Betriebsrat: Chance für Bremerhaven Lloyd-Werft wird zur Hälfte asiatisch

Die asiatische Genting Group ist in die Lloyd-Wert eingestiegen und würde am liebsten sofort neue Schiffe bauen. Politik und Betriebsrat sprechen von einer riesen Chance für Bremerhaven.
18.09.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Volker Kölling

Die asiatische Genting Group ist in die Lloyd-Wert eingestiegen und würde am liebsten sofort neue Schiffe bauen. Politik und Betriebsrat sprechen von einer riesen Chance für Bremerhaven.

Die Genting Group mit Sitz in Hong Kong kauft 70 Prozent der Lloyd-Werft Bremerhaven AG und steigt mit 50 Prozent der Anteile auch in die Besitzgesellschaft der Lloyd Investitions- und Verwaltungs GmbH ein. Der Kaufpreis beträgt 17,5 Millionen Euro. Der bisherige Mehrheitsgesellschafter Dieter Petram bleibt mit 50 Prozent Anteilseigner an der Besitzgesellschaft und behält den Vorsitz im Aufsichtsrat der AG – für viele eine Überraschung.

Im Gobelinzimmer des Bremer Rathauses geben sich immer freitags Brautpaare das Jawort. Gestern war es also frei für die Unterschriften unter dem in Monaten ausgehandelten Vertragswerk, das die Bremerhavener Traditionswerft zu einem Teil des asiatischen Freizeit- und Entertainmentkonzerns Genting Hong Kong macht. Schon vor rund sechs Wochen hatte Gentings Vorstandsvorsitzender und Milliardär Tan Sri Lim Kok Thay auf der Werft betont, dass er eine Mehrheitsbeteiligung anstrebe.

Dieter Petram gibt kaum Anteile ab

Wer sich jetzt allerdings mit welchem Gewicht als Partner gefunden hat, war dann doch eine Überraschung: Die Bremer Lagerhaus Gesellschaft hat demnach ihre 13,2 Prozent der Werftanteile an Genting verkauft. Außerdem hat die Familie des Bremerhaveners Karl Ehlerding als stiller Teilhaber an der Werft ihre der Rede nach rund 36,6 Prozent an der Besitzgesellschaft abgegeben.

So musste Dieter Petram nach eigenen Worten nur 0,2 Prozent seiner Anteile beisteuern, um Genting auf die gewünschten 50 Prozent zu bringen. Trotz der Genting-Mehrheit an der operativen AG von 70 Prozent betonte Petram am Donnerstag, dass er der erste Ansprechpartner für die Lloyd-Werft-Vorstände bleibe.

Lange waren Beobachter von einem teilweisen Rückzug des Unternehmers von der Lloyd-Werft und seine Konzentration auf seine anderen Bremerhavener Werftbeteiligungen ausgegangen. Andererseits betonte Petram am Donnerstag wie vor sechs Wochen, dass man sich mit einem neuen Gesellschafter nicht zurücklehnen wolle: „Wenn wir fünf Schiffe für diesen Gesellschafter bauen, werden wir trotzdem gleichzeitig noch nach anderen Kunden und anderen Ordern suchen – und dafür braucht es jemanden vor Ort, der das im Blick hat.“

Mehr Infrastruktur

Offenbar hat auch Genting die Werft im Norden Deutschlands schon länger im Blick – über die eigenen Beteiligungen an Star Cruises und der Norwegian Cruise Line über Jahrzehnte, alte Kunden der Werft: „Wir haben mit der Lloyd-Werft schon in der Vergangenheit zusammen gearbeitet und werden diese Partnerschaft nun intensivieren,“ sagte Tan Sri Lim Kok Thay und stellte auf Nachfrage in Aussicht, aus der kleinen, aber schönen Werft eine große mit einer echten Rolle in der Industrie zu machen. Der Ausbau der Infrastruktur auf der Werft sei nun nötig, um die neue kreative Generation von Kreuzfahrtschiffen für den asiatischen Markt zu bauen.

