Bremens Sportsenator im Interview

Mäurer: "Mehr Geld gibt es nicht"

Bremen. Seit zwei Jahren ist Ulrich Mäurer (58) Sportsenator. Der WESER-KURIER sprach angesichts der finanziellen Nöte in Bremen mit Mäurer über die Situation im Sport, die Sorgen der Vereine und die Zusammenarbeit mit dem Landessportbund (LSB).
10.06.2010, 01:45
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Mäurer:
Von Jörg Niemeyer
Mäurer: "Mehr Geld gibt es nicht"

Bremens Sportsenator Ulrich Mäurer.

Roland Scheitz

Bremen. Seit zwei Jahren ist Ulrich Mäurer (58) Sportsenator. Ein Amt, das, wie er selbst zugibt, ihm ziemlich unbekannt war. Doch der Jurist ist mittlerweile mit viel Engagement dabei und würde das Amt des Sportsenators immer wieder übernehmen. Ruth Gerbracht und Jörg Niemeyer sprachen angesichts der finanziellen Nöte in Bremen mit Ulrich Mäurer über die Situation im Sport, die Sorgen der Vereine und die Zusammenarbeit mit dem Landessportbund (LSB).

Herr Senator Mäurer: Was machen Sie am Freitag um 16 Uhr?

Ulrich Mäurer: Das Eröffnungsspiel der WM werde ich nicht gucken. Ich werde mir die WM erst anschauen, wenn’s richtig zur Sache geht.

Wann steigen Sie dann ein?

Am Sonntag, wenn die deutsche Mannschaft spielt, bin ich auch dabei. Aber ich habe nicht so viel Zeit, um alles bei der WM mitzubekommen.

Und was ist mit den deutschen Spielen?

Das hoffe ich, schaffen zu können. Aber man kann beim Fußball die Zeit auch nutzen und während eines Spiels wunderbar die Akten durcharbeiten.

Wir merken schon, dass Sie nicht mit Leib und Seele Fußballfan sind. Was ist denn Ihre bevorzugte Sportart?

Der Radsport. Jeden Sonntag fahre ich um 8 Uhr mit Freunden eine Runde von rund 60 Kilometern. Die anderen machen das mehrmals die Woche. Das schaff’ ich zeitlich leider nicht. Da stört dieses Amt ein bisschen.

Was ist für Sie denn das Schönste an diesem Amt?

Dass ich so tolle Veranstaltungen besuchen kann. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal begeistert bin über lateinamerikanisches Formationstanzen bei einer Weltmeisterschaft. Oder nehmen Sie die EM in der Rhythmischen Sportgymnastik oder die Basketballer in Bremerhaven. Da sorgen großartige Sportler für erstklassige Erlebnisse. Ich genieße es, dass es dort keine Prügeleien unter Alkoholeinfluss gibt, keine Randale. Es ist absolut friedlich, und die Stimmung ist einmalig. Schade finde ich es, wenn diese Sportarten kaum Niederschlag bei ARD und ZDF finden. Dort sehen Sie entweder Fußball oder Formel 1. Das empfinde ich als Missachtung der anderen Sportarten.

Gehen wir vom großen Sport auf die regionale Ebene. Werder Bremen ist ein Klub, dem geht es finanziell gut, aber die anderen Sportvereine in Bremen klagen über zu wenig finanzielle Unterstützung seitens der Politik. Können Sie das verstehen?

Klar, ich kann das nachvollziehen. Wenn ich sehe, wie viel Tausend Mitglieder in den Vereinen betreut werden, mit wie viel Aufwand die Anlagen gepflegt werden müssen. Das ist schon enorm. Ich kann Ihnen versichern: Jeder hier würde gerne mehr Geld zur Verfügung stellen. Aber mehr Geld gibt es nicht. Wir müssen vielmehr das, was wir haben, noch strecken. Wir können nicht allen den Kunstrasenplatz bauen, den sie gerne hätten. Wir werden in Zukunft unser Hauptaugenmerk auch nicht auf neue Anlagen richten, sondern auf die Sanierung vorhandener Anlagen und Hallen.

