Castor-Transport im Wendland Nächster Halt: Demonstration

Bremen. Mehrere Zehntausend Menschen demonstrieren an diesem Wochenende in Dannenberg gegen Atomkraft und die Politik der Bundesregierung. So viele wie noch nie. Auch aus Bremen sind Demonstranten mit Bussen angereist. Wir sind in einem mitgefahren.
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Nächster Halt: Demonstration
Von Matthias Lüdecke

Bremen. Mehrere Zehntausend Menschen demonstrieren an diesem Wochenende in Dannenberg gegen Atomkraft und die Politik der Bundesregierung. So viele wie noch nie. Auch aus Bremen sind Demonstranten mit Bussen angereist. Wir sind in einem mitgefahren.

Um 8.37 Uhr geht es los. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Bremen hat insgesamt zwölf Busse gechartert, um Demonstrationswilligenach Dannenberg zu bringen, zu den Protesten gegen den Atommülltransport. Dorthin, wo am Sonntag die Castor-Behälter vom Zug auf LKWs verladen werden sollen. Bus Nummer 5 ist einer von ihnen. 70 Leute passen hinein. Der Bus ist voll.

Doch was sind das für Leute, die am Sonnabendmorgen im kalten und regnerischen Bremen einen Bus besteigen und drei Stunden Fahrt auf sich nehmen, um ihren Unmut über die Atompolitik kundzutun? Eine spezifische Altersgruppe gibt es schon einmal nicht. Zwei Kinder fahren mit, einige Jugendliche, ein paar Ältere. Und viele, die irgendwo dazwischen liegen, zwischen Anfang 30 und Mitte 50.

Der Großteil der Jugendlichen sei in einem eigenen Bus, der Nummer 8, erzählt Katja Muchow, die den Bus für den BUND begleitet. Über das Bord-Mikrofon bittet sie diejenigen, die in Dannenberg bleiben wollen, ihr Bescheid zu sagen, damit der Bus nicht unnötig warten muss. Zugleich weist sie daraufhin, dass der BUND in diesem Jahr erstmals zu zivilem Ungehorsam aufruft und Sitzblockaden unterstützt. Die Jugendlichen werden diesem Ruf wohl folgen. Bus Nummer 8 fährt direkt wieder zurück nach Bremen.

"Das Maß an Ignoranz ist voll"

In Bus Nummer 5 werden um 17 Uhr nur sechs Leute nicht mit zurückfahren. Es sind keine Klischee-Aktivisten, die hier mitfahren. Es sind ganz normale Menschen. Menschen, wie Ingna Marquardt, die vor der Abfahrt erzählt, sie fahre das erste Mal zu einer solchen Großveranstaltung, „weil ich das Maß an Ignoranz in der Politik überschritten finde“. Oder Ansgar Schönhoff, der schon öfter in Dannenberg dabei war und glaubt, dass dieses Mal mehr Menschen kommen werden, die ihre Meinung kundtun wollen, weil sie das Gefühl haben, dass die Politik vorrangig für Lobbyisten gemacht werde.

Es sind Gründe, die mit dem konkreten Castor-Transport und mit Gorleben als Zwischenlager nur bedingt zu tun haben. Hier geht es um Grundsätzlicheres. Um Umweltpolitik und einen Politikstil. Viele Menschen kommen an diesem Tag aus dem gleichen Grund nach Dannenberg wie Ingna Marquard und Ansgar Schönhoff.

Es gibt aber auch noch andere Gründe. Die Anwohner etwa fürchten um ihre Gesundheit, um ihre Heimat. Wenn man sich das Wendland anschaut, das mit seinen langgezogenen Feldern und Wäldern am Busfenster vorbeizieht, kann man vielleicht ein bisschen besser verstehen warum. Und es gibt die Jugendlichen, für die der Protest auch Event ist und aus deren Ghettoblaster unterwegs „Lambada“ schallt.

Spaziergang zur Kundgebung

Es ist diese Mischung, die die Demonstration in Dannenberg an diesem Sonnabend ausmacht. Vom Busparkplatz aus geht es noch eine gute Stunde zu Fuß zu dem Maisfeld, wo die zentrale Kundgebung stattfinden soll. Der Weg ist voll mit Menschen, ein stetiger Strom hin zur Kundgebung. Schlachtrufe gibt es nicht. Es ist mehr eine gemeinsame Wanderung denn ein Protestmarsch. Die Gruppe aus dem Bus Nummer 5 ist dabei schnell keine Gruppe mehr. Die Busladung Demonstranten zerfällt in ihre Einzelteile. Kleine Gruppen setzen sich ab, fallen zurück, sind bald im Meer aus gelben Fahnen mit der roten Sonne verschwunden.

