Ohne Lehre ist der Wiedereinstieg in den Beruf für Langzeitarbeitslose besonders schwer. Gerade Bremen hat Probleme, den Betroffenen wieder einen Weg in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen.
Langzeitarbeitslos sind mehr als die Hälfte der insgesamt fast 22.000 Menschen ohne Beschäftigung. Viele von ihnen haben keine Berufsausbildung. Laut Susanne Ahlers, Geschäftsführerin des Jobcenters Bremen, trifft das auf mehr als 72,6 Prozent der Arbeitslosen in der Stadt Bremen zu.
„Damit liegen wir deutlich über dem Bundesdurchschnitt.“ Seit vier Jahren wächst der Anteil. In Deutschland liegt die Zahl laut Bundesagentur für Arbeit dagegen derzeit bei 60 Prozent.
Förderprogramme, in denen verschiedene Berufe praktisch und theoretisch ausprobiert werden können, sollen gegen diese Entwicklung ansteuern. Manchmal entsteht daraus ein Beschäftigungsverhältnis. Doch längst nicht alle seien dazu in der Lage, eine Berufsausbildung abzuschließen.
Keine guten Erfahrungen
„Wer keinen Abschluss hat, hat häufig keine guten Erfahrungen in Bezug auf Lernen, Ausbildung und Schule.“ Das Problem ist dabei laut Thorsten Spinn, stellvertretender Geschäftsführer der Behörde und Leiter des Bereichs Markt und Integration, gravierender als es die Zahl suggeriere.
Denn selbst wer eine Ausbildung habe, könne nicht immer sofort auch im Beruf arbeiten. „Wenn die Lehre lange zurückliegt, ist sie überholt.“
Um Langzeitarbeitslose in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wird das Jobcenter zum Jahresende mehr Geld als geplant ausgegeben haben: 50 Millionen Euro werden dann nach derzeitiger Schätzung in entsprechende Maßnahmen geflossen sein, in Praktika, Fortbildungen, Umschulungen und Coachings. Im Vergleich zum Vorjahr seien so 2000 Maßnahmen mehr begonnen worden: insgesamt 13.246.
Ungenutzte Bundesmittel
Doch klar ist schon jetzt, dass damit etwa 3,5 Millionen Euro Bundesmittel ungenutzt bleiben. Weil das Budget von insgesamt 53,5 Millionen Euro an das Jahr 2016 gebunden ist, steht es dem Jobcenter 2017 nicht mehr zur Verfügung. Ahlers: „Das sind wir los.“
Viel zu spät, erst im April, sei klar gewesen, dass die Mittel deutlich höher seien, als zunächst erwartet: Genau elf Millionen höher als 2015. „Wir brauchen einen längeren Vorlauf, um Maßnahmen überhaupt umzusetzen“, so Ahlers. Wegen der monatelangen Vorbereitung sei die Planung für 2017 schon abgeschlossen.
Die kurzfristige Erhöhung sei eine Ausnahme gewesen, um schnell mehr Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu bekommen. Fest stehe, dass der Etat 2017 erneut wachsen werde: auf 56 Millionen Euro. Dass Mittel verloren gingen, sei ein Problem aller Jobcenter, sagte Ahlers. Bremen habe die veränderte Lage besser in den Griff bekommen als im Bundesschnitt.
Kritik von Claudia Bernhard
Bereits im November war auf Anfrage der Linken an den Senat bekannt geworden, dass das Jobcenter Mittel in Millionenhöhe nicht verwenden wird. Darauf gab es Kritik von der arbeitsmarktpolitischen Sprecherin der Partei, Claudia Bernhard: Schon 2015 sei klar gewesen, dass der Etat wachsen werde.
Dass nun Mittel verloren gingen, sei „schändlich und indiskutabel“. Jobcenter-Chefin Ahlers hält nun dagegen: „Wir glauben, dass wir alles getan haben, um die Mittel zu nutzen. Natürlich ist das frustrierend.“
„Wir sind uns alle einig, dass das ärgerlich ist“, sagt auch Sybille Böschen, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der SPD in der Bremischen Bürgerschaft. „Es gibt einen Riesenbedarf. Viele haben ohne Maßnahme keine Chance.“ Sie kritisiert jedoch, dass sich das Budget nicht auf das Folgejahr übertragen lasse. „Da braucht es eine neue Regelung auf Bundesebene.“
Flüchtlinge sollen schneller Lehre anerkannt bekommen
Zudem müsse es leichter werden, eine Anerkennung für einen Beruf auch ohne deutschen Abschluss zu bekommen, sagt Böschen. Dazu liege ein entsprechender Antrag der CDU vor, der an diesem Donnerstag im Landtag diskutiert werde.
Sie sei sich sicher, dass auch SPD und Grüne dem Papier zustimmten. „Ich habe meine Kollegen überzeugen können. Wir müssen uns die Qualifizierung anders anschauen.“ Das sei vor allem für Flüchtlinge wichtig, die natürlich nicht über eine duale Ausbildung verfügten.
Das Jobcenter will ebenfalls, dass Flüchtlinge aufgrund ihrer Fähigkeiten schneller eine Lehre anerkannt bekommen. Im kommenden Jahr startet ein bundesweites Programm, das die beruflichen Kompetenzen von Flüchtlingen genauer ermitteln soll.
Ahlers beurteilt den Arbeitsmarkt kritisch
Monatlich steige die Zahl der Arbeitslosen um 400 Flüchtlinge, sagt Spinn. Schwierig sei, dass viele von ihnen noch gar keinen Integrations- oder Sprachkurs bekommen hätten. „Es fehlen Lehrkräfte, selbst wenn es genügend Mittel gibt.“ Das neue Programm solle deshalb auch mit Bildern funktionieren, um die Sprachbarriere zu überwinden.
Insgesamt beurteilt Susanne Ahlers den Arbeitsmarkt in Bremen kritisch. Es gebe 7000 freie Stellen bei 22.000 Arbeitslosen. Größer noch ist die Zahl der Jobsuchenden: 42.000 Menschen befinden sich in Maßnahmen oder müssen mit Hartz IV aufstocken.