Medizinische Eingriffe in Bremen teuer

Krankenkassen wollen bei OPs sparen

Bremen. Wie hoch sollen Klinikleistungen vergütet werden? Darüber streiten sich derzeit Krankenkassen und Krankenhäuser. Als Berechnungsgrundlage für medizinische Eingriffe dient der sogenannte Landesbasisfallwert, der in Bremen am dritthöchsten ist.
24.06.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Marcus Schuster

Bremen. Wie hoch sollen Klinikleistungen vergütet werden? Darüber streiten sich derzeit Krankenkassen und Krankenhäuser. Als Berechnungsgrundlage für medizinische Eingriffe dient der sogenannte Landesbasisfallwert, der in Bremen am dritthöchsten ist. Die Kassen wollen ihn jetzt senken und stoßen bei den Kliniken auf heftige Gegenwehr. Sie befürchten, dass dann in den Krankenhäusern Personal abgebaut werden muss – und damit die Patientenversorgung leidet.

Wenn in einem Krankenhaus in Deutschland ein Mensch operiert wird, zum Beispiel am Herzen, dann kostet das die Krankenkassen unterschiedlich viel Geld. Grund dafür ist der sogenannte Landesbasisfallwert, der von Bundesland zu Bundesland variiert. In Bremen ist er am dritthöchsten: Hier kostet etwa die Implantation eines Herzschrittmachers rund 8500 Euro. In Nordrhein-Westfalen hingegen wäre sie 250 Euro billiger. Die Krankenkassen wollen den Bremer Wert bei den Verhandlungen für das kommende Jahr senken. Die Kliniken halten dagegen: Die Erstattungen reichten jetzt schon nicht aus, jede Senkung hätte einen Arbeitsplatzabbau beim medizinischen Personal zur Folge.

Der Landesbasisfallwert lag in Bremen Anfang Juni bei 3050,61 Euro. Nur in Rheinland-Pfalz und im Saarland ist er höher, am niedrigsten in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Das will Annette Düring ändern. Die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds in der Region Bremen-Elbe-Weser ist seit Sommer 2011 eine der beiden Vorsitzenden des Verwaltungsrates der AOK Bremen/Bremerhaven. Und in dieser Funktion auch verpflichtet, verantwortungsvoll mit den Geldern der Versicherten umzugehen, wie sie sagt.

Düring will über den Landesbasisfallwert des Jahres 2013 verhandeln und aus den im zweiten Halbjahr anstehenden Gesprächen mit der Perspektive herausgehen, dass der Wert in Bremen mittelfristig gesenkt wird. Sie denkt dabei an einen Zeitraum von fünf Jahren. "Es muss eine Lösung gefunden werden, damit man sich wenigstens in der Mitte trifft."

Das allerdings würde aus Sicht der Kliniken schwerwiegende Folgen haben. "Eigentlich müsste der Landesbasisfallwert in Bremen sogar angehoben werden", sagt Uwe Zimmer, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft der Freien Hansestadt Bremen. Schon heute reiche die Vergütung kaum aus, die Personalkosten in den Bremer Krankenhäusern zu decken. "Wir haben die teuersten Klinik-Arbeitsplätze im Bundesvergleich", sagt Zimmer und führt gestiegene Material- und Energiekosten an.

Laut Zimmer steigt auch der Schwierigkeitsgrad der Behandlungen – zum einen, weil es immer mehr ältere Patienten gibt. Zum anderen, weil sich die Möglichkeiten der Medizin beständig erweitern. Komplizierte Eingriffe in der Herzchirurgie zum Beispiel, durch den Landesbasisfallwert mit mehreren zehntausend Euro eingepreist, hätte es früher schlicht nicht gegeben. "Diese Art von Therapien kann man Patienten doch heute nicht vorenthalten, nur um zu sparen", sagt Zimmer und resümiert: "Der Landesbasisfallwert in Bremen ist zu niedrig – und dass er in den meisten anderen Bundesländern noch niedriger ist, macht die Sache nicht besser." Es gebe keinen Grund, diesen Wert für Bremen zu senken. Würde man es dennoch tun, hätte das unmittelbare Auswirkungen auf die Arbeitsplätze in den Kliniken.

Der Krankenhaus-Vertreter verweist darauf, dass durch die Bundesgesetzgebung und den entsprechenden Bundesbasisfallwert eine Abweichung in den Ländern ohnehin nur innerhalb eines bestimmten Korridors möglich ist: 2,5 Prozent nach oben, 1,25 Prozent nach unten. "Genau da wollen wir hin", sagt Jörn Hons, Sprecher der AOK Bremen/Bremerhaven. "Unser Ziel ist es, in den Verhandlungen für 2013 zunächst einmal den Bundesdurchschnitt zu erreichen". Damit würde der Landesbasisfallwert in Bremen unter 3000 Euro sinken.

Ein Knackpunkt, den Kassenvertreter in Bremen immer wieder nennen, ist die Vermutung, dass durch den Landesbasisfallwert erwirtschaftete Mittel auch in den Neubau des Klinikums Mitte fließen. "Als eine solche Investition ist der Wert nicht gedacht", sagt Hons. In anderen Bundesländern würden Krankenhäuser mit dem Landesbasisfallwert sogar ein dickes Plus machen, sagt AOK-Verwaltungsratsvorsitzende Annette Düring.

Uwe Zimmer von der Krankenhausgesellschaft verweist darauf, dass rund zwei Drittel der Kliniken in Deutschland in diesem Jahr eine Null oder sogar ein Minus ausweisen werden, "wir stehen mit dem Rücken zur Wand". Wie solle da Geld aus Operationen in Baumaßnahmen fließen?

In den Augen der medizinischen Versorger stehen in diesem Jahr eher die Kassen durch die Überschüsse, die sie erwirtschaftet haben, auf einem schlechten Verhandlungsposten. "Wir müssen genauso kalkulieren", entgegnet AOK-Mann Hons. Die Reserven benötige man, um die erwarteten Preissteigerungen bei Medikamenten und Krankenhausleistungen aufzufangen, ganz ohne Landesbasisfallwert.

Speziell aus bremischer Sicht gibt Hons auch den Wettbewerb der Länder zu bedenken: "Wir stehen in Konkurrenz zu Oldenburg, zu anderen Städten im Umland. Unsere Versicherten müssen eine Versorgung gewährleistet bekommen, ohne unnötig durch die Gegend fahren zu müssen, weil es anderswo achtzig Euro billiger ist."

Viel Zündstoff für die in den nächsten Monaten anstehenden Verhandlungen. Aus der Gesundheitsbehörde gibt es zum Thema Landesbasisfallwert keinen Kommentar. Das sei Sache der Selbstverwaltung zwischen dem Landesverband der Krankenkassen und der Krankenhausgesellschaft, sagt Karla Götz, Sprecherin von Senatorin Renate Jürgens-Pieper. "Was am Ende dabei rauskommt, ist aber schiedsstellenfähig." Und die entscheidet darüber, was in Bremen künftig eine Blinddarm-OP kostet, eine Entbindung oder eine Strahlentherapie.

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