Millionen vom Bund

Wie die Glocke sich erneuern will: „Das Stichwort ist: Begegnung“

Nach dem Zuschuss in Millionenhöhe will die Glocke sich mehr Menschen zugänglich machen. Die Devise ist: neuer, moderner, gemeinschaftlicher. Ein Gespräch mit Thomas Albert.
27.11.2020, 05:00
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Wie die Glocke sich erneuern will: „Das Stichwort ist: Begegnung“
Von Iris Hetscher

Herr Albert, der Haushaltsausschuss des Bundestags hat in seiner sogenannten Bereinigungssitzung am Donnerstag 40 Millionen Euro für einen Erweiterungsbau der Glocke bewilligt. Das ist ganz schön viel Geld, oder?

Thomas Albert: Das ist eine wirklich bemerkenswerte Summe für ein Kulturprojekt in unserer Stadt. Das ertüchtigt uns, dieses Konzerthaus Glocke mit seinem hervorragenden internationalen Ruf für die Zukunft aufzustellen. Das stand seit vielen Jahren auf der Tagesordnung.

Wie erklärt sich diese Summe?

Wir haben einen hohen Qualitätsanspruch, da macht es keinen Sinn, mit Klein-Klein zu beginnen. Wenn man einen großen Wurf wagen will, braucht man diese Größenordnung. Immerhin ist die Glocke überhaupt erst einmal umgebaut worden, im Jahr 1997. Das war damals bitter notwendig. Die 40 Millionen ergeben sich aus zu erwartenden Ausgaben; die ersten Studien dazu gibt es schon. Wir haben also eine Vorstellung davon, wo es hingehen soll.

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Und welche Richtung ist das?

Der Zugang zum Haus muss erleichtert werden. Das Haus vermittelt eine gewisse Geschlossenheit, davon müssen wir weg. Das Stichwort ist: Begegnung. Weitere Foyerflächen, die Aufenthaltsqualität haben, damit die Menschen dort gerne verweilen. Das brauchen wir dringend in der Stadt. Aber wir brauchen auch Probenräume und Einspielräume für die Musiker und für die Musikvermittlung. Das alles muss angegangen werden, immer mit dem Respekt vor der denkmalgeschützten Architektur in der Nachbarschaft zum Dom. Die Glocke muss nach außen signalisieren: Tretet ein, kommt, schaut und hört!

Unter anderem auch in einem dritten Saal. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Wir nennen den ganz frech französisch: Salle Modulable. Dort gibt keine fest installierte Bühne; die befindet sich immer dort, wo der Künstler sie haben möchte. Der Raum kann mal mehr, mal weniger Zuhörer aufnehmen, ganz wie es die Produktion erfordert. Die Höchstgrenze könnte bei ungefähr 900 bis 1000 Besuchern liegen.

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Eine Art Mehrzweckraum.

Ich würde eher sagen, ein Saal, der multifunktional ist. Das ist ein Traum von mir seit vielen Jahren, und beim Musikfest haben wir das mit dem BLG-Forum auch schon in besonderen Fällen realisiert. In der Glocke schaffen wir damit Raum für diese vielen neuen musikalischen Formate, bei denen man nicht die klassische festgetackerte ­Situation hier Bühne, dort Publikum, haben möchte. Da geht es um noch mehr Miteinander. Gelungen ist so etwas beispielsweise beim Pierre-Boulez-Saal in Berlin, aber was es dann hier genau wird, muss der Planungsprozess zeigen.

Wo soll dieser neue Saal entstehen?

Das muss noch mit allen Partnern und Nachbarn abgestimmt werden; da gibt es aber eine große Offenheit. Der Erweiterungsbau kann ja nur im Bereich hinter der Glocke mit ihren denkmalgeschützten Fassaden gebaut werden.

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Bedeutet das Stichwort ungewöhnlichere Musikprojekte auch: Konzerte, die sich eher an jüngere Zuhörer richten, Hip-Hop beispielsweise?

Na klar, mein Musikbegriff ist sowieso sehr weit gefasst. Deswegen brauchen wir diesen Saal: Wir haben in den beiden bereits vorhandenen eine Akustik, die ist beispielhaft. Aber in dem Moment, in dem man mit Verstärkung arbeitet, geht das Gefüge auseinander. Beim dritten Saal muss berücksichtigt werden, dass der Klang genauso großartig ist wie in den beiden anderen, dass man ihn aber auf jeden Fall elektroakustisch verstärken kann. Und auch kleine szenische Formate oder ganz andere wie Tagungen oder Diskussionsrunden müssen möglich sein. Auch dafür wird die Glocke ja bereits angefragt.

