Älter werden in Bremen und Niedersachsen Pflegeheim wird zum Auslaufmodell

Bremen/Hannover . Die demografische Entwicklung zeigt es schon lange: Künftig wird es in Deutschland immer mehr ältere und pflegebedürftige Menschen geben. Die gesundheitliche Versorgung und der Bau von Pflegeheimen ist bereits heute ein gutes Geschä
30.04.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Julia Basic

Bremen/Hannover . Die demografische Entwicklung zeigt es schon lange: Künftig wird es in Deutschland immer mehr ältere und pflegebedürftige Menschen geben. Die gesundheitliche Versorgung und der Bau von Pflegeheimen ist bereits heute ein gutes Geschäft für Investoren. Experten warnen aber vor einer Fehlentwicklung auf dem Pflegemarkt und fordern den Ausbau alternativer Modelle.

Bremen·Hannover. In Bremen gibt es derzeit knapp 20000 Pflegebedürftige. Nur ein Viertel davon wird in stationären Einrichtungen versorgt. Dagegen lebt in Niedersachsen ein Drittel der 256000 Pflegebedürftigen in Heimen. Diese Zahlen gehen aus der jüngsten Pflegestatistik des Jahres 2009 hervor. Die statistischen Ämter des Bundes und der Länder rechnen vor, dass zwischen den Jahren 2010 und 2030 der Anteil der 60- bis 70-Jährigen um gut 25 Prozent wächst, der Anteil der 90-Jährigen und Älteren um 157 Prozent zunimmt.

Investoren begründen mit diesen Zahlen den Bau neuer Pflegeheime. "Es wird niemals genügend Fachkräfte für die stationäre Versorgung geben. Das klassische Pflegeheim ist ein Auslaufmodell", sagt Alexander Künzel, Chef der Bremer Heimstiftung. Diese Annahme bestätigt Stefan Görres, Direktor des Instituts für Public Health und Pflegeforschung (IPP) an der Uni Bremen. "Wir haben jetzt eine Generation von Alten, die ihren Lebensabend nicht mehr in einem klassischen Altenheim verbringen will. Sie möchten weiterhin aktiv sein und sich ihre Lebensqualität erhalten", sagt Görres. Darauf würden sich die Anbieter nach und nach einstellen. "Es gibt Bemühungen, den Alten eine Alternative in ihrer gewohnten Umgebung anzubieten." Auch Görres ist der Meinung, dass die Pflegebedürftigkeit und vor allem die Zahl der Demenzkranken zunehmen wird. "Ein hohes Maß an intensiver Pflege muss nicht zwangsweise mit einem Heim verbunden sein." Der technische Fortschritt und die medizinische Forschung ermöglichten es schon jetzt, Schwerstpflegebedürftige zu Hause zu versorgen.

In Bremen gibt es derzeit laut Sozialbehörde etwa 1000 freie stationäre Pflegeplätze. Die Belegungsrate von Heimen und anderen Pflegeeinrichtungen liegt bei 84 Prozent. Auch in Niedersachsen zeigt der Trend bei den stationären Pflegeeinrichtungen nach oben: Gab es im Jahr 2001 knapp 74000 verfügbare Plätze, waren es 2009 bereits rund 96116. Somit ist die Zahl der freien Plätze in stationären Pflegeeinrichtungen von 8000 auf über 10000 gestiegen.

Alexander Künzel glaubt den Grund für die vielen freien Plätze zu kennen: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen im Alter lieber in ihrer gewohnten Umgebung bleiben, wo sie ein Netzwerk aufgebaut haben und sich gegenseitig unterstützen. In einem Heim herrscht doch eher eine allgemeine Entfremdung." Eine Fehlentwicklung ist für Künzel der Spekulationsboom in der Baubranche. "Pflege ist zu einem rentablen Geschäft geworden", kritisiert er. Dabei zeigt der jüngste Pflegequalitätsbericht, den die Krankenkassen in der vergangenen Woche veröffentlicht haben, dass das Pflegepersonal oft überfordert ist und Hunderttausende Heimbewohner unter den Bedingungen leiden.

"Es gibt noch Bedarf"

In Woltmershausen plant die Unternehmensgruppe Casa Reha derzeit ein neues Pflegeheim mit 137 Betten. "Wir haben das Gebiet genau geprüft und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es dort noch Bedarf an stationären Pflegeplätzen gibt", sagt Ralf Krenzin, Sprecher von Casa Reha. "Es mag sein, dass in Bremen derzeit viele Plätze unbelegt sind. Aber Menschen aus Woltmershausen wollen im Alter nicht unbedingt nach Vegesack gehen." Casa Reha hält es für wichtig, Pflegeheime zu bauen, weil weiterhin Nachfrage bestehe.

Bisher sei Woltmershausen mit Heimplätzen unterversorgt, sagt Martin Stöver von der Bremer Heimaufsicht. "Aber 50 bis 60 neue Plätzen würden reichen. Mit einer 137-Betten-Einrichtung haben wir eine Überversorgung." Den Neubau sieht er deshalb kritisch. Die Heimstiftung baut nach Künzels Worten bereits seit zehn Jahren keine neuen Heime mehr. "Wir sollten viel mehr durch konsequente Prävention und Rehabilitation auf die Vermeidung von Pflege setzen", sagt Künzel. Dafür müssten die Kommunen seiner Meinung nach wieder mehr Verantwortung übernehmen. Das fordert auch Stefan Görres. "In der Vergangenheit hat Bremen viel Verantwortung für die Pflegeheime abgegeben. Hätte die Stadt mehr eigene Heime gebaut, könnte man die Zahl der Plätze besser kontrollieren."

Die Bremer Sozialbehörde könne den Heimneubau allerdings nicht so einfach regulieren, sagt Bernd Schneider, Sprecher der Sozialsenatorin. "Unsere Experten können zwar darauf hinweisen, dass Bremen überversorgt ist. Aber da das Land nicht an den Investitionskosten beteiligt ist und keine Zuschüsse zahlt, können wir nicht in den Bau von Altenheimen eingreifen."

Auch aus niedersächsischer Sicht ist an der Überversorgung nichts zu ändern. "Solange wir Überkapazitäten sehen und somit die Versorgung der Pflegebedürftigen gesichert ist, haben wir überhaupt keine Maßgabe, etwas zu tun", sagt die Sprecherin des Sozialministeriums, Heinke Traeger. Regulierungen nach unten blieben dem Markt und der Konkurrenz der Anbieter überlassen. Das Land würde erst tätig, wenn sich eine Unterversorgung abzeichnete.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+