Zech-Sparte expandiert weiter

Lehrjahre im Luxushotel

Arbeiten, wenn andere frei haben, und das bei vergleichsweise niedrigem Gehalt: Das Hotelgewerbe hat ein schlechtes Image. Die Bremer Atlantic-Hotel-Gruppe geht darum ungewöhnliche Wege, um Azubis zu gewinnen.
29.11.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Lehrjahre im Luxushotel
Von Maren Beneke
Lehrjahre im Luxushotel

Ruth Paeplow beendet ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau im kommenden Jahr. Eine Übernahme bei der Atlantic-Hotel-Gruppe ist ihr dann garantiert.

Christina Kuhaupt

Arbeiten, wenn andere frei haben, und das bei vergleichsweise niedrigem Gehalt: Das Hotelgewerbe hat ein schlechtes Image. Die Bremer Atlantic-Hotel-Gruppe geht darum ungewöhnliche Wege, um Azubis für sich zu gewinnen.

Probleme, einen Ausbildungsplatz zu finden, hatte Ruth Paeplow nicht. Im Gegenteil: In gleich mehreren Unternehmen hätte die gebürtige Bremerin vor zweieinhalb Jahren eine Ausbildung zur Hotelfachfrau beginnen können. Erst kurz zuvor hatte Paeplow ihr Studium abgebrochen. Zu praxisfern sei das gewesen. Stattdessen besann sich die junge Frau auf das, was sie schon während der Schulzeit gern gemacht hatte: die Arbeit in der Gastronomie. Es folgten Bewerbungsschreiben, Gespräche und Probearbeiten – den Zuschlag bekam am Ende das Atlantic Grand Hotel Bremen.

Für Hotels wie das Atlantic-Hotel in der City sind Bewerber wie Paeplow ein Glücksfall. Denn für das Hotel- und Gaststättengewerbe ist es zuletzt immer schwerer geworden, Azubis zu finden. Nicht nur, weil junge Menschen immer häufiger studieren. Sondern auch, weil das Hotel- und Gaststättengewerbe unter einem schlechten Image zu leiden hat: Arbeitszeiten in den Abendstunden, am Wochenende oder an Feiertagen und das bei – im Vergleich mit anderen Ausbildungen – niedrigem Gehalt.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund, der Mitte November seinen Ausbildungsreport für Bremen und Niedersachsen vorgestellt hat, übte zuletzt scharfe Kritik. Denn der Report zeigt, dass die Zahl der unzufriedenen Auszubildenden in dieser Branche mit einem Viertel der Befragten besonders hoch ist. Clemens Hieber, Direktor vom Atlantic Grand Hotel und seit 18 Jahren selbst Ausbilder, ärgern solche Ergebnisse. „Ich weiß von vielen Häusern, dass die Ausbildung dort einen hohen Standard hat“, sagt er. Immer wieder seien es „diese schwarzen Schafe“, die das Bild der Branche verzerrten und dafür sorgten, dass der Nachwuchsmangel sich verschlimmere.

Atlantic-Hotel-Gruppe muss sich um Azubis bemühen

Auch die Atlantic-Hotel-Gruppe muss sich um die jungen Menschen bemühen. „Es wäre illusorisch zu behaupten, dass wir keine Probleme haben, Auszubildende zu finden“, sagt Jan Steffen. Als Assistent der Geschäftsleitung hinterfragt er bei der Atlantic Hotels Management GmbH die bisherigen Bewerbungsprozesse. „Ziel ist, den Beruf greifbar und attraktiv zu machen“, sagt er.

Um passende Azubis zu finden, geht die Hotelkette teilweise ungewöhnliche Wege: Sie verspricht eine Startprämie von 1000 Euro und bezahlt ab dem zweiten Ausbildungsjahr übertariflich. Zudem gibt es ein Patensystem, eine E-Learing-Plattform für Prüfungen und immer mal wieder Ausflüge, bei denen die jungen Angestellten etwa Weingüter oder andere Hotels kennenlernen. „Man kann sich nicht hinsetzen und warten, bis die Auszubildenden von alleine kommen“, sagt Steffen.

