Ex-SPD-Bundestagsabgeordneter vertritt Interessen Marokkos

Kröning wird Honorarkonsul

Bremen. Volker Kröning blickt auf eine bewegte poltitische Vergangenheit zurück. Der 65-Jährige war Senator, Bundestagsabgeordneter, Schatzmeister im Deutschen Roten Kreuz. Jetzt ist er Honorarkonsul von Marokko - und diese Entscheidung ist in seiner Partei umstritten.
20.12.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Rainer Kabbert
Kröning wird Honorarkonsul

Volker Kröning (links) ist Honorarkonsul für Marokko. Bürgermeister Jens Böhrnsen (rechts) überreichte im Beisein des Bo

Senatspressestelle

Bremen. Volker Kröning blickt auf eine bewegte poltitische Vergangenheit zurück. Der 65-Jährige war Senator, Bundestagsabgeordneter, Schatzmeister im Deutschen Roten Kreuz. Jetzt ist er Honorarkonsul von Marokko - und diese Entscheidung ist in seiner Partei umstritten.

Und noch eine Herausforderung. Volker Kröning ist Jurist, war Senator (Innen-, Justiz- und Finanzressort), Bundestagsabgeordneter, Schatzmeister im Deutschen Roten Kreuz und Werft-Manager auf Zeit - seit Dezember gehört er auch zu den 43 Honorarkonsuln in Bremen. Der Sozialdemokrat vertritt das Königreich Marokko. Eine ebenso interessante wie spannungsreiche Aufgabe, denn mit dem Ehrenamt sind auch konkurrierende Erwartungen verbunden. Manche Parteifreunde sehen ihn gar in einem Dilemma.

Soziologen hätten ihre helle Freude, an der Person Volker Kröning die verschiedenen Rollengeflechte eines 65-Jährigen zu sezieren. Gewachsen über Jahrzehnte, von Bürgermeister Jens Böhrnsen im Bremer Rathaus nostalgisch umspannt, als er Kröning im Beisein des marokkanischen Botschafters Mohamed Bouhlal die Beglaubigungsurkunde überreichte: "Wer hätte das damals gedacht, als ich Dir vor 35 Jahren gegenübersaß..." Damals, als Referendar beim Verwaltungsbeamten Kröning.

Heute ist Kröning Vertreter eines arabischen Staates in den Bundesländern Bremen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Aufgabe: Förderung der gegenseitigen Interessen. Darauf freut er sich: "Mit dem Päckchen meiner Erfahrungen und Kontakte noch etwas ganz anderes anzufangen, was auch in meinem Interesse liegt." Anzuknüpfen an das vergangene Berufsleben, an die langjährige Existenz als Politiker. Seine Leidenschaft für Außenpolitik will er verknüpfen mit wirtschaftlichem Sachverstand. Auch erworben als SPD-Berichterstatter im Bundestagsausschuss für Wirtschaft und Technologie und als Promotor der "Germany Trade & Invest", die als Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Bundesrepublik ausländische Unternehmen in Deutschland und deutsche Unternehmen im Ausland berät.

Besonders die Energiewirtschaft ist aussichtsreich

Nun also die neue Rolle im konsularischen Dienst, mit dem Fokus auf norddeutsche wie marokkanische Interessen. Hafenwirtschaft, Energiewirtschaft und Tourismus sind für Kröning Felder, die auch für die gesamte Region Erträge abwerfen könnten. Besonders die Energiewirtschaft ist aussichtsreich. Das Projekt "Desertec" soll mitten in der Wüste Strom aus Sonnenenergie gewinnen. Erste Standorte sind in Marokko geplant. Energie der Zukunft, an der auch Bremer Unternehmen beteiligt sind. Die Firma "Kaefer"-Isoliertechnik hat schon im April ihr Engagement bestätigt. Die Handelskammer zählt 13 Unternehmen auf, die in Marokko Niederlassungen haben. Dazu kommen noch zahlreiche Import- und Exportkontakte.

Offenbar bewegt sich Kröning hier aber in einem Revier, das noch einiger Hege bedarf. Jedenfalls hat Wirtschafts-Staatsrat Heiner Heseler jüngst beim Besuch arabischer Botschafter im Rathaus Defizite in den norddeutschen Wirtschaftsbeziehungen diagnostiziert. Auch was Bremen betrifft: Gerade mal 0,5 Prozent des Außenhandelsvolumens kommen aus der arabischen Region.

