert in seinem Buch den „Abschied vom Wachstumszwang“. Bremens Alt-Bürgermeister Hans Koschnick erinnert sich an Diskussionen in seiner Amtszeit. Mit dem SPD-Politiker sprach Rainer Kabbert.
07.01.2011, 10:11
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Von Rainer Kabbert
Koschnick: DVD-Player ist nicht notwendig

Der Bremer Alt-Bürgermeisterr Hans Koschnick.

Frank Thomas Koch

Bremen. Umweltsenator Reinhard Loske (Grüne) fordert in seinem Buch den „Abschied vom Wachstumszwang“ und hat eine lebhafte Debatte entfacht. Bremens Alt-Bürgermeister Hans Koschnick erinnert sich an Diskussionen in seiner Amtszeit und hofft auf gesellschaftliches Umdenken heute. Mit dem SPD-Politiker sprach Rainer Kabbert.

Frage: Neues Wachstum braucht das Land: Können Sie Senator Loske zustimmen?

Hans Koschnick: Ich begreife die Aufregung um seine Thesen nicht. Diese Diskussion wird doch schon seit vielen Jahren geführt. Es geht auch um die Frage: Wie sollte so ein Leben aussehen – und wie sieht die Realität aus? Manche seiner Forderungen sind zwar ganz vernünftig, aber wohl erst in zehn oder 20 Jahren zu realisieren.

Sie waren von 1967 bis 1985 Bremer Bürgermeister. Wie war die wirtschaftspolitische Stimmung?

Mitte der 60-er Jahre hatten wir in Bremen durch den Zusammenbruch von Borgward auf einen Schlag 20000 Arbeitslose. Doch nach eineinhalb Jahren hatten sie wieder einen Job. Da war die Hoffnung: Wir schaffen das, auf den verschiedensten Wegen.

Wirtschaftswachstum als Allheilmittel?

Ja, natürlich. Mit Wachstum gelang alles. Auch im Privaten, wenn beispielsweise junge Leute endlich eine eigene Wohnung hatten. Wie haben in wirtschaftlichem Wachstum auch eine Chance für Verteilungsgerechtigkeit gesehen, erst in Deutschland, dann in Europa und schließlich im Süden.

Welche Rolle spielte in dieser Debatte der Club of Rome mit seinen Thesen zu den Grenzen des Wachstums (1972)?

Es wurde schon gefragt: Kann es mit dem Wirtschaftswachstum so weitergehen? Gefordert wurde: Wachstum ja, aber nicht im alten Sinne. Es kann nicht nur um die Vermehrung des Bruttoinlandprodukts gehen. Wir dachten schon an qualitative Veränderung der Produktion, um den CO2-Ausstoß zu verringern.

Wie weit sind wir mit der Realisierung?

Wir sind weit gekommen, aber nicht weit genug. Wir brauchen nicht Massenzuwachs, sondern qualitativen Zuwachs. Doch muss man das auch aus der Perspektive der Arbeitnehmer sehen: Wenn die Werftarbeiter sehen, dass Aufträge knapp werden, kann man mit ihnen schlecht über qualitatives Wachstum reden.

Sie wollen Arbeit und sehen, dass Schornsteine rauchen...

... ja, erst der Rock, dann das Hemd.

Ehefrau Christine Koschnick:Erst das Fressen, dann kommt die Moral.

Hans Koschnick: Das sagt eine fromme Katholikin – sie zitiert Bertold Brecht!

Ist es realistisch, weniger zu arbeiten, wenn gleichzeitig weniger Arbeitende mehr Rentner finanzieren müssen – oder ist es Sozialutopie?

Die Loske-Idee der 20-Stunden-Woche ist richtig, damit bei wachsender Produktivität die Arbeitszeit reduziert wird und Menschen mehr Zeit zur Muße haben. Aber wenn eine Krankenschwester oder ein Facharbeiter nur 20 Stunden arbeiten, wird nicht genug Personal da sein. Denn es wurde bis heute in den Betrieben aus Kostengründen viel zu wenig ausgebildet.

In Ihren 18 Jahren als Bürgermeister ist die bremische Wirtschaft um 6,4 Prozent gewachsen. Zu viel oder zu wenig?

In meiner Amtszeit begann die Werften- und Fischereikrise. Nur einen Teil konnten wir ausgleichen mit der Verlegung des Containerverkehrs nach Bremerhaven.

Bremen ist hochverschuldet. Ist eine Wirtschaftspolitik weg vom verstärkten Wachstum möglich?

Wir wollen ein anderes Wachstum. Ich glaube nicht, dass etwa bei Daimler Benz – ich habe das Unternehmen nach Bremen geholt – die Auslastung in den nächsten zehn Jahren so sein wird wie heute. Und wenn ich weiß, dass Autos starke Umweltbelastungen verursachen, muss die erste Frage sein: Wie kann ich sie verringern? Die Produktion muss also anders aussehen als gestern und vorgestern, hin zu geringerem Benzinverbrauch.

Hat die Politik zu wenig auf dieses qualitative Wachstum gedrängt?

Auf Bundesebene hätten Bundeskanzler Helmut Schmidt und sein Finanzminister lange drängen können – wenn die Produzenten nicht mitspielen... Die sagen: Wir müssen uns nach dem Markt in Amerika und Asien richten. Es gab auch nicht genug gesellschaftlichen Druck, das Wachstum qualitativ neu zu gestalten. Es muss beides zusammengeführt werden: Die arbeitenden Menschen müssen auch an den Klimawandel, die anderen an die wirtschaftlichen Notwendigkeiten derer denken, die Arbeit brauchen.

Warum dauern Veränderungen so lange? Ist die Politik zu schwach oder die Wirtschaft zu stark?

Wie stark war ich denn als Präsident des Senats, wenn ich eine wichtige Entscheidung treffen wollte und ein Unternehmen sagte: Wenn Sie das machen, ziehen wir weg? Wir waren abhängig, aber man muss ja nicht total abhängig sein.

Der Markt ist so mächtig, dass die Politik nur hinterherhecheln kann?

Nein, aber wir haben es zugelassen, dass der Markt international von einigen Großgesellschaften beherrscht wird. Die Amerikaner hatten schon unter Präsident Franklin D. Roosevelt Großkonzerne zerschlagen, um mehr fairen Wettbewerb zu erreichen. Und was im Weltmaßstab die multinationalen Konzerne sind, können im regionalen Maßstab die Großbetriebe sein.

Qualitatives Wachstum wird so behindert?

Zum Teil. Ich setze aber darauf, dass Vernunft sich durchsetzt – in allen Bereichen.

Stimmt die Gleichung: Wenn ich beim Konsum verzichte, wird es weniger Produktion geben – und so weniger Arbeitsplätze?

Wie soll denn verzichten, wer nur 1500 Euro Einkommen hat? Bei den Schuhen?

Lebt unsere Wirtschaft nicht davon, dass neue Produkte – etwa DVD-Player oder iPods – neue Bedürfnisse schaffen, nach deren Befriedigung der Bürger trachtet?

Ist der DVD-Player lebensnotwendig? Selbstverständlich nicht. Wichtiger sind etwa gesicherte Gesundheitsfürsorge oder vernünftige Ausbildung für die Kinder.

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