„Charlie Hebdo“-Prozess Bis zu 30 Jahre Haft für Terror-Helfershelfer

Einer der Hauptbeschuldigten im Prozess um den islamistischen Terroranschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ ist zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt worden.
17.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Birgit Holzer

„Ihre Entscheidung wird geprüft, abgewägt, unter die Lupe genommen werden und als Maßstab dienen“, hatte Staatsanwältin Julie Holveck den fünf Mitgliedern des Pariser Spezial-Schwurgerichts bei ihrem Schlussplädoyer noch für ihre heikle Aufgabe mitgegeben, die diese am Mittwoch zu erfüllen hatten: Ein Urteil im Prozess um die Attentate auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt ­„Hyper Casher“ im Januar 2015 zu fällen, welche damals weltweite Bestürzung ausgelöst hatten.

Ein Urteil, das der Schwere der Taten, dem Leid der 17 getöteten Opfer, Überlebenden und Hinterbliebenen gerecht werden sollte – und zugleich den 14 Angeklagten. Abgesehen von den drei Abwesenden hatten alle vor Gericht ihre Unschuld und Ahnungslosigkeit beteuert. Ihre Anwälte warnten die Richter davor, „koste es, was es wolle“ Schuldige zu finden, um die Abwesenheit der Haupttäter auszugleichen. Diese starben damals bei Schusswechseln mit der Polizei. Vorgeworfen wurde den Angeklagten, ihnen logistisch und mit der Lieferung von Waffen, Autos oder Material geholfen zu haben.

In Abwesenheit angeklagt war unter anderem Hayat Boumeddiene, die Lebensgefährtin des Attentäters Amedy Coulibaly. Kurz vor den Taten war sie nach Syrien ausgereist, um sich dem selbst ernannten „Islamischen Staat“ (IS) anzuschließen, und wird noch immer in der dortigen Region vermutet. Sie erhielt wegen der Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung und der Finanzierung von Terrorismus eine 30-jährige Haftstrafe mit Sicherheitsverwahrung, ebenso wie der Franko-Türke Ali Riza Polat, für den die Staatsanwaltschaft eine lebenslängliche Haftstrafe gefordert hatte.

Dem Gerichtspräsidenten Régis de Jorna zufolge habe der 35-Jährige eine „besonders aktive und übergreifende“ Rolle gespielt und eindeutig von Coulibalys „dschihadistischem Engagement“ gewusst, ebenso wie andere Angeklagte, auf die der Attentäter sich gestützt hatte. Die übrigen Männer, die teils der Komplizenschaft bei terroristischen Attentaten schuldig gesprochen wurden, müssen zwischen vier und 20 Jahre hinter Gitter. Eine lebenslängliche Gefängnisstrafe erhielt Mohamed Belhoucine, der als religiöser Mentor Coulibalys galt und in Abwesenheit verurteilt wurde, während sein Bruder Mehdi einen Freispruch erhielt; von beiden wird vermutet, dass sie in Syrien ums Leben gekommen sind.

So ging ein Mammut-Prozess zu Ende, der als einer der wenigen in der französischen Justizgeschichte für die Archive gefilmt wurde. Zu dessen Beginn im September hatte „Charlie Hebdo“ erstmals seit mehr als fünf Jahren wieder eine Karikatur des Propheten Mohammed auf dem Titel veröffentlicht. Drei Wochen später verletzte ein Islamist mit einem Fleischerbeil zwei junge Leute schwer, die zufällig vor dem früheren Gebäude von „Charlie Hebdo“ standen.

Ihm war entgangen, dass die Redaktion längst umgezogen war. Wenig später enthauptete ein weiterer Attentäter den Geschichtslehrer Samuel Paty, der Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt hatte. Es folgte ein islamistischer Anschlag auf die Basilika von Nizza mit drei Toten. Die neuerlichen Terrorverbrechen belasteten die Verhandlungen.

