Mut und Tempo

Neue Chefin der Verbraucherzentrale gibt Gas

Annabel Oelmann ist seit April Chefin der Bremer Verbraucherzentrale. Ziele hat sie viele, doch eines liegt ihr besonders am Herzen.
02.09.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Neue Chefin der Verbraucherzentrale gibt Gas
Von Lisa Boekhoff
Neue Chefin der Verbraucherzentrale gibt Gas

Annabel Oelmann ist neu im Vorstand der Verbraucherzentrale.

Frank Thomas Koch

Annabel Oelmann ist seit April Chefin der Bremer Verbraucherzentrale. Ziele hat sie viele, doch eines liegt ihr besonders am Herzen: Sie möchte eine kostenlose Beratung für Menschen in finanzieller Not anbieten können.

In Düsseldorf steht ein mächtiger Koloss. Die größte Verbraucherzentrale Europas hat dort ihren Sitz. 780 Mitarbeiter beschäftigt sie. Doch Annabel Oelmann hat sich gegen Nordrhein-Westfalen entschieden – und für Bremen. Seit April ist sie Chefin der kleinsten deutschen Verbraucherzentrale mit genau 32 Mitarbeitern. Doch die Größe hat Vorteile, sagt Oelmann. Während Entscheidungen anderswo lange Zeit brauchen, gehe es in der Verbraucherzentrale Bremen oft schnell. „Wir sehen ein Thema, auf das wir aufspringen wollen, sprechen uns kurz ab, und es geht zack raus. Das ist genial.“ Oelmann setzt auf Tempo und erzählt davon mit Begeisterung.

Als ersten Grund, warum es sie an die Weser gezogen hat, gibt die gebürtige Lübeckerin jedoch etwas anderes an: Heimatverbundenheit. „Ich bin echtes Nordlicht und wollte immer zurück ans Meer. Die Weite, das Wasser und der Wind – ich finde, das hat sehr viel Charme.“ In Burhave haben sie und ihr Partner ein Haus, zu dem sie am Wochenende pendeln. Der Weg ist für Oelmann nun etwas kürzer geworden.

Dabei übernahm die 38-Jährige Ende des vergangenen Jahres gerade einen neuen Führungsposten in der Verbraucherzentrale NRW. „Die Ausschreibungen liefen parallel. Und man weiß ja nie.“ Sie stieg zur Gruppenleiterin für das Thema Finanzdienstleistung auf. Als sie dann das Angebot aus Bremen bekommt, entscheidet sie sich schließlich für den Norden. Zur Übergabe arbeitet sie den März zusammen mit ihrer Vorgängerin Irmgard Czarnecki, die nach 22 Jahren als Leiterin der Verbraucherzentrale in den Ruhestand ging.

Wechsel war ein Wagnis

Klar sei es eine große Umstellung, ein Wagnis gewesen, von der festen Stelle auf den auf fünf Jahre befristeten Vorstandsposten zu wechseln. „Ich dachte, genau das testen wir jetzt.“ Die Position hatte sie sich ohnehin für dieses Alter zum Ziel gesetzt: „Ich wollte vor 40 Vorstand sein. Das war schon vor dem Studium klar. Meine Wahrnehmung war, dass man sich später nicht mehr traut.“

Eigentlich habe sie beruflich auch ganz andere Wege einschlagen können. Nach einer Banklehre studierte Oelmann Wirtschaftsrecht und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin. „Ich hätte in jede Richtung gehen können – und dann kam die Finanzkrise. Da tauchte die Branche, aus der ich kam, in einem ganz anderen Licht auf und stand auf einmal am Pranger.“

Schlechte Beratung, die Lehman-Geschädigten – all das wird zum Thema, als in NRW für die Gruppe Finanzdienstleistung eine Stelle ausgeschrieben ist. Sie habe nicht gewusst, ob die Aufgabe überhaupt zu ihr passe, aber nach drei Monaten sei sie schon voll in der Position aufgegangen. Es sehe im Rückblick aus wie geplant, aber es habe sich einfach so gefügt.

"Bremen hat eine schnelle Stimme"

Antrittsbesuche und viele Eindrücke liegen nach den ersten Monaten in Bremen nun hinter ihr. Jetzt gehe es richtig los. Jetzt müsse man schauen, wo man sich noch enger mit anderen verknüpfen könne – etwa mit der Schuldnerberatung. „Ich glaube, dass das in Zukunft ein wichtiger Baustein für uns sein wird, dass wir stärker kooperieren. Denn in der Regel sind bei allen die Finanzen knapp.“ Gerade dann sei es wichtig, Überschneidungen zu vermeiden. So könne Bremen auch Schlagkraft entwickeln. „Wir sind Bremen und haben eine Stimme – eine schnelle.“

Die finanzielle Ausstattung bringt die Verbraucherzentrale tatsächlich in eine bedrohliche Situation, sagt Oelmann. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiere, könne es schwierig werden. Denn vom Notgroschen, zu dem sie selbst immer raten, sei man meilenweit entfernt. „Jede zusätzliche Ausgabe bringt uns in Bedrängnis.“ Die Verbraucherzentrale sei mit diesem Problem aber eben nicht allein in Bremen. „Ich glaube nicht, dass übermorgen die große Finanzspritze kommt.“ Deshalb setze sie wie ihre Vorgängerin auf Bundesprojekte und Spenden. Ohne die werde man in Zukunft nicht auskommen.

