Verbraucher legen Wert auf Qualität Nicht irgendein Kaffee

Seit Jahresbeginn bietet das Cross-Coffee-Duo um Röster Oliver Kriegsch und Barista Nils Nienstedt einen Kaffee-Workshop in der eigenen Rösterei an - Schmatzen und Schlürfen ausdrücklich erwünscht.
24.03.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Annica Müllenberg

Lautes Schmatzen und Schlürfen ist ausdrücklich erwünscht, wenn Oliver Kriegsch seine Gäste einlädt. Eine Verkostung ist eben in erster Linie kein Ohren-, sondern ein Gaumenschmaus. Bei den edlen Tropfen, die bei ihm getestet werden, handelt es sich nicht um Wein, sondern um Kaffee. Seit Jahresbeginn bietet das Cross-Coffee-Duo um den Röster Oliver Kriegsch und den Barista Nils Nienstedt einen Kaffee-Workshop in der eigenen Rösterei in der Überseestadt an. „Wir wollen zeigen, was sich mit Kaffee alles machen lässt, wie Qualität erkannt wird und die unterschiedlichen Zubereitungsmethoden funktionieren“, fasst Kriegsch zusammen.

Im 17. Jahrhundert hat die Bremer die Leidenschaft für das Getränk gepackt, so meldet es der Deutsche Kaffeeverband. 1673 erprobten die Kaufleute das exotische Genussmittel, die Stadtältesten blieben damals skeptisch, erteilten zunächst eine Genehmigung für ein halbes Jahr – geblieben ist der Kaffee bis heute.

Doch Bohne ist nicht gleich Bohne. Für Oliver Kriegsch reicht es nicht aus, saisonal frischen Rohkaffee aus unterschiedlichen Anbaugebieten zu vertreiben, dabei auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit zu achten sowie die Geschichten zu jedem Produkt zu kennen. „Eine Weinkarte gehört in guten Restaurants zum Service, wieso gibt es keine für das Lieblingsgetränk der Deutschen“, fragt sich der gelernte Barista, der seine Ausbildung im österreichischen Graz absolvierte. Die Statistik des Deutschen Kaffeeverbands verdeutlicht die Präferenz: 2013 tranken die Deutschen 165 Liter des heißen Muntermachers, gefolgt von 140 Litern Mineralwasser und 107 Litern Bier.

Von den Dutzenden Bremer Unternehmen, die der Kaffeetraditionsverein einst auflistete, sind allerdings nicht mehr viele übrig geblieben. Die Handelskammer Bremen zählt heute noch rund 15 Betriebe auf, die Kaffee- und Teeverarbeitung betreiben. Dazu zählen neben den Großen wie Mondelez oder Melitta auch lokale Röstereien wie Münchhausen, Zuiano oder Komodo Coffee. Hinter letzterem Unternehmen steckt Andreas Elfert. Seit Dezember vergangenen Jahres verfolgt er ein ähnliches Ziel wie Cross-Coffee – nämlich Spezialitätenkaffee in die Hansestadt zu holen. „Heimliche Kaffeehauptstadt ist Bremen schon lange nicht mehr. Erstens trinken die Menschen noch immer lieber Tee und zweitens fehlt es an Unternehmen, die sich intensiv mit der Geschichte, Tradition und Qualität der Bohnen auseinandersetzen“, sagt Elfert. Er ist dabei, einen Online-Versand zu etablieren. In diesem findet der Kunde ausschließlich Bohnen aus Indonesien. Der Händler hat die Kooperativen vor Ort besucht, kennt die Bauern persönlich.

Den Kampf gegen den Einheitsgeschmack hat auch Christian M. Leon aufgenommen. Im Café Noon schenkt er Finca Don Leo in die Tassen. Die Bohnen stammen von der Plantage von Leons Familie in Guatemala. Den Kaffee mit der leichten Schokonote können Gäste in Bremen nur im Noon trinken – und sie tun es auch. „Im vergangenen Jahr habe ich noch zehn Kilo Bohnen im Monat verbraucht, seit diesem Jahr sind es circa zehn in der Woche“, sagt der 32-jährige Leon. Auch er ist der Meinung, dass man sich mit hochwertigen Produkten und besonderen Zubereitungsmethoden am Markt besser absetzen könne.

Ein Trend, den auch die größeren Kaffeefirmen längst für sich entdeckt haben. Wie etwa Tchibo: Seit Ende der 1990er-Jahre bringt der Kaffeeriese vier bis fünf Mal jährlich eine seiner sogenannten Raritäten in die Geschäfte – von den Einkäufern des Unternehmens in den jeweiligen Ursprungsländern speziell ausgewählte Bohnen, die nur in kleinen Margen erhältlich sind. Laut Unternehmenssprecher Andreas Engelmann sind diese Sorten teilweise schon nach wenigen Tagen ausverkauft. „Die Kunden suchen immer mal wieder nach etwas Besonderem“, begründet er. „Und die Zahl derer, die Wert auf die Qualität von Kaffee legen, nimmt zu.“ Als Konkurrenz zum normalen Kaffeegeschäft von Tchibo seien die Raritäten aber nicht zu sehen, weil der Massenmarkt aufgrund der begrenzten Rohstoffmenge nicht bedient werden könne.

Doch zurück ins Kaffeelabor von Cross-Coffee. Auch Oliver Kriegsch und Nils Nienstedt haben festgestellt, dass ihre Kunden bereit sind, höhere Preise zu zahlen und sich umsichtiger zeigen, wenn es um Kaffee geht. Dieser werde nicht mehr nur als Muntermacher heruntergestürzt, sondern bewusst genossen. „Ich rate den Leuten, sich mehr Zeit zu nehmen, und viele fragen nun schon nach einer speziellen Sorte“, sagt Kriegsch. Mittlerweile verschickt er seine Päckchen deutschlandweit. Von September 2013 bis Mitte 2014 hat Cross-Coffee seinen Umsatz nach eigenen Angaben verdoppelt – von 30 auf 60 Kilogramm im Monat – und seitdem bis heute noch einmal verdreifacht – von 60 auf 180 Kilogramm im Monat. Zurzeit stehen vier Sorten aus Peru, Kolumbien, Sumatra und Guatemala in den Regalen. Sie werden in kleinen Chargen geordert und frisch geröstet.

Vier Projektentwickler reisen weltweit durch die Gebiete und nehmen Kontakt zu den Bauern auf. „Unser Angebot bleibt nie gleich, wenn die Charge verbraucht ist, bieten wir neue Produkte an“, sagt Kriegsch. Vergänglichkeit ist also programmiert. Ende des Jahres wagt sich das Duo an Bohnen aus Thailand – ein Land, das nicht unbedingt als Rohkaffeeexporteur bekannt ist. Spitzenreiter war 2013 Brasilien, so vermeldeten es das Statistische Bundesamt und der Deutsche Kaffeeverband.

Komplett finanzieren kann Kriegsch seine Existenz noch nicht mit den Bohnen, dennoch sieht er optimistisch in die Zukunft. „Wir stehen noch am Anfang, wenn wir dazu beitragen, den Marktanteil des Spitzenkaffees in Deutschland zu erhöhen, der jetzt bei einem Prozent liegt, dann haben wir schon eine ganze Menge geschafft.“

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