Etwa 200 Zivilkläger gab es. Rund 150 Experten und Zeugen traten auf, unter ihnen Hinterbliebene und Überlebende. So berichtete die Karikaturistin Corinne Rey alias Coco, wie die Brüder Saïd und Chérif Kouachi sie mit Waffengewalt zwangen, ihnen Zugang zu den abgesicherten Redaktionsräumen zu verschaffen. „Ich war in diesem Moment bereit zu sterben“, sagte sie. Zwar wurde sie verschont – doch schwere Schuldgefühle blieben.

Innerhalb von wenigen Minuten erschossen die Terroristen elf Menschen, verletzten vier schwer und töteten anschließend noch einen Polizisten auf der Straße, bevor sie die Flucht ergriffen. Diese fand zwei Tage später in einer Druckerei nördlich von Paris ihr Ende. Später bekannte sich die Terrororganisation Al-Quaida zu dem Anschlag, während sich der dritte Attentäter Coulibaly in einem vorab aufgezeichneten Bekennervideo auf den IS berief.

Coulibaly war mit den ihm bekannten Kouachi-Brüdern in Verbindung gestanden, der an den beiden Folgetagen nach deren Anschlag eine Polizistin in einem Pariser Vorort erschoss und im „Hyper Casher“ vier Menschen tötete.

Die Witwe des ermordeten Philippe Braham, Valérie Braham, erzählte mit Bitterkeit, wie sie ihren Mann noch ausschimpfte, weil er Produkte auf der Einkaufsliste vergessen hatte. Ihr zuliebe ging er nochmals los – und kam nie zurück. Kunden berichteten, wie sie während der vier Stunden dauernden Geiselnahme in einem Kühlraum versteckt ausharrten.

Beim Prozess ging es zum einen darum, all den Betroffenen eine Stimme zu geben, ihr Leid anzuerkennen. Aber es ging eben auch um die konkrete Mitverantwortung der Helfershelfer. Staatsanwältin Holveck sagte, wichtig sei, „die Lebenden für Fehler zu bestrafen, die den Toten das Morden ermöglicht haben“.

Info

Zur Sache

Islamistische Terroranschläge in Frankreich seit 2015

Nizza, Oktober 2020: Bei einer Messerattacke in einer Kirche werden drei Menschen getötet. Der Täter, der aus Tunesien stammen soll, wird von Polizisten und festgenommen.

Paris, Oktober 2020: Ein Attentäter enthauptet den Geschichtslehrer Samuel Paty in einem Vorort auf offener Straße. Der Täter mit russisch-tschetschenischen Wurzeln wird von der Polizei getötet.

Paris, September 2020: Vor dem früheren Sitz von „Charlie Hebdo“ werden zwei Journalisten mit einem Messer verletzt. Der Tatverdächtige soll als Motiv die Veröffentlichung von neuen Mohammed-Karikaturen durch das Satiremagazin angegeben haben.

Villejuif, Januar 2020: Südlich von Paris greift ein zum Islam konvertierter Mann wahllos Menschen mit einem Messer an. Ein Opfer stirbt. Die Polizei erschießt den Täter.

Paris, Oktober 2019: Ein Polizeibeamter tötet vier seiner Kollegen, bevor er sich selbst erschießt. Die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft hat Hinweise auf ein terroristisches Motiv.

Straßburg, Dezember 2018: Auf dem Weihnachtsmarkt tötet ein Angreifer fünf Menschen. Er wird später selbst getötet.

Nizza, Juli 2016: Am französischen Nationalfeiertag rast ein Attentäter mit einem Lkw in eine Menschenmenge. Es gibt 86 Tote.

Paris, November 2015: Bei einer Anschlagsserie ermorden Islamisten 130 Menschen, die meisten in der Konzerthalle Bataclan.

Lyon, Juni 2015: In einem Industriegas-Werk will ein Islamist eine Explosion herbeiführen, wird aber überwältigt. Er hatte zuvor seinen Chef enthauptet.

Paris, Januar 2015: Bei Attentaten auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt sterben 17 Menschen.

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