Bremen holt sich Tipps aus Hamburg Langfristige Veränderung des Bremer Kita-Systems

In einem Punkt sind sich alle einig: So, wie es bisher läuft im Bremer Kita-System, kann es nicht weitergehen. Bei 650 fehlenden Plätzen zu Beginn des Kindergartenjahres am 1. 1. August muss eine Veränderung her.
16.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Langfristige Veränderung des Bremer Kita-Systems
Von Alice Echtermann

In einem Punkt sind sich alle einig: So, wie es bisher läuft im Bremer Kita-System, kann es nicht weitergehen. Bei 650 fehlenden Plätzen zu Beginn des Kindergartenjahres am 1. August muss eine Veränderung her - die Frage ist, was erneuert und was beibehalten werden soll.

Mögliche Vorbilder sind Hamburg und Berlin. Beide setzen für die Planung der Kita-Plätze auf ein Gutscheinsystem. „Wir müssen einen Bremer Weg finden“, sagt Arnold Knigge von der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (LAG).

Dafür hat die Bürgerschaftsfraktion der Grünen am Donnerstag zu einer Anhörung eingeladen. Unter der Leitung von Matthias Güldner, kinder- und bildungspolitischer Sprecher der Grünen, nehmen Vertreter von städtischen und freien Kita-Trägern, Wohlfahrtsverbänden sowie Eltern- und Gewerkschaftsinteressen teil. Die Vorträge halten zwei Gäste: Sören Arlt aus der Kinderabteilung der Hamburger Sozialbehörde und Torsten Wischnewski-Ruschin von Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin stellen die Kita-Modelle ihrer Länder vor.

Mehr Autonomie für Träger

Die Herangehensweise unterscheidet sich deutlich: Anstatt den Bedarf wie in Bremen zentral zu ermitteln und dann eine bestimmte Anzahl Kita-Plätze anzubieten, richten Hamburg und Berlin das Angebot an der Nachfrage aus. Die Diskussion, das Gutschein-System für Bremen zu übernehmen, gibt es seit mehreren Jahren. Hamburg hatte die Kita-Gutscheine 2003 eingeführt und konnte seitdem seine Betreuungsquote stetig verbessern – bei den Unter-Dreijährigen lag sie 2015 bei 43,3 Prozent. Die Quote habe sich seit 2002 nahezu verdreifacht, sagt Sören Arlt. Hamburg sei damals mit einer ganz ähnlichen Ausgangslage gestartet wie die, in der sich Bremen aktuell befindet.

Und so funktioniert das Gutschein-Modell: Eltern, die einen Kita-Platz benötigen, stellen einen Antrag mit den gewünschten Betreuungsstunden. Die Behörde stellt einen passenden Gutschein aus, den die Eltern in der Kita ihrer Wahl einlösen können. Die Kitas rechnen die Kosten auf Basis des Gutscheins direkt mit Stadt ab. Nur tatsächlich besetzte Plätze würden finanziert, sagt Torsten Wischnewski-Ruschin. Dadurch entsteht ein offener Kita-Markt, in dem die Träger miteinander im Wettbewerb stehen. Ein Rahmenvertrag soll die Qualitätsstandards in den Einrichtungen sicherstellen.

Da das Angebot auf die Wünsche der Eltern zugeschnitten sei, werde eine Fehlversorgung verhindert, erklärt Sören Arlt. Vor Einführung der Gutscheine hätten viele die angebotenen Ganztagsplätze gar nicht ausgenutzt. In Hamburg ist die Grundversorgung von fünf Stunden täglich für Eltern kostenlos, in Berlin wird die Kostenbeteiligung gerade stückweise abgeschafft. Bei der Finanzierung haben sich beide Länder für Pauschalregelungen entschieden. Die Kitas erhalten pro Kind eine Summe, in der Personal- und Sachkosten enthalten sind.