Wie wollen Sie verhindern, dass dann ein junges, flippiges Publikum mit der eher ­gediegenen Atmosphäre in der Glocke fremdelt?

Wir müssen natürlich über die Ästhetik des Konzerthauses nachdenken. Das fängt damit an, neue Eingänge zu schaffen, aber grundsätzlich muss dieser Schwellen-Effekt weg und viel mehr Durchlässigkeit her. ­Daher gibt es auch den Arbeitstitel „Musikzentrum Glocke Bremen“. Ein Zentrum, in dem viele Strömungen und Stile zusammenkommen.

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Und in dem sich beispielsweise Kammer­musik- und Heavy-Metal-Fans treffen?

Ja, warum denn nicht? Es gibt Konzerthäuser in anderen Städten, beispielsweise in Utrecht, die das schon umgesetzt haben. Da heißt es: Wir haben so viele unterschiedliche Zielgruppen in der Stadt unter dem Label Musik, da schaffen wir einfach mal Räume, in denen die aufeinandertreffen können.

Es geht also nicht nur um die Glocke als Konzerthaus, sondern weiter gefasst auch um eine Aufwertung des innerstädtischen und vor allem des öffentlichen Raums?

Das ist der große Gedanke, den wir denken. Das Haus ist das eine, aber davor gibt es diesen eigentlich wunderschönen Platz mit einer tollen Blickachse. Das wäre großartig, wenn wir das Areal in unsere Pläne einbeziehen könnten.

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Die Fläche vor der Glocke wird derzeit weniger als Platz wahrgenommen, sondern als wuseliger Knotenpunkt für Straßenbahn­linien und Busse.

Ja, aber da läuft die Diskussion auf Hochtouren. Ich bin bei Weitem nicht alleine, wenn ich anrege, da etwas zu ändern. Ich würde mich freuen, wenn dieses Geld aus Berlin auch als Impuls gesehen würde, diesen Teil der Altstadt entscheidend aufzuwerten.

Welches sind konkret die nächsten Schritte, die Sie gehen?

Es wird eine Machbarkeitsstudie für die bauliche Seite geben, die die Potenziale auslotet, damit die Planungsgespräche losgehen können. Das wird uns im nächsten Jahr beschäftigen. Insgesamt wird das alles fünf Jahre in Anspruch nehmen, so ist der Finanzierungsplan angelegt. Geplant ist, damit die Besucherzahlen der Glocke auf 250.000 bis 300.000 Besucher pro Jahr zu steigern.

Befürchten Sie nicht, mit dieser Neuausrichtung das Publikum zu verschrecken, das die Glocke so schätzt, wie sie im Moment ist?

Nein. Die Glocke mit beiden Sälen bleibt ja unangetastet, wird aber zu einem Musikzentrum erweitert. Die unterschiedlichen Gruppierungen werden ihre Räume haben, das klassische Format steht überhaupt nicht zur Diskussion. Aber wir müssen die Glocke für das fit machen, was sich in der internationalen musikalischen Szene entwickelt. Daran führt kein Weg vorbei.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Info

Zur Person

Thomas Albert

wurde 1953 in Bremen geboren. Er ist Dirigent, Violinist und Erfinder und Intendant des Musikfests Bremen. Albert war lange Jahre Professor an der Hochschule für Künste, er gründete an der HfK die Akademie für Alte Musik.

Info

Zur Sache

Konzerthaus Glocke

Ein Gebäude gibt es an dieser Stelle seit dem 15. Jahrhundert. Es gehörte zum Domstift, wurde für Beratungen des Domkapitels genutzt, nach 1648 auch für Hofgerichtsverhandlungen. Ab 1857 gehörte es dem Bremer Künstlerverein und diente als Vereinslokal. 1915 brannte das ursprünglich achteckige Gebäude ab, zwischen 1926 und 1928 wurde nach einem Entwurf des Bremer Architekten Walter Görig im Art-Déco-Stil ein Haus mit Konzertsälen und einem Restaurant gebaut: Der Große Saal mit einem Rang hat 1400 Plätze, der Kleine Saal hat 391 Plätze. Seit der Einweihung heißt das Gebäude „Die Glocke“. Der heutige Betreiber, die Glocke Veranstaltungs GmbH, gehört zu 100 Prozent der Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. 1995/97 wurde zuletzt umfassend renoviert.

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