Interview zum Mord an Jan Kuciak

„Wir gehören zu den sichersten Ländern Europas“

Im Mordfall Jan Kuciak wird an diesem Donnerstag ein weiteres Urteil erwartet. Wie der Mord die Slowakei verändert hat, erzählt der heimische Journalist Martin Hanus im Interview mit dem WESER-KURIER.
03.09.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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„Wir gehören zu den sichersten Ländern Europas“
Von Felix Wendler
„Wir gehören zu den sichersten Ländern Europas“

21. Februar 2019: Zum ersten Jahrestag des Mordes an Jan Kuciak und seiner Verlobten gingen viele Slowaken auf die Straße, um gegen Korruption zu protestieren.

picture alliance/Petr David Josek/AP/dpa

Herr Hanus, an diesem Donnerstag wird vermutlich das Urteil gegen die Hintermänner im Mordfall Jan Kuciak verkündet. Wie präsent ist das Thema aktuell in der slowakischen Bevölkerung?

Martin Hanus: Das Urteil wird sicherlich mit Spannung erwartet. Die Öffentlichkeit hat den Prozess und all die Nebenereignisse, die die Aufdeckung von Marian Kocners kriminellem Netz an die Oberfläche gebracht hat, intensiv verfolgt. Durch die Corona-Zeit hat die Aufmerksamkeit verständlicherweise etwas nachgelassen. Zudem sind viele Leute auch überzeugt gewesen, dass das Urteil irgendwann im Sommer gefällt wird und Kocner als mutmaßlicher Mordauftraggeber 25 Jahre oder lebenslänglich bekommt. Aber fest steht das ja immer noch nicht, die Urteilsverkündung ist schon einmal vertagt worden. Offensichtlich diskutieren die Richter untereinander ziemlich intensiv.

Der Mord und die anschließenden Enthüllungen haben nicht nur massive Korruption ans Licht gebracht, sondern auch den Sturz der Regierung bewirkt. Was wird seitdem getan, um Journalisten besser zu schützen?

Der Mord an einem Journalisten hat unser Land zutiefst erschüttert – und zwar nicht nur wegen der verbrecherischen Tat an sich, sondern auch deshalb, weil so etwas in der Slowakei vor 2018 ähnlich unvorstellbar war, wie es heute zum Beispiel in Deutschland der Fall ist. Wir leben ja nicht in einem Land, in dem investigative Journalisten wie in der Ukraine oder Russland bedroht werden. In diesem Sinne gehören wir für Journalisten – trotz des Mordes an Kuciak – zu den sichersten Ländern Europas. Ein spezieller Schutz ist deshalb nicht notwendig.

In den vergangenen Tagen gab es wiederholt Angriffe auf die Pressefreiheit, vor allem in Belarus. Auch in Polen und Ungarn agiert die Regierung regelmäßig gegen kritische Journalisten. Wie werden diese Entwicklungen in der Slowakei gesehen?

Es wird natürlich darüber berichtet. In der Slowakei ist das Bewusstsein durchaus vorhanden, dass wir mit der Pressefreiheit hierzulande zufrieden sein können. Das gilt gerade im Vergleich zu Ungarn, aber auch zu Tschechien, wo Premierminister Andrej Babis ein Medienimperium besitzt. Seit der Regierung des Autokraten Vladimir Meciar in den 1990er-Jahren unternahm keiner seiner Nachfolger in der Slowakei auch nur den geringsten Versuch, gegen die freien Medien vorzugehen.

Gibt es eine allgemeine Tendenz, wie sich die Sicherheit von Journalisten in Osteuropa in den vergangenen Jahren verändert hat?

Ich finde nicht, dass sich die Sicherheit der Journalisten in den Visegrad-Staaten verschlechtert hat. Das Problem betrifft eher den Raum der Freiheit. Wir sehen zum Beispiel, dass in Tschechien, das uns besonders nahesteht und dessen Medienlandschaft wir einst bewundert haben, die Unabhängigkeit in Gefahr ist. Die dortigen Journalisten, die sich den politischen und wirtschaftlichen Machthabern nicht unterwerfen wollten, haben neue Wege gesucht – und dabei auch Inspiration in der Slowakei gefunden. Wir sind zum Beispiel bei den Formaten des digitalen Journalismus ziemlich gut aufgestellt.

Das Gespräch führte Felix Wendler.

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Zur Person

Martin Hanus

ist seit Mai Chefredakteur des slowakischen Nachrichtenportals postoj.sk. Zuvor arbeitete der studierte Germanist für verschiedene Wochenzeitungen und Zeitschriften. Hanus lebt in Bratislava.

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