Zuschläge für Kitas

Im Qualitätswettbewerb sichere das gleiche Chancen für alle Träger, sagt Arlt. Es sei aber auch zusätzliche Förderung möglich: Kitas in sozial benachteiligten Stadtteilen stünden in Hamburg zwölf Prozent mehr Personal zu. Auch in Berlin erhalten Kitas Zuschläge, beispielsweise wenn der Anteil nicht-deutschsprachiger Kinder bei über 40 Prozent liegt. Frank Pietrzok, Staatsrat bei der Bremer Bildungssenatorin, befürchtet jedoch, dass sozial schwächere Stadtteile durch das Gutschein-System benachteiligt werden könnten – ein Vorbehalt, den auch die Verdi-Betriebsgruppe Kita Bremen in der Vergangenheit geäußert hat.

Es gelte zu verhindern, dass die Träger ihre Standorte auf „gutbürgerliche“ Stadtteile konzentrieren, sagt Pietrzok. Dieses Phänomen gebe es in Berlin nicht, sagt Wischnewski-Ruschin. Die Träger würden ihrer Aufgabe der Versorgung nachkommen. In manchen Hamburger Stadtteilen gebe es eine geringere Versorgungsquote, räumt Arlt ein. Das sei jedoch keine Folge des Gutschein-Systems, sondern zum Beispiel auf die Zurückhaltung von Familien mit Mi­grationshintergrund zurückzuführen. An dieser Stelle sei die Politik gefragt, mit Kampagnen gegenzusteuern: In Hamburg gebe es 40 Eltern-Kind-Zentren und Elternlotsen, die für die frühzeitige Kita-Betreuung werben sollen.

Die Träger haben jedoch weitere Bedenken. Wolfgang Bahlmann vom städtischen Träger Kita Bremen sieht vor allem den Wettbewerbsdruck kritisch. Bei dem städtischen Kita-Betrieb „Elbkinder“ in Hamburg etwa sei das Personal im hauswirtschaftlichen Bereich ausgegliedert worden und werde nun nach einem niedrigeren Tarif bezahlt.

Langfristige Planung nötig

Sollte ein Gutschein-Modell in Bremen kommen, fordert er für Kita Bremen absolute Freiheit. Unter anderem müssten die Immobilien der Kitas in den Besitz des Trägers übergehen, und man dürfe für Dienstleistungen nicht an andere städtische Betriebe gebunden sein. Übereinstimmend fordern alle Vertreter mehr Flexibilität für das Bremer Finanzierungssystem. Es dürfe aber kein Sparmodell werden, betont Gabi Helms vom Verbund Bremer Kindergruppen. „Wir sind schon am unteren Limit.“

Klar ist allen Beteiligten: Das Gutschein-System wird den aktuellen Kita-Platzmangel nicht beheben können. Mindestens drei Jahre dauere die Umstellung, sagt Wolfgang Bahlmann. Doch der Prozess für eine Veränderung ist angestoßen. Eine Arbeitsgruppe der Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) soll bis Jahresende beraten, welche Bausteine aus den Hamburger und Berliner Modellen sich zu einem „Bremer Weg“ zusammenfügen lassen.

Das Bündnis arbeite ergebnisoffen, sagt Frank Pietrzok. Der kürzlich veröffentlichte Zehn-Punkte-Plan der Bildungssenatorin sieht 900 neue Kita-Plätze bis zum Ende dieses Jahres und 55 neue Kindergärten bis 2020 vor. Alles, was diesen Ausbau behindere, sehe er als sehr schwierig an, sagt ­Pietrzok. Auch Matthias Güldner betont, die Planungen könnten nicht nebenher laufen, dafür müsse Personal freigestellt werden. Aktuell sei ein Gutschein-Modell in Bremen nicht machbar. Aktuell sei ein Gutschein-Modell in Bremen nicht machbar. Eine Umsetzung in drei Jahren sieht Güldner jedoch als realistisch an. „Lasst uns diese Tür nicht zuschlagen“, sagt Güldner.

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