Sie werden immer wieder angegriffen, es wäre nichts passiert außer Streichen der Gelder. Was können Sie den Kritikern entgegenstellen?

Im Jahr 2009 haben wir 12,785 Millionen Euro in den Sport investiert. Das war ein absolutes Spitzenergebnis. Sicherlich auch deshalb, weil wir einmalige Regionalisierungsmittel hinzubekommen haben wie auch Gelder aus dem Konjunkturprogramm II. Den Sportvereinen ist egal, woher das Geld kommt, mit dem sie ihre Hallendächer reparieren können. Diese Gelder haben wir uns erkämpft, die waren nicht originär für den Sport gedacht. Die muss man sich an Land ziehen, die fallen einem nicht in den Schoß.

Dann müssten ja eigentlich alle zufrieden sein. Sind sie aber nicht.

Wer ist denn nicht zufrieden?

Zum Beispiel der Landessportbund, der immer von einem Renovierungsstau spricht.

Das ist immer eine Frage der Wahrnehmung. Ich bin ja viel draußen bei den Vereinen und ihren Vertretern, und wenn ich mit denen spreche, dann bekomme ich meistens eine positive Resonanz. Und wenn ich den Landessportbund höre, dann machen wir immer alles falsch.

Was ist denn nun richtig?

Die Zahlen sprechen für sich. Wir haben so viel Geld in die Hand genommen wie zuletzt im Jahr 2003, da waren es zwölf Millionen Euro. Zum Beispiel haben wir die Leichtathletikanlage in Obervieland endlich in Angriff genommen. Es gab zwar das Versprechen, das zu machen, weil die Bahnen im Weserstadion im Zug des Umbaus weggefallen waren. Aber keiner hat das Versprechen eingelöst. Wir haben das jetzt endlich umgesetzt.

Doch was passiert im nächsten Jahr, wenn es keine zusätzlichen Gelder gibt? Wenn das strikte Sparprogramm von Senatorin Linnert womöglich mehr greift, wenn die Wettmittel wieder weniger werden?

Zukunftsprognosen sind natürlich nur schwer möglich. Aber die Finanzsenatorin hat viel Verständnis für den Sport gezeigt, sodass wir auch die nötigen Gelder bekommen haben. Zudem haben wir, was die Wettmittel angeht, auch gegengesteuert und uns Gelder aus dem Haushalt gesichert. Klar ist aber auch, dass wir die Vereine nicht mehr in der Form unterstützen können, wie das womöglich im Jahr 2000 noch ging. Und eins vergessen viele: Wir können auch deshalb nicht mehr Geld ausgeben, weil wir eine Menge Altlasten mit uns herumtragen. Bürgschaften für Sporthallen, deren Finanzierungen in der Vergangenheit auf so dünnem Eis gestanden haben, dass sie nie hätten genehmigt werden dürfen. Zum Beispiel die Halle des TuS Walle. Da kommen wir nicht raus. Wir finanzieren noch immer diese alten Projekte, die niemand mehr haben will.

Was erwarten Sie von den Vereinen? Was können die tun, um die Situation zu verbessern?

Bei den Vereinen muss man auch differenzieren. Es gibt welche, die die Zeichen der Zeit erkannt und sich professionell aufgestellt haben. So wie Bremen 1860 oder auch ATS Buntentor. Sie bieten ein großes Programm, vom Kinder- bis zum Seniorensport. Die haben keine Probleme. Die sind so leistungsstark, die schaffen das.

SGO hat sich mit Grambke zusammengeschlossen, der TvdB mit TuS Eintracht. Sind Zusammenschlüsse der Weg in die Zukunft?