Beratung für Menschen in finanzieller Not

Eines ihrer wichtigsten Anliegen sei es, wieder eine kostenlose Beratung für Menschen in finanzieller Not anbieten zu können. „Das ist gerade in Bremen-Nord und Bremerhaven ein Thema. Das Bedürfnis ist eigentlich riesig, aber wir können die Hilfe aus eigenen Mitteln nicht leisten.“ Viele Menschen suchten den Weg in die Beratung zudem nicht. Deshalb müssten ihre Mitarbeiter zu ihnen raus in die Quartiere gehen können. „Für uns ist es gerade aber ein Ding der Unmöglichkeit.

Wir sind froh, dass wir überhaupt beide Standorte halten können.“ In Bremerhaven gebe es immerhin noch zwei Mitarbeiter. Denkbar seien zudem Kooperationen mit Energieversorgern, die ein Interesse hätten, dass es gar nicht erst zu Stromsperren für die verschuldeten Kunden komme. „Doch da bin ich noch in den Anfängen.“ Nach der Kennenlernphase geht es für Oelmann nun um konkrete Gespräche und Veränderungen.

Weil ihr Tag kaum planbar sei, nehme sie sich noch bevor es richtig losgehe eine Stunde Zeit, um sich einen Überblick zu verschaffen. „Ich bin meistens so früh hier, dass außer meiner Sekretärin noch keiner da ist. Danach schießt mir viel dazwischen.“

Verschiedene Kommunikationswege

Wenn eine Bank das kostenlose Girokonto abschaffen wolle, dann sei ihr Freitag in seiner ursprünglichen Planung einfach dahin: Statements werden gefordert, und die Verbraucherzentrale müsse über Facebook und Twitter rausgehen, um eigene Botschaften zu platzieren. Oelmann strahlt, als würde sie den hektischen Tag am liebsten gleich wiederholen. „Das schätze ich.“ Agenda-Surfing und Social-Media – mit ihrem Team wolle sie hier neu ansetzen. Schwungvoll unterstützt sie mit ihren Armen das Gesagte und versucht für ihre Idee zu begeistern. Machen gilt eben immer.

Sowieso liebe sie die Medienarbeit – am besten live auf Sendung, weil das nicht so perfekt sei. Zu ihren Schwerpunkten – Geldanlage, Baufinanzierung und Altersvorsorge – hat sie für den WDR als Finanzcoach beraten. Auch bei „Raus aus den Schulden“ hat sie schon mitgewirkt. „Das ist ein super Sendeformat“, sagt Oelmann. Denn schließlich sei es wichtig, allen zu erklären, was die Verbraucherzentrale macht. „Das wissen die wenigsten genau. Wir brauchen die ganze Palette, um alle zu erreichen.“

Eine Erleichterung seien die kurzen Wege in Bremen. „Ich saß in Düsseldorf, hatte aber Berater in Dettmold. Glauben Sie mir, das ist eine Fahrt, für die Sie einen Tag einplanen können.“ Jetzt fahre sie zur Arbeit nur ein paar Minuten Fahrrad von ihrer Wohnung in Findorff.

Neue Chefin will anpacken

In ihrem Büro in der Verbraucherzentrale im Altenweg herrscht Ordnung und Übersichtlichkeit. Keine Aktenordner fliegen umher, es gibt keine überfüllten Ablagen. Alles Wichtige ist auf dem Rechner, weil sie ohnehin die Hälfte der Woche unterwegs ist und aus dem Zug arbeitet, sagt Oelmann. Nur wenige persönliche Gegenstände hat sie mit ins Büro gebracht. „Ich will hier Arbeitsatmosphäre und mich nicht wie zu Hause fühlen.“ Im Haus in Burhave suche sie nach allen Gesprächen und Telefonaten dann Ruhe, bevor die Arbeit wieder Fahrt aufnimmt. „Sutje“ statt „zack, raus“.

Ob sie nun ebenfalls mehr als 20 Jahre erste Verbraucherschützerin Bremens bleiben möchte? Oelmann lacht, beginnt zu rechnen. „So lange kann ich mir noch gar nichts vorstellen.“ Schon fünf Jahre seien für sie ein großer Schritt. Von ihrer Vorgängerin Irmgard Czarnecki habe sie keinen Rat bekommen, sondern das Gefühl, dass sie an sie glaube. „Natürlich werde ich Dinge falsch machen. Fehler sind nicht schlimm. Hauptsache, man bewegt sich, macht was, packt an und probiert. Es ist doch schlimm, wenn man sich nicht traut.“

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