Damit die jungen Menschen vergleichsweise unbürokratisch ihren Weg zur Hotel-Gruppe finden, hat Steffen einen ungewöhnlichen Prozess etabliert: Bewerber beantworten über eine Homepage sieben allgemein gehaltene Fragen, dann ist ihnen ein telefonisches Bewerbungsgespräch sicher. „Wir suchen Menschen und keine Lebensläufe“, sagt Steffen. Was er meint, ist: In einem solchen Telefonat kann sich der Bewerber persönlich präsentieren, aber auch die Gruppe kann schon in einem frühen Stadium zeigen, wer sie ist und was sie von ihren Arbeitnehmern erwartet.

Das Severin's-Haus in Lech eröffnet demnächst.

Das Severin's-Haus in Lech eröffnet demnächst.

Foto: MXLLAB/Reinhard Strasser/Wetscher

Hotelverbund ist kräftig expandiert

In diesem Jahr seien alle Ausbildungsplätze in den Hotels besetzt worden. Das sei schon etwas Besonderes, findet Steffen. Zumal die Unternehmensgruppe in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen ist. 1990 schlossen sich die Bremer Investoren Joachim Linnemann und Kurt Zech zusammen. Sie ließen in Vegesack ein Geschäftshaus bauen, in das dann das erste Atlantic-Hotel integriert wurde. Dass er damals in das Hotelgeschäft eingestiegen ist, sei dem Charakter von Zech geschuldet, sagt Sprecher Holger Römer. „Wenn er eine Geschäftsopportunität sieht, dann schlägt er zu.“ Und diese passte eben gut ins Konzept, die gesamte Wertschöpfungskette rund um die Immobilie abzubilden.

Es folgten Standorte am Flughafen, am Universum und an der Galopprennbahn. 2008 verließ die Gruppe erstmals die Stadtgrenzen von Bremen und eröffnete das Atlantic Sail City in Bremerhaven, das seither die Silhouette der Seestadt prägt. Auch in den Folgejahren expandierte der Hotelverbund, der zur Bremer Zech-Gruppe gehört, kräftig. Erst im vergangenen Jahr übernahm das Unternehmen die Columbia-Hotels in Travemünde und Wilhelmshaven, heute laufen elf Hotels unter dem Namen Atlantic.

Dazu kommen drei Luxushäuser unter der Marke Severin's, die zuletzt wegen eines bizarren Namensstreits mit einer Kirchengemeinde in die Schlagzeilen geraten war. Acht Jahre lang hatte Zech die Gebäude im Friesenhaus-Stil in Keitum auf Sylt entwickelt und gebaut, im Dezember 2014 nahm das erste Hotel seinen Betrieb auf.

Azubine wird übernommen

Danach kam auf der Insel ein Landhaus in Morsum dazu sowie zuletzt ein weiteres Fünf-Sterne-Luxushotel im österreichischen Lech, das Alpine Retreat. Die Gustav-Zech-Stiftung hatte die Geschäftsanteile an der Blumenberg-Anstalt gekauft und so das Neubauprojekt, das bis dahin unter Blumen-Haus lief, übernommen und fertigstellen lassen. Noch vor Weihnachten soll das Severin's-Hotel in den Alpen eröffnet werden.

Insgesamt erwirtschaftete die Hotelsparte der Zech-Gruppe im vergangenen Jahr nach Unternehmensangaben 127 Millionen Euro. Zum Ende des Jahres arbeiten fast 1500 Menschen für diesen Firmenzweig. In der Atlantic Hotel Management, die sowohl die Atlantic-Hotels als auch die Häuser der Marke Severin's betreibt, gibt es mittlerweile 184 Azubis, 21 davon allein im Atlantic-Hotel in der Bremer City.

Im Nachhinein betrachtet ist Ruth Paeplow zufrieden mit ihrer Entscheidung, sich zur Hotelfachfrau ausbilden zu lassen. In dieser Zeit hat sie nach eigenen Angaben alle Abteilungen durchlaufen – vom Empfang über das Housekeeping bis hin zum Veranstaltungsbereich und der Reservierungsabteilung. Dass sie im Anschluss an ihre Lehrzeit bei den Atlantic-Hotels bleiben kann, steht schon jetzt fest. Denn der Verbund garantiert seinen Auszubildenden die Übernahme. „Das gibt Planungssicherheit“, sagt Paeplow. Das sei auch ein Grund, warum die Großeltern, zunächst geschockt vom abgebrochenen Studium, heute sehr einverstanden mit der Berufswahl ihrer Enkelin sind. In welche Abteilung es sie nach der Ausbildung verschlägt? Darüber will sie sich demnächst Gedanken machen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+