Kröning geht es auch um Kultur und interreligiösen Dialog, um Ideenaustausch über das Schul- und Universitätswesen. Zu all dem wird es Fachveranstaltungen geben. Eine Einladung zur Dienstreise in den Maghreb hat er schon in der Tasche. Verständigung wird über Englisch möglich sein. In einem Land, das er bisher nicht kennt.

Öffentliches Auftreten im zurückgenommenen Maße

Wo aber liegt der spezielle Reiz dieses Amtes? Die diplomatische Immunität bei Verkehrsdelikten wird es nicht sein. Honoris causa, ehrenhalber, ohne Bezahlung. Es geht hier mehr um ideellen Benefit, sagt er, um gewisses öffentliches Auftreten, wenn auch nur im zurückgenommenen Maße. "Ich bin nicht mehr Politiker, aber bleibe ein sehr engagierter Bremer und bin nach wie vor Sozialdemokrat."

Damit sind aber auch spezielle Werte, ja Erwartungen verbunden, abgefärbt von seiner politischen Biografie. Immerhin hat sich der Rechtsanwalt im Roten Kreuz für humanitäres Völkerrecht eingesetzt und Initiativen für Frieden, internationalen Ausgleich und Sicherheit unterstützt.

Und nun Marokko. Ein Land, von dem Amnesty International berichtet, wie sehr dort Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt sind. Die Marokkaner besetzten 1975 die rohstoffreiche Westsahara. Eine Region, die von rund 80 Staaten als Demokratische Arabische Republik Westsahara anerkannt wird. Die EU hat mit Rabat ein Millionen-Fischfang-Abkommen geschlossen - inklusive Küste vor der völkerrechtswidrig besetzten Westsahara. 1998 war der Generalsekretär der Westsahara-Befreiungsfront "Polisario" Mohammed Abdel Aziz im Bremer Rathaus und konnte sich zumindest moralischer Unterstützung sicher sein.

Heikles Spannungsfeld

Die Rolle des Ehrenkonsuls und die des Sozialdemokraten erzeugen ein heikles Spannungsfeld. Die Westsahara ist für Kröning eine Region, deren Status noch nicht endgültig geklärt ist und die von Marokko verwaltet wird. Ein Waffenstillstand mit der "Polisario" funktioniert, sagt er. Allerdings: In der Westsahara-Hauptstadt El Aaiun gab es nach Zusammenstößen mit marokkanischen Sicherheitskräften auf beiden Seiten Tote. "Ich verlasse mich darauf, dass Marokko seine konstitutionelle Verfassung und seine westliche Politik nicht aufgeben will", sagt Kröning. Er sieht sich, "ganz klar", in einem Spannungsverhältnis, pocht aber auch auf die Unterscheidung zwischen Person und Rolle. "Ich habe meine Meinung jenseits von Rollen, die ich spiele."

Und so hofft er auf das UN-Regime über die Westsahara. "Ich habe das Amt auch unter dem Blickwinkel angenommen, dass Marokko ein Schlüsselland im Mittelmeer-Raum ist." Wobei Mittelmeerpolitik für ihn nur ein Stiefmütterchendasein in Deutschland fristet. "Das Amt wollte ich nicht ablehnen, nicht zuletzt mit Blick auf die Stabilität in der Region."

Wie viel stille Diplomatie ist dabei möglich? "Man muss die Dinge mit viel Taktgefühl behandeln", meint Kröning. Noch ist das Verhältnis zum Botschafter frisch. Wobei er für zwischenstaatliche wie zwischenmenschliche Beziehungen ein gemeinsames Motto hat: "Autonomie achten! Marokko ist ein souveränes, stolzes Land, das weder öffentliche noch nicht öffentliche Ratschläge braucht."

Krönings Genossen sehen das neu besetzte Honorarkonsulat Marokko aus anderer Perspektive. Gunther Hilliges etwa, langjähriger Leiter des Bremer Amts für Entwicklungszusammenarbeit, "ist enttäuscht, dass mein alter sozialdemokratischer Freund die Seiten gewechselt hat. Immerhin hat der Senat über die Jahre die Besetzung der Westsahara kritisiert."

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