Denkmalgeschützte Villa an der Bremer Hollerallee Neues Sanierungskonzept fürs Standesamt

Bremen. Es geht doch: Statt 5,4 Millionen Euro wird die Sanierung des Standesamts an der Hollerallee nur noch 3,116 Millionen kosten. Außerdem überrascht Immobilien Bremen mit einem neuen Sanierungskonzept.
23.03.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Rainer Kabbert

Bremen. Es geht doch: Statt 5,4 Millionen Euro wird die Sanierung des Standesamts an der Hollerallee nur noch 3,116 Millionen kosten. Außerdem überrascht Immobilien Bremen mit einem neuen Sanierungskonzept.

Zu den Sanierungskosten in Höhe von 5,4 Millionen Euro kommen noch 224.000 Euro für die Verlagerung während der Bauzeit. Dem Vorschlag der Senatoren Karoline Linnert (Finanzen) und Ulrich Mäurer (Inneres) ist eine heftige öffentliche Debatte vorausgegangen. Ergebnis: Das Standesamt zieht nicht in die Überseestadt und bleibt an der Hollerallee. Allerdings gibt es diverse Abstriche gegenüber dem ursprünglichen Sanierungskonzept.

Immobilien Bremen (IB) als Eigentümerin hanseatischer Immobilien hatte sich den ursprünglichen Kostenvoranschlag für die Villa aus dem Jahre 1902 noch einmal angesehen. Seit September 2009 steht der Betrag von knapp 5,4 Millionen Euro in den Planungsszenarien. Nun wurde eine Liste mit 31 Maßnahmen erstellt, mit denen rund zwei Millionen Euro gespart werden. IB-Geschäftsführer Oliver Bongartz nennt vier große Brocken:

Erstens:Mit dem Verzicht auf das Rollregallager für die Akten wird auch die Verstärkung des Fundaments hinfällig. Nun muss das Standesamt andere Stellflächen für die Unterlagen im Keller finden.

Zweitens:Die gesamte Neuplanung des Dachgeschosses entfällt. Verwinkelte Büros sollten begradigt, Funktionsabläufe des Amts in einer anderen Raumstruktur optimiert und Zeit gespart werden. Bleibt der alte Zustand, entfallen auch Forderungen der Feuerwehr nach bestimmten Rettungswegen und ein neues Treppenhaus.

Drittens:Es wird keine Perimeterdämmung der Kelleraußenwände geben. Ziel dieser Abdichtung war es, die Außenwände gegen eindringende Feuchtigkeit abzudichten. Nun wird das Mauerwerk von innen geschützt. Nachteil: Die erste Lösung hätte für die Ewigkeit gehalten, die zweite wirkt nur zehn bis 15 Jahre.

Viertens: Ursprünglich sollte die Fassade mit Natursteinen erneuert werden, nun werden die schadhaften Teile ausgebessert. Allerdings bieten die ausgebesserten Stellen Angriffsflächen für Feuchtigkeit.

Bestandsschutz heißt das Zauberwort, das den Planern eine Menge Geld spart. Weil kein Neubau entsteht, insbesondere im Obergeschoss, müssen auch keine neuen Baugenehmigungen eingeholt werden. Folglich sollen auch nicht, erläutert Bongartz, bestimmte behördliche Vorgaben wie die Energierichtlinie eingehalten werden. Zwar werde die Sanierung zur Energieersparnis führen - etwa bei den Fenstern -, doch bleibe sie hinter den Werten zurück, die bei Einhaltung der Energierichtlinie zu erwarten wären.

Denkmalpfleger senkt Ansprüche

Apropos Fenster: Auch der Denkmalschutz hat sein Scherflein beigetragen, den Kostenvoranschlag zu verschlanken. Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki hat seine Ansprüche ein wenig gesenkt. Nach früheren Planungen sollten alle Fenster nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten saniert werden. Nun aber bekommt nur ein Viertel der Fenster das Prädikat "besonders wertvoll" und erfährt eine besondere Behandlung, die anderen werden konventionell erneuert. "Wir haben aber keine wichtigen Positionen des Denkmalschutzes geräumt", beteuert Skalecki.

