Personalrat erhöht den Druck Lehrer fordern mehr Nachwuchs

In Bremen fällt jede elfte Unterrichtsstunde aus oder wird von nicht voll ausgebildeten Lehrern geleistet. Daher droht die Vertretung der Lehrer mit einem Veto gegen die Beschäftigung von Studenten.
01.12.2016, 00:00
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Lehrer fordern mehr Nachwuchs
Von Lisa Schröder

In Bremen fällt jede elfte Unterrichtsstunde aus oder wird von nicht voll ausgebildeten Lehrern geleistet. Das berichtet die Vertretung der Lehrerschaft und droht mit einem Veto gegen die Beschäftigung von Studenten.

Die Stimmung ist nicht gut. Arno Armgort kommt gerade aus der Personalversammlung der Bremer Lehrer. Tarifrunden, Qualitätsmanagement und Bildungsausgaben – viele Themen standen bei der Sitzung im Schlachthof auf der Tagesordnung. Dort hat der Vorsitzende des Personalrats vor allem eine Frustration seiner Kollegen wahrgenommen. „Sie ist größer geworden. Das merkt man gerade bei den spontanen Redebeiträgen.“

Einstimmig hat die Versammlung deshalb etwas beschlossen, das die Situation verbessern soll. Die Lehrer fordern Claudia Bogedan (SPD), Senatorin für Kinder und Bildung, auf, mehr Referendariatsplätze zu schaffen. „Umgehend“, heißt es im Antrag. Mindestens 550 Plätze pro Jahr sollen es sein, um gegen den Lehrermangel in Bremen zu wirken. Passiere das nicht, habe das Konsequenzen: Der Personalrat soll sich dann ab Februar dagegen aussprechen, dass Studenten in den Schulen als Vertretung im Einsatz sind. Die Zustimmung des Rats sei nötig, sagt Armgort.

In ihrem Antrag schreibt die Mitarbeitervertretung, dass derzeit in der Stadt Bremen jede elfte Unterrichtsstunde entweder ausfalle oder von nicht voll ausgebildeten Lehrern geleistet werde. Insgesamt seien mehr als 400 Vertretungskräfte im Ansatz: Bachelorabsolventen, die nicht genügend qualifiziert seien, oder Masterabsolventen, die eigentlich einen Referendariatsplatz bräuchten.

Behörde will mehr Referendariatsplätze schaffen

Sie sind meistens beim Verein Stadtteilschule angestellt und nicht bei der Bildungsbehörde. „Wir hören, dass sie überfordert sind“, sagt Armgort. Besonders schwierig sei für sie, dass sie auch Noten an die Schüler vergeben müssen. Das hält er für heikel: „Wenn ich einen Chirurgen brauche und stattdessen ein Medizinstudent übernimmt, gehe ich auch nicht in die OP.“

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Schon beschlossen ist, dass die Bildungsbehörde zum kommenden Jahr 50 weitere Plätze für Referendare schaffen will. Damit steigt die bisherige Zahl auf 500. „Das ist aus unserer Sicht völlig unzureichend“, kritisiert jedoch Armgort. Er gehe davon aus, dass in Zukunft viel mehr Lehrer benötigt werden, weil es mehr Kinder gebe als erwartet: Die Geburtenraten seien gestiegen, außerdem kämen mehr geflüchtete Kinder und Jugendliche hinzu. Deshalb plädiere der Personalrat für 550 Plätze.

Michal Myrcik arbeitet seit fast zehn Jahren als Lehrer für Sonderpädagogik und Sport in Bremen und engagiert sich ebenfalls im Personalrat. Er kann nicht nachvollziehen, dass Bremen einen Mangel an Lehrern hat, trotz aller guten Voraussetzungen. „Es gibt das Landesinstitut für Schule und die Universität. Wir sind keine Insel. Der Lehrermangel ist hausgemacht. Das ist politisches Versagen.“

In Bremen fehlen aktuell 34 Lehrer

Annette Kemp, Sprecherin der Senatorin für Kinder und Bildung, hält dagegen. „Wir haben ja die Ausbildungskapazitäten zum 1. Februar von 450 auf 500 Plätze erhöht und ein umfangreiches Maßnahmepaket gegen den Lehrermangel geschnürt.“ Darin enthalten seien zum Beispiel auch Erleichterungen für Quereinsteiger und Lehrkräfte aus dem Ausland. Darüber hinaus sei die Behörde überzeugt, dass die Kapazitäten perspektivisch weiter erhöht werden müssten. Kemp sagt: „Wir sind weiterhin mit dem Personalrat im Gespräch.“ In Bremen fehlten derzeit 34 Lehrer.

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Myrcik plädiert für den Vergleich mit dem Stadtstaat Hamburg: Bremen müsse jährlich 95 Millionen Euro mehr investieren, um mit Hamburg mitzuhalten. Dort gebe die Behörde pro Schüler im Jahr 6700 Euro aus, in Bremen seien es nur 5200 Euro. Das seien die offiziellen Zahlen der Behörden, sagt Myrcik. „Stattdessen wird in Bremen jedes Jahr weiter eingespart.“ Mehrarbeit gehöre zum Alltag seiner Kollegen. Oft müssten sie füreinander einspringen und zwei Klassen gleichzeitig übernehmen, damit es keinen Unterrichtsausfall gebe.

Auch müssten Sozialpädagogen einspringen, obwohl sie keine Lehrer seien. Er sieht die Stadtteilschule kritisch. „Die Kollegen leisten gute Arbeit, aber sie haben Zeitverträge und damit unsichere Beschäftigungsverhältnisse.“ Unter diesen Voraussetzungen sei die Inklusion nur schwer umzusetzen. „Gleichzeitig den Studiengang Pädagogik zu schließen – das ist Wahnsinn.“

"Studenten unterrichten Klassen ganz allein"

Armgort hält die Situation ebenfalls für problematisch: „Inklusion findet dort nicht statt, wo sie besonders notwendig ist.“ 2012 habe Bremen 100 Plätze für Referendare gestrichen, um zu sparen. Deshalb könne man heute nicht alle Kollegen ersetzen, die in den Ruhestand gingen. Diese Kritik teilt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die sich bereits vor ein paar Wochen zum Thema äußerte.

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Eine Lehrerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, findet vor allem das Misstrauen gegen Lehrer beunruhigend. „Das nimmt zu.“ Die Schulleitungen setzten darauf, dass deren Arbeit viel mehr dokumentiert werde – weil Bremen bei Leistungstests in der Vergangenheit oft schlecht abschnitt. Die Ergebnisse hätten aber eine andere Ursache. Studenten unterrichteten zum Beispiel ganz allein eine Klasse. So sei es auch an ihrer Schule. „Wenn Bremen weniger Geld ausgibt, dann sind die Ergebnisse doch kein Wunder."

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