Kommentar über gesunde Ernährung

Nur der Preis bringt es nicht

Beim Streben um eine gesündere Gesellschaft reicht es nicht aus, an der Mehrwertsteuer zu schrauben. Nötig wären Transparenz und Verpflichtungen für die Lebensmittelindustrie, findet Rebecca Sawicki.
21.02.2020, 08:26
Lesedauer: 3 Min
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Nur der Preis bringt es nicht
Von Rebecca Sawicki
Nur der Preis bringt es nicht

Die Verbraucherorganisation Foodwatch fordert eine Nullsteuer auf Obst und Gemüse.

Jens Büttner

Symbolisch betrachtet ist die Forderung von Foodwatch nach einem Null-Steuersatz auf Obst und Gemüse keine schlechte Idee. Die Verbraucherorganisation will damit gesunde und preiswerte Ernährung fördern. Trotz des Bio-Booms waren 2017 mehr als die Hälfte aller Erwachsenen in Deutschland übergewichtig: eine alarmierende Zahl.

Aktuell werden Obst und Gemüse, wie alle anderen Grundnahrungsmittel, mit dem verminderten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent besteuert. Fraglich ist allerdings, ob der Konsument zur Gurke greifen wird, nur weil diese mit einer Steuersenkung ein paar Cent günstiger wird.

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Vergleicht man die Lebensmittelkosten in den einzelnen EU-Ländern, liegt Deutschland im Mittelfeld. An zu hohen Preisen kann ungesunde Ernährung in der Bundesrepublik also nicht liegen. Vielmehr daran, dass Hersteller immer mehr Zucker, Salz und Fett in ihre Produkte schmuggeln, ohne diese eindeutig zu benennen. Der Laie steigt da nur selten wirklich durch.

Wie im bundesdeutschen Durchschnitt ist auch in Bremen jeder zweite Erwachsene zu dick. Das geht aus dem Landesgesundheitsbericht 2017 hervor. Die Fraktionen der SPD, der Grünen und der Linken fordern deshalb, dass sich das Land im Bundesrat für eine Zuckersteuer einsetzt. Dadurch sollen die Bürger animiert werden, sich gesünder zu ernähren.

Briten kaufen seltener gesüßte Getränke

Anders als in Großbritannien und Frankreich – dort gibt es eine Zuckersteuer bereits – soll die Abgabe nicht nur für gesüßte Getränke, sondern auch für alle anderen Nahrungsmittel mit übermäßig viel Zucker gelten. Laut einer aktuellen Studie der Oxford University kaufen die Briten seit der Steuereinführung seltener gesüßte Getränke. Gleichzeitig haben die meisten Brause-Hersteller auf den Inseln Zucker durch Süßstoff ersetzt. Die Preisspanne, die sich aus einer Kombination von Zuckersteuer und dem von Foodwatch geforderten Null-Steuersatz auf Obst und Gemüse ergeben würde, könnte tatsächlich Anreize schaffen, die Ernährung umzustellen.

Beim Streben nach größerem Gesundheitsbewusstsein reicht es allerdings nicht aus, an der Mehrwertsteuer zu schrauben. Nötig wären Transparenz und Verpflichtungen für die Lebensmittelindustrie. In Zeiten von Tiefkühlpizza und Currywurst für die Mikrowelle sind die Inhaltsstoffe von Nahrungsmitteln oft fragwürdig. Saccharose, Dextrose, Raffinose, Isoglucose, Maltose: Viele industrielle Dickmacher lassen sich auf den Etiketten finden. Daran würde auch eine Zuckersteuer nichts ändern. Vor allem nicht, wenn durch Rezepturänderungen nicht nur diverse „-osen“, sondern auch Süßstoffe angegeben werden müssen.

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Die Produzenten sollten verpflichtet werden, Inhaltsstoffe klar beim Namen zu nennen. Zur leichteren Verständlichkeit müsste eine solche Auflistung in Gruppen erfolgen: Zucker, Fett, Salz und so weiter. Um eine bessere Vergleichbarkeit von Lebensmitteln in den einzelnen Kategorien zu erreichen, muss außerdem die Lebensmittelampel „Nutri-Score“ verpflichtend eingeführt werden. Produzenten könnten dadurch animiert werden, ihre Rezepturen zu verändern, damit ihre Erzeugnisse in eine grüne Kategorie des Ampel-Systems gelangen.

Auch die Reduktions- und Innovationsstrategie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ist begrüßenswert. Bis 2025 sollen Fett, Zucker und Salz in Nahrungsmitteln reduziert werden. Wie auch bei der Nährwertkennzeichnung „Nutri-Score“ geschieht das bislang freiwillig.

Die Würze verstärken

Gleichzeitig wird an innovativen Produkten gearbeitet, die vollen Geschmack zugunsten der Gesundheit versprechen. Beispielsweise wird geforscht, wie man die Würze von Salz verstärken kann – dadurch müsste weniger verwendet werden als bisher.

Eine gesunde Ernährung entlastet das Gesundheitssystem. Der Gesetzgeber darf sich nicht länger auf Freiwilligkeit verlassen. Eine Reform der Mehrwertsteuer für Nahrungsmittel in Kombination mit Verpflichtungen für die Lebensmittelindustrie könnte ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sein.

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