Ich denke schon. Kleine Vereine werden es auf Dauer schwer haben zu überleben. Man muss Strukturen schaffen, die zukunftsfähig sind. Zum Beispiel professionelle Arbeit in Haushaltsfragen. Das kann nicht auf den Schultern eines einzigen Ehrenamtlichen lasten. Da sollten schon Fachleute ran, um vernünftige Haushalte und Bilanzen zu ermöglichen. Es muss ja nicht sofort eine Ganztagskraft eingestellt werden, es geht zunächst auch mit Teilzeitkräften.

Welcher Verein kann sich festangestellte Kräfte denn überhaupt leisten?

Die Vereine müssen auf Mitgliederzuwachs setzen. Das heißt, sie müssen die Sportarten anbieten, die nachgefragt sind. Angebote, die zeitgemäß sind. Es ist doch kein Zufall, dass viele auf Seniorenangebote setzen, weil unsere Gesellschaft zum Beispiel immer älter wird. Mit vielen Mitgliedern lässt sich auch ein hauptamtlich geführter Klub finanzieren.

Das mag ja für Vereine gelten, die in Schwachhausen sind. Aber wie sollen Vereine das schaffen, die in strukturschwächeren Gegenden liegen?

Auch dort geht das. Beste Beispiele dafür sind SGO und Buntentor. Die beiden haben eine nicht ganz einfache Nachbarschaft und ihnen gelingt es trotzdem, ihre Mitgliederzahlen deutlich zu erhöhen.

Welche Unterstützung können die Vereine für eine professionelle Arbeit von Ihnen bekommen?

Der Vorteil einer modernen Vereinsstruktur ist auch, dass wir den Vereinen vieles übertragen können. Zum Beispiel die Unterhaltung und Pflege der Anlage in Eigenregie – mit einem Zuschuss von uns. Ich bin davon überzeugt, dass die Vereine das wirtschaftlicher können als wir. Viele andere Städte sind da schon viel weiter als wir und machen das genauso.

Wäre das auch ein Anreiz für die Vereine?

So seh’ ich das. Die Vereine können entscheiden, machen wir das selbst oder vergeben wir Aufgaben an Dritte wie zum Beispiel an Stadtgrün. Womöglich bleiben den Vereinen dann noch Mittel für andere Aktivitäten übrig. Die Flexibilität wäre um einiges größer. So könnten die Vereine auch mit jungen Mitarbeitern arbeiten, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. Das sind alles Möglichkeiten, die wir als Behörde nicht haben.

Kommunizieren Sie solche Ideen in den Vereinen und beim Landessportbund?

Natürlich werben wir dafür. Wir wünschen uns vor allem, dass auch der LSB in dieser Hinsicht den Vereinen Hilfestellung gibt. Vor allem die kleinen Vereine könnte er in Sachen Management unterstützen. Oder ein regelmäßiges Controlling einführen. Das würde helfen, rechtzeitig zu erkennen, wo es finanzielle Probleme gibt und dann auch entsprechend eingreifen.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Sportsenator und der Landessportbund nicht immer den gleichen Kurs fahren. Ist der Eindruck falsch?

Der Landessportbund prangert immer nur an, dass die Wettmittel rückläufig sind. Das ist zwar richtig, aber wir müssen uns nicht verstecken. Wir haben alles dafür getan, dass alle Gelder, die wir bekommen konnten, auch im Sport gelandet sind.

Ärgert es Sie denn, wenn der LSB über zu wenig Geld klagt, andererseits aber von 100000 Euro, die Sie zur Förderung des Leistungssports zahlen, zur Hälfte an den LSB-Mitarbeiter geht, der die Gelder verteilt?

Ich verhehle nicht, dass oftmals von den Mitteln, die eingesetzt werden, relativ wenig unten ankommt. Das gilt auch für den Landessportbund. Eine Verbesserung der Strukturen könnte in dieser Hinsicht helfen. Dann hätte der Sport auch mehr Geld.

Können Sie denn keinen Einfluss darauf nehmen, dass nicht nur eine Hälfte der 100000 Euro im Sport ankommt?

In diesem Fall sind das Uraltverträge, die abgearbeitet werden müssen. Wir sitzen aber zurzeit mit dem Landessportbund zusammen, um zu überlegen, was wir ändern, aber auch, was wir gemeinsam besser organisieren können.