Wobei an dieser Stelle der Besuch der Delegationen im Bremer Rathaus ein für den Steuerzahler recht kostspieliger wurde: Hafensenator Martin Günthner (SPD) verpflichtete sich in einem ersten Schritt zum Ausbau der 100 Jahre alten Ausrüstungspier für 30 Millionen Euro – finanziert aus dem Sondervermögen Hafen. Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) hatte als Gastgeber schon eingangs der Presserunde im Senatssaal betont, dass der Vertrag ein großes Investitionsvolumen nach Bremerhaven lenken werde: „Es gibt Bremerhaven ganz neue Perspektiven im Kreuzfahrtschiffbau. Es war klug, in schweren Zeiten auch von Bremen aus dafür zu sorgen, dass wir heute noch Schiffbau haben in Deutschland.“ Die öffentliche Hand müsse nun die Rahmenbedingungen schaffen. Sieling wie auch Günthner betonten, dass die Kaje eben Bremen gehöre und es Bremens Aufgabe sei, sie zu ertüchtigen.

Millionen-Investitionen

Nach den nötigen Investitionen der Werft für den Bau der fünf Kreuzfahrtschiffe gefragt, sprach Dieter Petram von einer Summe von ebenfalls 30 Millionen Euro: „Wir werden Workshops für die Endausrüstung direkt an der Kaje bauen, um die Endausrüstung der Stahlkaskos bei uns in Preis und Zeit zu schaffen. Außerdem muss auch noch mindestens ein neuer Kran her.“ Vom viel diskutierten Schwimmdock war gestern im Rathaus noch gar keine Rede. Stattdessen verwies Petram stolz auf die in seiner Eignerschaft bereits getätigten Investitionen. Die seien nun in den vergangenen Wochen der Durchleuchtung auch von all den Wirtschaftsprüfern und Rechtsanwälten anerkannt worden.

Nach dem Baubeginn der Kreuzfahrer gefragt, lachte Werftvorstand Rüdiger Pallentin nur in die Runde: „Unsere Partner aus Asien würden gerne heute mit dem Bau anfangen. Aber tatsächlich brauchen wir noch ein wenig.“ Mit Zulieferwerften für den Stahlbau der Kaskos sei man in den Gesprächen schon ziemlich weit. Zwischen Flensburg, Wismar und Emden gibt es einige Firmen, die dringend Arbeit brauchen. In den Bereichen Projektmanagement, Konstruktion und Kalkulation seien zudem bereits Stellen ausgeschrieben worden. Pallentin nannte zum ersten Mal einen Bedarf von Hunderten neuen Arbeitskräften für die kommenden fünf Jahre, in denen die Aufträge für die Genting-Tochter Crystal Cruise abgearbeitet werden sollen.

Für den Lloyd-Werft-Betriebsratsvorsitzenden Daniel Müller sind das rundweg gute Nachrichten: „Das ist eine einmalige Chance für Bremerhaven und bietet eine riesige Perspektive für unsere Werft.“ Und sein Kollege Nils Bothen, der wie Müller ebenfalls im Senatssaal die Runde angesehen hatte, fügte hinzu: „Wir haben als Mitarbeiter harte Jahre mit einigen Einschnitten hinter uns. Es ist für unsere Leute gut, mal mit der Gewissheit zur Arbeit zu gehen, dass für zumindest fünf Jahre Ruhe ist.“

Werft hält Know-How

Wobei diese Ruhe recht betriebsam werden könnte: Bei Neubauprojekten waren schon in der Vergangenheit auf der Werft bis zu 2500 Menschen eingespannt – die Auftragsfirmen mit eingerechnet. Momentan liegt der Beschäftigungssockel der Werft bei 400 Mitarbeitern, und davon sind laut Petram 50 Auszubildende: „Aber das sind eben fast alles Leute, die später mal die Dinge managen werden. Wir investieren in Köpfe.“ Von einem Auftrag gingen heute 70 Prozent der Wertschöpfung an Fremdfirmen, nur 30 Prozent blieben bei der Werft: „Und wenn jetzt die Aufträge für die großen Kreuzfahrtschiffe kommen, dann geht unser Wertschöpfungsanteil runter auf zehn oder 15 Prozent.“ Aber so laufe das Geschäft: Die Werft halte das Know-How und sei Projektmanager, der Rest werde zugekauft. Petram: „Aber man muss eben auch sehen, von was für einer Auftragssumme wir hier reden.“ Vorsichtig wird die Mitgift der Partner aus Fernost auf ein Volumen von über zwei Milliarden Euro für die fünf Schiffe geschätzt. Das erklärt dann auch, warum es nach den Unterschriften der Partner im Hochzeitszimmer im Senatssaal sogar Saft aus Sektkelchen für alle Anwesenden gab.

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