Staatsministerin Grütters im Interview

"Kunsthalle ist ein Glücksfall für Bremen"

Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, war einen Tag lang im Land Bremen unterwegs. Im Interview spricht über illegalen Kunsthandel, Filmförderung und Perlen in der Region.
27.03.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Norbert Holst

Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, war einen Tag lang im Land Bremen unterwegs. Im Interview spricht über illegalen Kunsthandel, Filmförderung und Perlen in der Region.

Frau Grütters, Sie haben heute das Auswandererhaus in Bremerhaven besucht. Welche Eindrücke nehmen Sie mit zurück nach Berlin?

Monika Grütters: Das Auswandererhaus in Bremerhaven ist sicherlich eines der spannendsten Museen, die ich in meiner Amtszeit bisher gesehen habe. Nicht nur, weil es eine fast beklemmende Aktualität hat, sondern weil man auch sieht, wie man mit Museumsarbeit aktuelle, zeitgeschichtlich und gesellschaftlich relevante Themen aufarbeiten kann. Konkret: Wir arbeiten zur Zeit an der Errichtung einer Ausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung. Dabei stellt sich die Frage: Sollen wir das Thema dem jungen Publikum mit den heutigen digitalen Kommunikationsmethoden nahebringen oder kann man Geschichte auch mit eher konventionellen Mitteln erlebbar machen. Letzteres scheint mir vor allem bei Themen wichtig, bei denen es auch stark um Emotionalität und Gefühle geht. Die Verantwortlichen im Auswandererhaus haben diese Aufgabe sehr überzeugend gelöst.

Inwiefern?

In der Ausstellung wird klar: Deutschland war schon immer ein Ein- und ein Auswandererland. Es gab früher viele Deutsche, die aus ähnlichen Gründen auswandern mussten wie heute Syrer, die ihre Heimat verlassen und zu uns kommen: Armut, Kriegsfolgen und das Versprechen auf bessere Lebensbedingungen für die Familie in der Fremde. Wer sich in die Situation der damaligen deutschen Auswanderer einfühlen kann, findet ganz schnell die Verbindung zum heutigen Geschehen. Dieser Ansatz gelingt im Auswandererhaus tatsächlich.

Und was ist in Ihren Augen das Besondere an derKunsthalle?

Die Bremer Kunsthalle gehört meiner Meinung nach zu den bedeutendsten Sammlungen Bildender Kunst in Deutschland. Dass die Kunsthalle auch wesentlich vom Bürgersinn getragen wird, mit der damit verbundenen Freiheit des Agierens, ist ein Glücksfallfür Bremen. Es geht einem gut, wenn man in diesen Räumen ist! Auch der Umgang mit den Arbeiten istsehr überzeugend, im Altbau wie im Neubau, den mein Haus mitfinanziert hat. Dass einSammlungsbestand von den Alten Meistern über Max Liebermann bis hin zu Werken der Gegenwartskunst so sorgfältig kuratiert und von bürgerschaftlichem Engagement ganz wesentlich getragen wird – das macht das Erlebnis Kunsthalle Bremen so bedeutsam. Es ist immer wieder gut zu sehen, dass einerseits staatliche Finanzierung die kulturelle Vielfalt in der Bundesrepublik Deutschland sichert, sie andererseits aber auch stark von privatem Engagement getragen wird.

Wir sitzen hier in der Kunsthalle vor Bildern von Max Liebermann. Sie wollen nationale Kulturgüter, die älter als 70 Jahre alt und einen Wert von mindestens 300.000 Euro haben, vor dem Verkauf ins Ausland schützen. Diese Novellierung des Kulturschutzgesetzes hat in der frühen Fassung bei Händlern und Sammlern für viel Aufregung gesorgt. Nun steht im April die zweite Lesung im Bundestag an. Hat Sie eigentlich der Wirbel überrascht?

Die Vehemenz der Kritik und die Tonlage haben mich überrascht, weil die Novellierung des Gesetzes unter anderem im Koalitionsvertrag angekündigt war – übrigens mit allen Details. Wir wollen den Handel mit Kulturgütern ja auch nicht unverhältnismäßig einschränken. Deshalb sind die Alters- und Wertgrenzen für die Ausfuhr in den Binnenmarkt auch mindestens doppelt so hoch angesetzt wie seit 23 Jahren die EU-Vorgaben für die Ausfuhr von Kulturgut aus der EU. Damit nehmen wir auch Rücksicht auf den Schwerpunkt des Kunsthandels in Deutschland, denn der liegt eindeutig in der zeitgenössischen Kunst, und diese ist von den Ausfuhrregelungen gar nicht erfasst. Ich glaube, dass man in den sehr, sehr wenigen Einzelfällen, um die es geht, das Interesse des Eigentümers an einem möglichst hohen Verkaufserlös an einem Werk abwägen muss mit einem möglichen öffentlichen Interesse an einem Verbleib in Deutschland, wie es seit 1955 Praxis ist. In den vergleichsweise seltenen Fällen der Eintragung von Werken als national wertvoll prüft einSachverständigenausschusssorgfältig die Eintragung.Ein möglicher Ankauf durch Bund und Länder folgt den marktüblichen Maßstäben, dafür wurden in den letzten Jahren rund 600 Millionen Euro aufgewendet. Hier ändert sich also nichts, neu ist lediglich die Regelung auch für die Ausfuhr in den Binnenmarkt. Im Übrigen: Kunst ist keine Ware und auch keine Geldanlage wie jede andere. Kunst hat neben einem Preis vor allen Dingen auch einen Wert.

