Interview mit Bausenator Joachim Lohse

Lohse: "Wir können die Aufgabe bewältigen"

Der Bremer Bausenator Joachim Lohse (Grüne) äußert sich im Interview zu den neuen Herausforderungen beim Bau von Wohnungen.
14.11.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Lohse: "Wir können die Aufgabe bewältigen"

Joachim Lohse will im nächsten halben Jahr 3000 Wohneinheiten in Mobilbauten schaffen.

Frank Thomas Koch

Bremen nimmt nach Schätzungen der Behörden allein in diesem Jahr rund 10 000 Flüchtlinge auf. Längst wird auf Zelte und Turnhallen ausgewichen, weil es nicht genügend Heime, Wohnungen oder auch nur mobile Unterkünfte gibt. In der kommenden Woche will sich der Senat mit den Problemen befassen und ein Bauprogramm beraten.

Jürgen Hinrichs hat darüber mit Bausenator Joachim Lohse (Grüne) gesprochen.

Herr Lohse, Bremen steht wie ganz Deutschland bei der Aufnahme von Flüchtlingen vor einer historischen Herausforderung. Sie sind der Bausenator. Zeit für ein großes Bauprogramm?

Joachim Lohse: Mit der Herausforderung haben sie recht, aber ob sie gleich historisch ist? Wir rechnen für die nächsten drei Jahre mit jeweils bis zu 10 000 Menschen, die nach Bremen kommen und hier auch bleiben wollen. Das sind jährlich rund anderthalb Prozent der bremischen Bevölkerung. Exorbitantes Wachstum sieht anders aus.

Trotzdem sind Sie noch einmal mehr gefordert. Bremen hat ohnehin zu wenig bezahlbaren Wohnraum, bis zum Jahr 2020 sollen 14.000 Einheiten neu geschaffen werden. Eine Zahl, die sich jetzt nicht mehr halten lässt.

Stimmt, und ich will auch gar nichts klein reden. Es ist aus meiner Sicht nur so, dass wir keinen Grund haben, Alarm zu schreien. Wir können die Aufgabe bewältigen, da habe ich überhaupt keinen Zweifel.

In einer Stadt, in der viele Flüchtlinge in Zelten und Turnhallen untergebracht sind, hört sich das wie Zweckoptimismus an. Was wollen Sie konkret tun, um solche Zustände schnell zu beseitigen?

Zunächst einmal ist mir wichtig zu betonen, dass wir kein Sonderwohnprogramm nur für Flüchtlinge planen, sondern eines, das sich an alle Menschen wendet, die auf preiswertes Wohnen angewiesen sind. Viele Rentner zum Beispiel, Alleinerziehende, Studierende und eben auch Flüchtlinge.

Gut, und was ist das für ein Programm?

Wir haben unsere Förderung für Investoren, die sich verpflichten müssen, beim Bau von Wohnungen mindestens ein Viertel für Mieter mit kleinem Geldbeutel zu planen. Beispiele sind das Projekt Marcuskaje in der Überseestadt, die Bebauung im ehemaligen Büropark Oberneuland und das Projekt Gartenstadt Werdersee in Huckelriede. Speziell für die Flüchtlinge haben wir uns mit den großen Wohnungsgesellschaften zusätzlich darauf geeinigt, dass zehn Prozent der Wohnungen, die frei werden, an diese Gruppe gehen. Im laufenden Jahr werden wir auf allein diesem Wege bis zu 2000 Menschen untergebracht haben.

Das ist aber noch nichts Neues . . .

Warten Sie doch bitte ab, ich komme jetzt dazu. Zusammen mit meinen Kollegen im Senat, speziell mit der Sozialsenatorin und der Finanzsenatorin, werden wir in Kürze einen konkreten Plan verabschieden. Mein Vorschlag ist, innerhalb des nächsten halben Jahres für den Übergang bis zu 3000 Wohneinheiten zu schaffen, als Containerdörfer oder mit einfachen Holzrahmenbauten. Die Flächen dafür gibt es.

Wo?

Da bitte ich Sie, sich noch ein, zwei Wochen zu gedulden, denn das werden wir gemeinsam im Senat entscheiden; dem will ich heute nicht vorgreifen. Es ist jedenfalls leichter geworden, solche Flächen zu finden, seitdem der Bund das Baurecht erleichtert hat und nun zum Beispiel auch in Gewerbegebieten etwas möglich ist. Weil die Bauten nicht länger als fünf Jahre bestehen bleiben sollen, können wir außerdem verschiedene Standards herunterfahren. So geht es erstens schneller, und zweitens ist es günstiger.

Die SPD sagt, dass es trotzdem nicht reicht.

Insgesamt haben wir Flächen für mindestens zehn bis zwölf Jahre. Und es kommen ständig weitere hinzu. Zum Beispiel plant der Bund, das Bauen entlang von Verkehrsachsen und in Nachbarschaft zu Gewerbegebieten zu erleichtern. Die sind alle noch nicht einberechnet.

Die mobilen Bauten sind besser als Zelte oder Turnhallen, aber immer noch ein Provisorium, wie Sie selbst sagen.

Ja, und natürlich müssen wir auch beim normalen Wohnungsbau deutlich zulegen. Bisher ist das Ziel 1400 Einheiten pro Jahr gewesen. Im kommenden und darauffolgenden Jahr sollten zusammen noch einmal 2000 Einheiten dazu kommen, dann überwiegend im sozialen Wohnungsbau.

Ehrgeizig . . .

. . . aber machbar. Ihre Zeitung hat vor ein paar Tagen das Wohnungsbauprojekt der Bremer Heimstiftung vorgestellt. 500 Einheiten, die auf dem Ellener Hof in Blockdiek entstehen sollen. Ein tolles Projekt, aber nicht der einzige Plan dieser Größenordnung. Wir bekommen mittlerweile viele solcher Anfragen von Akteuren, die auch über eigene Flächen verfügen.

Private Wohnungsbauunternehmen, die sich darum reißen, in sozialen Wohnungsbau zu investieren? Das ist in der Tat neu. Die 25-Prozent-Quote Ihrer bisherigen Förderung soll ja bei den geplanten 2000 zusätzlichen Wohnungen deutlich überschritten werden.

Richtig, und deswegen wollen wir für die Investoren noch einmal andere Anreize setzen. Bisher durften sie bei Sozialwohnungen mit einer Miete von 6,50 Euro für den Quadratmeter rechnen. Mit der neuen Förderung, über die noch nicht entschieden ist und die sich stärker auf den Mieter bezieht, könnten es rund acht Euro werden.

Werden Sie auch bei diesen Wohnungen Abstriche bei den baulichen Standards zulassen?

In Teilen ja. Das betrifft konkret die Themen Stellplätze, Lärm tagsüber oder Standards bei seriellen Bauten. Bei Brandschutz oder Statik verbietet es sich natürlich, von den Ansprüchen herunterzugehen. Genauso aber auch bei der Dämmung und anderen energiesparenden Maßnahmen. Ein Teil der Menschen, die zu uns kommen, flüchtet vor den Folgen des Klimawandels, da wäre es ein völlig falsches Signal, wenn wir für sie Wohnungen anbieten, die wegen ihrer Bauweise die Klimabilanz weiter verschlechtern. Das war auch das übereinstimmende Ergebnis alles Bundesländer bei der jüngsten Bauministerkonferenz.

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Zur Person: Joachim Lohse, 56 Jahre alt, ist in der zweiten Legislaturperiode Senator für Umwelt, Bau und Verkehr. Er war vorher unter anderem Dezernent für Verkehr, Umwelt, Stadtentwicklung und Bauen in Kassel.

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