Neue Medien Lehrer sollen von Schülern lernen

Bremen. Den Spieß mal umdrehen: Schüler leiten Lehrer an, geben ihnen Nachhilfeunterricht, weil sie vieles versäumt haben oder gar keinen Grund sehen, sich mit dem Stoff zu beschäftigen. Das ist im Kern der Inhalt eines Antrags der Grünen-Fraktion.
30.07.2012, 05:00
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Lehrer sollen von Schülern lernen
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Den Spieß mal umdrehen: Schüler leiten Lehrer an, geben ihnen Nachhilfeunterricht, weil sie vieles versäumt haben oder gar keinen Grund sahen, sich mit dem Stoff zu beschäftigen. Das ist im Kern der Inhalt eines Antrags der Grünen-Fraktion, der auf die Vermittlung von besonderen Fähigkeiten im Umgang mit den neuen Medien zielt. An den Schulen, so die Forderung, solle landesweit ein Medienkompetenztag eingeführt werden.

Bremen. Internet, Handy, der Gebrauch von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter – die Jungen haben den Älteren dabei in der Regel vieles voraus. Und je schneller sich diese Techniken entwickeln, desto größer wird der Abstand zwischen den Generationen. So schreibt es die Grünen-Fraktion in einem Antrag an die Bürgerschaft und regt neben einem Medienkompetenztag auch die Ausbildung von sogenannten Medien-Coaches an – älteren Schülern, die den Erwachsenen, aber auch ihren jüngeren Mitschülern in Computertechniken einführen und möglichst genauso über ihre Risiken aufklären.

"Die Vermittlung von Medienkompetenz steht vor der wohl größten Herausforderung in der Geschichte der Medien", formulieren die Grünen, "sie hinkt sowohl technischen Neuerungen und kommerziellen Interessen hinterher als auch der Veränderung von Kulturtechniken." Neues, heißt es in dem Antrag, sei am besten aus erster Hand zu erfahren – in diesem Fall von den Kindern und Jugendlichen. Sie sollen ihr Wissen und ihre Erfahrungen im Umgang mit Internet und neuen Medien an Erwachsene weitergeben und sich, so wörtlich, "im gegenseitigen Austausch für deren Möglichkeiten, Herausforderungen und Risiken sensibilisieren".

"Wer 50 ist oder älter hat bei den Medien eine andere Herangehensweise", sagt Carsten Werner, medienpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion. Ein Problem, meint er, auch und gerade an den Schulen. "Irgendwann löst sich das automatisch, wenn bei den Lehrern die Jungen nachrücken, aber das dauert noch und diese Zeit müssen wir überbrücken."

Die Grünen nehmen mit ihrem Vorstoß etwas auf, was auch in anderen Bundesländern diskutiert wird. In Niedersachsen zum Beispiel prescht die Landesmedienanstalt (NLM) vor. "Die Lehrer sind nicht systematisch vorbereitet auf den Einsatz neuer Medien", sagt NLM-Abteilungsleiter Klaus-Jürgen Buchholz. Die Kinder seien ihnen technisch oft überlegen. Als Konsequenz würden jetzt verstärkt Fortbildungsangebote gemacht. Buchholz: "Wir erzeugen bei den Lehrern Veränderungsdruck."

Wer dabei nicht mitzieht, könnte im Unterricht bald auf verlorenem Posten stehen. Die Landesmedienanstalt hilft gerade bei der Überarbeitung der niedersächsischen Lehrpläne in 25 Fächern. Am Ende soll in allen Fächern der Umgang mit den neuen Medien und mit den Risiken, die damit verbunden sind, eingearbeitet werden. Ein separates Fach Medienkunde will sich das Land sparen.

Klaus-Jürgen Buchholz räumt ein, dass nicht alle Schulen so üppig ausgestattet sind, dass sie den Unterricht mit neuen Medien unterstützen oder gar gestalten können. "Technikdefizite werden aber teils nur vorgeschoben, um sich den Veränderungen nicht stellen zu müssen", so der Medienexperte. Seine Behörde habe zu dem Thema mittlerweile komplette Unterrichtseinheiten entwickelt, die für alle Pädagogen kostenlos seien. Bedingung: Sie müssen sie aus dem Internet herunterladen.

"Wenn ich Lehrer bin, muss ich nicht auch noch Informatiker sein", kontert Christian Gloede, vom Bremer Landesvorstand der Lehrergewerkschaft GEW. Selbstverständlich sei es trotzdem wichtig, den Schülern technisches Know-How zu vermitteln. "Wie alles in der Schule hängt aber auch das von personellen Ressourcen ab", sagt Gloede.

Den Ansatz, Lehrern etwas von Schülern beibringen zu lassen, hält Gloede für "eine spannende Idee". Dafür an den Schulen aber gleich einen landesweiten Medienkompetenztag einzuführen, geht dem GEW-Mann zu weit: "So etwas sollte man schulbezogen machen und es nicht auf einen Tag konzentrieren."

Vor einem Jahr hatte es zu dem Thema ein Eckpunktepapier gegeben, verfasst vom Runden Tisch zur Bremer Medienkompetenz. In dem Papier wird unter anderem gefordert, dass die digitalen Medien nicht nur als Inhalt von Unterricht thematisiert werden, sondern dass man sie vielmehr auch als Mittel zum Wissenserwerb etabliert. "Kindergarten und Schule stehen in diesem Zusammenhang heute vor der Herausforderung, eine neue Lernkultur zu entwickeln", schreiben die Autoren.

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