Wird im LSB zu viel verwaltet?

Der Verwaltungsaufwand dort ist sicherlich hoch. Aber es gibt jetzt eine Arbeitsgruppe mit Thomas Fürst, dem Vize-Präsidenten des LSB, der mit uns einer Meinung ist, dass sich einiges dort ändern muss. Zusammen wollen wir untersuchen, wo es mögliche Doppelstrukturen gibt, wo der Wasserkopf beim LSB reduziert werden kann. Unser gemeinsames Ziel muss sein, dafür zu sorgen, dass möglichst alle Gelder dort ankommen, wo sie hinsollen. Da sind wir mit Herrn Fürst auf einem guten Weg.

Wie sieht es mit Ihrem Verwaltungsaufwand aus?

Wenn wir den Vereinen helfen wollen, dann geht das bei uns nur über die Reduzierung des Personals. Wenn mehr Vereine und auch der LSB bereit sind, mehr Aufgaben von uns zu übernehmen, kommt das am Ende dem Sport zugute, denn dadurch müssen wir weniger Leute bei uns im Sport bezahlen.

Gibt es noch andere Möglichkeiten, mehr Geld in die Vereinskasse zu spülen?

Einige Vereine müssen auch mal die Beiträge erhöhen. Das ist zwar unpopulär, aber es geht auch nicht an, es jahrelang nicht zu tun und dann Hilfe vom Steuerzahler zu erwarten. Das wäre auch ungerecht denjenigen gegenüber, die wirtschaftlich reell arbeiten.

Was ist denn in Zukunft noch förderungswürdig?

Wir müssen gerechter fördern. Ein Beispiel: Wenn wir Hallen bauen oder renovieren, dann müssen wir darauf achten, dass es nicht nur eine große Halle zum Fußballspielen gibt, sondern eine, die auch kleine Räume hat, wo Gesundheits- oder Gymnastikkurse durchgeführt werden können. Vor allem für Frauen ist das wichtig. Wenn die verschmutzte Räume oder Matten vorfinden, dann gehen die da nicht hin. Und natürlich sollten auch Integrationsprojekte gefördert werden.Wir wollen erreichen, dass mehr muslimische Mädchen mit Migrationshintergrund Sport treiben können. Das funktioniert vor allem dann besser, wenn der Sport in den Schulalltagsunterricht integriert ist. Zur Schule dürfen die Mädchen gehen.

Eine soziale Integration im Sport müsste Ihnen doch auch als Innensenator entgegenkommen.

Mit dem Sport ist eine Integration am leichtesten möglich. Wer viel Sport treibt, ist auch meistens gut in der Schule, das haben viele Untersuchungen belegt. Von daher ist der Einstieg über den Sport auch für Kinder mit Migrationshintergrund ein besonders guter und erfolgreicher. Der Sport ist kein Luxus, den wir uns leisten. Er leistet einen hohen Beitrag an friedlicher Integration. Das kann nicht genug gewürdigt werden. Auch bei den Haushaltsmitteln. Was man da versäumt, kann man später mit Polizeimitteln nicht mehr einfangen.

Wenn Sie mal richtig viel Geld zur Verfügung hätten und Sie könnten frei aussuchen, wem Sie es geben. Wer sollte es bekommen?

Ein Halle in Osterholz-Tenever, bzw., dass dort das ersehnte Mehrgenerationenhaus endlich gebaut werden kann, das wäre schön. Das heißt, eine Halle mit vielen kleinen und großen Räumen für ganz viel unterschiedliche Sportgruppen.

Sie sind nun gut zwei Jahre im Amt. Der Sport war für Sie ein ganz neues Feld. Wenn Sie jetzt Bilanz ziehen, würden Sie das Amt wieder übernehmen?

Ja, auf jeden Fall. Es macht enorm viel Spaß. Ein Wochenende ohne Sportveranstaltung kann ich mir schon gar nicht mehr vorstellen.

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