Zufrieden mit dem neuen Sanierungsplan zeigen sich auch die Senatoren Linnert und Mäurer. Die Modernisierung des Standesamts verbessere die beengte Raumsituation für die Traugesellschaften, Ansprüche an Barrierefreiheit sowie Gesundheitsschutz für Kunden und Bedienstete würden berücksichtigt. Allerdings hatte IB-Geschäftsführer Bongartz früher starken Wert auf Dauerhaftigkeit und ökologische Standards gelegt. Zumindest dort sind Abstriche zu erkennen. Etwa bei der Abdichtung der Außenwände und der Sanierung der Fassade, aber auch bei der Energieeinsparung: Durch Verzicht auf Neubau greift auch nicht die Energierichtlinie.

Ende 2011 soll mit der Sanierung begonnen werden, das Standesamt zieht dann in die leerstehende Immobilie in der Schillerstraße. Anfang 2013 können sich Heiratswillige wieder an der Hollerallee das Ja-Wort geben. Dann können die Bediensteten auf ein jahrzehntealtes Kapitel bremischer Planungskunst zurückblicken. Innensenator Mäurer datiert die erste Sanierungsakte für das Standesamt auf das Jahr 1992, Finanzsenatorin Linnert bestätigte, dass 2002 und 2005 Kostenschätzungen für die Sanierung erstellt wurden. Damals taxierte man die Sanierung auf 2,5 Millionen Euro, die auch im Haushalt erschienen.

Zuständig ist Immobilien Bremen, eine aus der bremischen Kernverwaltung ausgegliederte Anstalt des öffentlichen Rechts. Sie steht unter Fachaufsicht von Finanzsenatorin Karoline Linnert. Das Standesamt aus dem Jahr 1901 liefert Leistungen, für die das Innenressort zuständig ist.

Den groben Schätzungen folgten detaillierte Berechnungen des Bremer Architektenbüros Schulze, Pampus, die sich auf knapp 5,4 Millionen Euro addierten. "Als wir das Ergebnis gesehen haben, sind wir vom Glauben abgefallen", stöhnte Innensenator Mäurer damals. Eine Sanierung sei nicht zu vertreten gewesen. Allein 347000 Euro hat das Gutachten gekostet.

180.000 Euro Miete im Neubau

Anfang November 2010 hat Rot-Grün dann beschlossen, das Standesamt nicht zu sanieren und in einen Neubau der Firma Siedentopf in der Überseestadt zu ziehen. Anvisierter Termin: Frühjahr 2012. Bei einer jährlichen Kaltmiete von 180000 Euro.

Nachdem der WESER-KURIER den gigantischen Kostenvoranschlag von 5,4 Millionen Euro infrage stellte und Experten zu Wort kommen ließ, entwickelte sich in der Öffentlichkeit eine kritische Debatte. Der Bremer Bauunternehmer Jens Bode unterbreitete ein Festpreisangebot von 2,45 Millionen, auch Ehrenbürger und Bauunternehmer Klaus Hübotter hätte die Sanierung für 2,5 Millionen Euro plus einer Baukostenreserve von 500000 Ero gestemmt.

Anfang Februar ist die ursprünglich anvisierte Investitionssumme von IB eingedampft worden: Nun sollten 3,5 bis vier Millionen Euro reichen. Eine Arbeitsgruppe aus Baufachleuten und Ressortvertretern forstete die einzelnen Posten nach Einsparmöglichkeiten durch - und kommt jetzt auf eine Sanierungssumme von 3,116 Millionen Euro. Die gesamten Baukosten, inklusive Planungs- und Verlagerungskosten, summieren sich auf 3,64 Millionen Euro.

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