Bremens designierter Umwelt- und Verkehrssenator Lohse will auf die Kraft der Argumente setzen

Bremen. Von Kassel lernen? Der neue Bremer Umweltsenator hat zuletzt in Hessen gearbeitet. In einer Stadt, die sich keine Landesgesetze geben kann, um Dinge durchzusetzen. Als Baudezernent hat er gelernt, auf Überzeugung zu setzen.
22.06.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Rainer Kabbert

Bremen. Von Kassel lernen? Der neue Bremer Umweltsenator hat zuletzt in Hessen gearbeitet. In einer Stadt, die sich keine Landesgesetze geben kann, um Dinge durchzusetzen. Joachim Lohse hat daher als Kasseler Baudezernent gelernt, auf Überzeugung zu setzen. Auf Freiwilligkeit. Was aber tun, wenn sich widerstreitende Interessenvertreter in ihren Gräben verschanzen und partout keinen Konsens wollen?

Wenn sich Joachim Lohse am kommenden Montag der grünen Mitgliederversammlung präsentiert, wird er wohl auch seine Philosophie des politischen Handelns erläutern. "An der Schraube der Gesetzgebung sollte man nur behutsam drehen", sagt er. Lohse hofft mehr auf die Kraft des Arguments als der Paragrafen. Freiwilligkeit und Überzeugung sind die Pfunde, mit denen er im politischen Geschäft wuchern will. "Wir müssen die Bürger emotional packen, wenn es etwa um Klimawandel und Umweltschutz geht", fordert er, "statt ihnen zu sagen: Ihr müsst es machen."

In Kassel hat er deshalb Nachtwanderungen mit Wärmebildkameras organisiert. Die Leute konnten ihr Haus fotografieren und feststellen, an welchen Stellen sie nicht nur ihre Zimmer, sondern die Stadt heizen. "Bauklötze haben sie gestaunt, als sie feststellten, wie viel Energie da verloren geht." Der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Portemonnaie, wie könnte er sinnfälliger demonstriert werden.

Das Bewusstsein über den globalen Klimawandel könnte noch schärfer sein, sagt er. Die Fernsehbilder über die Tornados in Amerika und Überschwemmungen im australischen Queensland seien schon für viele ein Anlass, mehr für den Klimaschutz zu tun. "Wir müssen dringend handeln", sagt er. Wobei er auch von den "kleinen Trägheiten" weiß, etwa von den Glühbirnen, die auszutauschen nicht immer leicht fällt. Er selbst fährt jedenfalls mit dem Fahrrad ins Amt, und wenn es kübelweise regnet, nimmt er die Straßenbahn.

Von Kassel lernen: Da gibt es auch den SOLFI im Internet, einen Solardachfinder. Die hessische Stadt von oben betrachtet offenbart lohnende Dächer, auf denen sich gut Photovoltaik betreiben ließe. Bürger erkennen, ob ihr Haus geeignet ist, Handwerker erfahren etwas über potenzielle Kunden, denen sie ihre Dienstleistungen per Postwurfsendung anbieten könnten, Unternehmen sehen, welche ihrer Gewerbehallen geeignete Dächer haben, auf denen neue solare Erwerbsquellen erschlossen werden könnten.

Denkprozesse auslösen

Das nennt Lohse: "Denkprozesse auslösen." Oder: "Die Bevölkerung in Aufbruchstimmung versetzen." Oder: "Vom emotionalen Zusatznutzen überzeugen." Wobei er nicht (allein) die maximale persönliche Rendite meint, sondern auch das Gefühl, etwas für den notwendigen Klimaschutz zu tun.

Das klingt ein wenig nach politisch motivierter Heilsarmee, nach Appell an das Gute im Staatsbürger. Politiker aber müssen ja auch Entscheidungen treffen, die nicht immer auf das Wohlwollen aller treffen. Und wie wahrscheinlich ist es, dass sich in Bremen die Handelskammer und der Fahrradclub ADFC an einen Tisch setzen und am Ende des Tages weißer Rauch aufsteigt, weil ein kontroverses Thema gütlich beigelegt wurde? Wie will der passionierte Moderator mit widerstreitenden Interessen umgehen - etwa in der Verkehrspolitik?

Der promovierte Naturwissenschaftler Lohse (Diplomchemiker und Geowissenschaftler) ist sich bewusst, wie sehr der Straßenbereich der "ideologischen Klarstellung" dient, der "Profilbildung" innerhalb der eigenen Gruppe. Dabei werde zu wenig gesehen, dass auch hier Win-win-Situationen für alle Beteiligten möglich sind, Konfliktlösungen, von denen alle etwas haben. Etwa wenn die Politik dem Bürger das Umsteigen auf andere Verkehrsmittel nahelegt: Je mehr aus dem Auto steigen, umso entspannter ist die Parkplatzsuche für die verbleibenden Autofahrer. Und wenn die Frage neuer Ampeln auf Ausfallstraßen auf der Agenda stehen würden, ließen sich auch hier Lösungen denken, etwa durch eine intelligente Schaltung der verschiedenen Signalanlagen.

Überhaupt: Das Thema Autostadt kennt er schon aus Kassel. Da hatte der Oberbürgermeister ihn schon beim Antrittsbesuch eingenordet, wie ungern restriktive Maßnahmen gegen Autofahrer in der Stadt gesehen würden. Und Bremen? Es kommt Lohse flüssig über die Lippen, dass sein neuer Amtssitz eben auch in einer Autostadt liegt, mit einem großen Arbeitgeber in Sebaldsbrück und mit einem riesigen Umschlaghafen für Autos in Bremerhaven. "Ich bin ja auch in einer Hafenstadt (Hamburg) groß geworden" sagt er und er weiß von der identitätsstiftenden Wirkung der Kajen und Schiffe.

Automobile Bedürfnisse ernst nehmen

Er kennt die (automobilen) Bedürfnisse und will sie ernst nehmen. Aber in öffentlichen Räumen, da wünsche man sich auch eine "angenehme Aufenthaltsqualität", und Bremen als Tourismusstadt wolle seinen Gästen "angenehme Erlebnisräume" bieten: "Die wollen ja nicht mit dem Auto ins Museum fahren."

Im März 2010 hat Lohse (Jahrgang 1958) in Kassel seinen Job als hauptamtlicher Stadtrat für Umwelt, Verkehr, Stadtentwicklung und Bau übernommen, im Juli 2011 wird er als neuer Umwelt- und Verkehrssenator in Bremen vereidigt. Er kennt sich auch aus in der Geschäftsführung von Instituten, Politikberatung und Organisationsentwicklung. In Bremen erwartet ihn eine große Behörde und ein Bundesland, in dem sich die Themen Kassels wiederholen - nur in einer größeren Dimension.

Seine beiden volljährigen Kinder bleiben, wo sie sind. Der Sohn steckt im Zivildienst, die Tochter im Berliner Studium. Und seine Frau hat mit ihm schon mal die hanseatischen Straßen erkundet, wobei sie sich als wetterfest in der norddeutschen Tiefebene erwiesen hat und sagte: "Dass eine Stadt auch in strömendem Regen so schön sein kann..."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+