Mindestens genauso wichtig sind die neuen Bestimmungen für die Einfuhr von Kulturgütern.

Wir hinken mit unseren Standards der internationalen Entwicklung um Jahrzehnte hinterher. Und das betrifft keineswegs nur die – oft geraubten – Antiken aus Krisenregionen wie Syrien und dem Irak. Zum Beispiel mit Kulturgütern aus Süd und Mittelamerika wird ebenfalls relativ rücksichtslos gehandelt. Deshalb wollen wir die Einfuhr so regeln, dass nur Stücke eingeführt werden können, für die es – ich sage es mal populär – einen Passierschein des Herkunftslandes gibt, natürlich nur, sofern dies rechtlich im Herkunftsland auch vorgesehen ist. Dieses Papier muss bestätigen, dass ein Stück aus dem Herkunftsland stammt, und die Behörden dieses Landes bestätigen dem Besitzer, dass er es nach Deutschland ausführen darf.

Lesen Sie auch

Aber kann solch ein Gesetz überhaupt illegalen Kulturhandel verhindern? Oft ist doch organisierte Kriminalität im Spiel.

Das Gesetz ist natürlich auch eine Antwort auf organisierte Kriminalität. Neben Drogen und Waffen gehört auch der Handel mit Kunst zu deren Haupteinnahmequellen. Deshalb ist es auch wichtig, dass Deutschland jetzt vernünftige Einfuhrregeln gesetzlich verankert. Das sind wir als Kulturnation dem Kulturerbe der Menschheit schuldig.

Ihr Vorgänger im Amt, der langjährige Bremer CDU-Vorsitzende Bernd Neumann, hat die Filmförderung zu einer Erfolgsgeschichte gemacht. Sie wollen das Gesetz bald ändern – warum?

Neben dem Deutschen Filmförderfonds mit jetzt 50 Millionen Euro haben wir eine kulturelle Filmförderung mit rund 28 Millionen jährlich, hinzu kommen Mittel des Bundeswirtschaftsministeriums. Der deutsche Film ist sehr erfolgreich – was die Zahlen angeht. Wir haben mit 27 Prozent Marktanteil eines der erfolgreichsten Jahre hinter uns. Wir haben mehrere Filme produziert, die mehr als eine Million Menschen im Kino angeschaut haben. Man kann es aber immer noch besser machen. Trotz dieser Publikumserfolge bleibt die Frage: Warum nehmen an großen Festivals so selten deutsche Filme teil? Cannes wird dafür oft als Beispiel genannt. Deshalb ist es mir wichtig, vor allem die Mittel für die kulturelle Filmförderung zu erhöhen. In diesem Bereich habe ich mit zusätzlichen 15 Millionen Euro jährlich den Etat mehr als vervierfacht. Mein Ziel ist es, so vor allem auch mutige Experimente zu fördern.

Heißt das im Umkehrschluss, der deutsche Film istzwar wirtschaftlich erfolgreich, zeigt aber keinen Mut?

Nein. Filmemachern, Drehbuchautoren und Regisseuren fehlt es nicht an Mut. Aber sie müssen sich bei der Finanzierung eines Projekts oft den legitimen Interessen der Geldgeber entsprechend verhalten. Das sind zum Beispiel die Länder, die Fernsehanstalten und auch Stellschrauben in der Filmförderung des Bundes. Im Zuge des Geldsammelns werden viele mutige Ideen ein wenig zurückgenommen. Mit der kulturellen Filmförderung des Bundes hingegen können wir freier agieren und auch mal einen Film mit bis zu 80 Prozent der Kosten unterstützen. Das macht die Filmemacher unabhängiger.

Aber ist es wirklich gerechtfertigt, wenn einKassenknüller wie „Fack ju Göhte“ oder amerikanische Blockbuster mit Steuergeldern subventioniert werden?

Wir stärken den Markt, wenn wir solche Vorhaben unterstützen. Der Hebel-Effekt, also was die Produzenten beim Dreh in Deutschland ausgeben, istmanchmal das Sechsfache der Summe, die von der Filmförderung getragen wird. Das sichert Arbeitsplätze und Film-Know-how auf Weltniveau. Außerdem: Wenn besonders erfolgreiche Filme mehr Geld einspielen, als sie an Förderung bekommen haben, wird ein Teil der Filmförderung zurückgezahlt. Das war bei „Fack ju Göhte“ auch der Fall. Man sollte den Film als Wirtschaftsfaktor nicht unterschätzen. Aber für mich gilt auch ganz klar: Der Film istzuallererst ein Kulturgut.

Das Interview führte Norbert Holst.

Zur Person

Monika Grütters ist Staatsministerin für Kultur und Medien im Kabinett von Angela Merkel. Die CDU-Politikern aus Berlin war einen Tag lang im Land Bremen unterwegs. Sie besuchte das Auswandererhaus in Bremerhaven und die Bremer Kunsthalle. Am Abend diskutierte die 54-Jährige auf Einladung der CDU in der Kunsthalle mit Bürgern über Kulturpolitik.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+