Eine Menschenmenge, die sich durch die Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern schiebt, durch Wohngebiete und vorbei an einem Wohnwagen-Camp, in dem man unter dem Motto „Ohne Mampf kein Kampf“ etwas zu essen bekommt. Sie passiert Punkbands, Sambagruppen, Lautsprecherwagen, aus denen Techno dröhnt und vor denen Menschen tanzen. Nur eines sieht man erstaunlich wenig: die Polizei. Bis zu 20.000 Polizisten sollen zusammengezogen worden sein, um Transport und Demonstrationen zu sichern. Bis auf eine lange Schlange von Polizeiwagen sieht man davon nicht viel.

Das ändert sich auch nicht auf dem Maisfeld, wo man vor lauter flatternden Fahnen die Bühne höchstens erahnen kann. Nur ein Helikopter mit Kamera zieht seine Bahnen über dem Platz. Viel zu sehen bekommt er nicht. Die Kundgebung verläuft absolut friedlich. Bands treten auf der Bühne auf, ab und zu wird eine Rede gehalten. Zwischendurch helfen die Moderatoren einem Kind bei der Suche nach seinen Eltern oder vermelden: „Die Clowns sollen zur Sambagruppe kommen“.

Auch Kinderwagen sind dabei

Die Mischung auf dem Feld ist noch bunter. Es gibt natürlich die Aktivisten, die Linken, die Punks. Aber eben auch die auf den ersten Blick ganz normalen Menschen und auffällig viele Familien und Kinderwagen.

Und dann gibt es da noch die große Gruppe junger Menschen mit großen Rucksäcken, an die Isomatten und Schlafsäcke gebunden sind. Sie werden wohl die Nacht hier verbringen und ihrem Protest über die Kundgebung hinaus noch anders Ausdruck verleihen. An einem Zelt wird auf eine Informationsveranstaltung zum Thema „Schottern“ hingewiesen – ein in Dannenberg allgegenwärtiges Wort, das nichts anderes beschreibt als den Versuch, die Steine aus dem Gleisbett zu entfernen, um den Zug mit den Castor-Behältern aufzuhalten.

Gerhard Dick hält nicht viel von dieser Art von Protest. Auch er ist in Bus Nummer 5 nach Dannenberg gekommen. Seit 30 Jahren engagiert er sich mittlerweile für die Umwelt und geht zu Demonstrationen. Allein im letzten Jahr waren es vier. Bei der Menschenkette in Berlin etwa, erzählt er, sei die Stimmung besser gewesen. Da fuhr ein Wagen mit Musik voran und Demonstranten liefen hinterher. Ein Spaziergang so wie in Dannenberg war das wohl eher nicht.

Zurück zu den Bussen

Doch darum geht es Dick auch nicht. „Wir werden den Castor nicht aufhalten können, aber wir können ein Zeichen setzen“, sagt er. So wie er sehen das wohl viele der Demonstranten. Als es um viertel nach drei kurz zu regnen beginnt, setzt sich der Menschenstrom langsam wieder in Bewegung. Diesmal in die andere Richtung, zurück zu den Bussen. Ein Erfolg war die Demonstration dennoch, findet Dick. Dass so viele Leute in einen kleinen niedersächsischen Ort kommen, sei so außergewöhnlich wie erfreulich. Von 50.000 Besuchern sprechen die Veranstalter. Genaue Zahlen hat niemand. Es war aber wahrscheinlich die größte Demonstration, die es in Dannenberg je gab.

Und einen kleinen Teil hat dazu auch der Bus Nummer 5 aus Bremen beigetragen. Auch wenn es kein wilder Proteststurm war, auch wenn kaum einer in Dannenberg bleibt, um an Sitzblockaden oder gar Illegalerem teilzunehmen – 70 von Zehntausenden Demonstranten, die in Dannenberg gezählt wurden, sitzen in diesem Bus und haben auf der Rückfahrt teilweise Mühe, die Augen offen zu halten. Sie alle sind froh, als sie nach zwölf Stunden wieder am Bremer ZOB angekommen sind. Vor allem aber sind sie froh, dass sie ein Zeichen gesetzt haben.

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