Minderjährige Asylbewerber in Bremen Mehr Jugendliche auf der Flucht

Bremen. Jeden Monat kommen rund 20 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Bremen. Drei- bis vier Mal so viele wie noch vor einigen Monaten. Das Problem: Es gibt zu wenige Plätze in Jugendhilfeeinrichtungen.
17.06.2013, 05:00
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Mehr Jugendliche auf der Flucht
Von Sabine Doll

Bremen. Jeden Monat kommen rund 20 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Bremen. Drei- bis vier Mal so viele wie noch vor einigen Monaten. Das Problem: Es gibt zu wenige Plätze in Jugendhilfeeinrichtungen. Die Sozialbehörde sucht deshalb dringend nach Häusern, die sich umfunktionieren lassen – so wie eine Einrichtung in Habenhausen, die im April neu eröffnet wurde. Dort leben sieben Jungen.

"Der Kühlschrank", "Das Fenster", "Die Treppe" – überall im Haus kleben kleine Zettel an Möbeln und Einrichtungsgegenständen. "Das soll eine kleine Starthilfe in die neue Sprache sein", sagt Hille Lühring. Sie ist Gruppenleiterin beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) und kümmert sich mit anderen Mitarbeitern um minderjährige Flüchtlinge, die ohne Begleitung nach Bremen gekommen sind. Sieben Jungen aus Gambia und Guinea in Westafrika leben seit zwei Monaten in einer neu eröffneten Jugendhilfeeinrichtung in Habenhausen. Träger sind das DRK und die St.-Petri-Gemeinde.

"Es war dringend notwendig, dass wir dieses Haus dazubekommen haben", sagt Hille Lühring. Seit mehreren Monaten wächst der Flüchtlingsstrom minderjähriger Mädchen und Jungen nach Bremen. Kamen früher im Monat vier bis fünf Jugendliche, hat sich die Zahl nach Angaben der Sozialbehörde inzwischen fast verfünffacht.

Wochen in der Aufnahmestelle

Und die Prognose ist, dass sich dies nicht so schnell ändert. Die Folge dieser Entwicklung: Die Plätze in den Jugendhilfeeinrichtungen, wo die Minderjährigen vorwiegend untergebracht werden, reichen nicht aus. Statt nur weniger Tage, wie eigentlich vorgesehen, müssen sie deshalb mehrere Wochen in der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber und ausländische Flüchtlinge (ZAST) in der Steinsetzerstraße verbringen. Und das in sehr beengten Verhältnissen, wie der Flüchtlingsrat kritisiert hatte. Bis irgendwo in einer Einrichtung ein Platz frei wird oder sich eine Pflegefamilie meldet.

Auch die sieben Jungen aus Westafrika haben gut zwei Monate in der Aufnahmestelle verbracht. Im April konnten die 15- bis 17-Jährigen in das neu eröffnete Haus in Habenhausen umziehen. "Hier hat jeder ein eigenes Zimmer, die beiden Bäder und Küchen teilen sie sich, und dann gibt es noch einen Gemeinschaftsraum, Balkon und Garten", sagt Hille Lühring.

Eine Umgebung, in der die Flüchtlinge sich in Ruhe an ihr neues Leben in einem fremden Land gewöhnen können. Viele der Mädchen und Jungen, die nach Deutschland kommen, haben in ihrer Heimat Gewalt erlebt und sind durch diese Erfahrungen traumatisiert. "Sie haben sich ganz gut eingelebt, dabei viel Neues entdeckt, das auch uns immer wieder nachdenklich macht", sagt die Hausleiterin. "Sie waren zum Beispiel völlig geschockt, was hier als Sperrmüll weggeworfen wird. Sofas, Türen, Fernseher, die noch völlig in Ordnung sind. Ein Junge sagte zu mir: Die Leute hier müssen ja sehr reich sein."

Nächste Woche beginnt der Deutschkurs in der Volkshochschule. Eine Stadtführung haben die Jungen bereits gemacht, um die Stadt besser kennenzulernen, in der sie jetzt leben werden und wo sie möglicherweise auch bleiben. Ohne Eltern in einem fremden Land, dessen Sprache sie noch nicht verstehen.

Ein Gefühl von Familie gibt den Flüchtlingen das gemeinsame Kochen, sagt Hille Lühring. Gerichte aus der Heimat. "Sehr viel mit Hühnchen und Reis – und ziemlich scharf." Höhepunkt im Terminkalender ist der Schwimmkurs. "Die meisten können nicht schwimmen, jetzt haben wir schon drei Seepferdchen", sagt Hille Lühring. Nach den Sommerferien geht es in die Schule. Dann muss das Deutsch so gut sein, dass sie dem Unterricht folgen können.

Kabiroh Kanyi weiß, wie ein Neuanfang Tausende Kilometer von der Heimat entfernt ist. Vor 15 Jahren ist er ebenfalls aus Westafrika nach Bremen gekommen. Den Jungen berichtet er von seinen Erfahrungen und gibt ihnen Tipps, welche Chance das neue Leben birgt. "Das Wichtigste ist Bildung und das Erlernen der Sprache", sagt der 40-Jährige. "Dann hat man sehr viele Chancen."

In der Regel bleiben die Flüchtlinge so lange in der Jugendhilfeeinrichtung, bis sie volljährig sind. Manche gehen früher, weil sich Angehörige, die bereits in Deutschland leben, melden. Andere bleiben auch länger, weil der Start in das neue Leben noch nicht so recht gelingt. "Die meisten kommen aber ganz gut zurecht", sagt Hille Lühring.

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