Nach dem Tod mehrerer Frühchen in Bremen Politiker beschäftigen sich mit Klinikskandal

Bremen. Die Bremer Politik wird sich heute intensiv mit dem Tod mehrerer Frühchen im Klinikum Mitte beschäftigen. Zunächst wird der von Bürgerschaft eingesetzte Untersuchungsausschuss tragen, später kommt dann die Gesundheitsdeputation zusammen.
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Politiker beschäftigen sich mit Klinikskandal
Von Matthias Lüdecke

Bremen. Die Bremer Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen im Fall der tödlich erkrankten Frühgeborenen im Klinikum Bremen Mitte ausgeweitet. Bislang hatte sie die Umstände untersucht, die bei drei Frühchen im August und im Oktober zur tödlichen Infektion geführt hatten. Jetzt untersucht sie noch drei weitere Fälle, einen davon aus dem Jahr 2010. Zudem wird nicht mehr gegen unbekannt ermittelt. Der fristlos entlassene Chefarzt Hans-Iko Huppertz ist inzwischen Beschuldigter.

Die Staatsanwaltschaft hat Hinweise darauf, dass noch drei weitere Kinder auf der Frühgeborenen-Intensivstation im Klinikum Bremen Mitte an einem Keim gestorben sind. Das erklärte ihr Sprecher, Frank Passade, gestern auf Nachfrage. Dabei handele es sich um Todesfälle im März und Juli dieses Jahres sowie einen Fall aus dem Jahr 2010. Auf die Fälle aufmerksam geworden waren die Ermittler auch durch betroffene Eltern. Nach ersten Erkenntnissen hätten alle drei Kinder Klebsiella-Keime in sich getragen. Um welche Unterart des Keims es sich handele, sei aber noch nicht bekannt.

Der Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) wies gestern Vermutungen über einen Zusammenhang mit den bisher bekannten drei tödlich erkrankten Frühchen zurück. Auf der Frühgeborenen-Intensivstation des Klinikums Mitte waren seit April immer wieder Kinder mit multiresistenten Klebsiella-Bakterien in Kontakt gekommen. Bei 23 Kindern konnte dieser Keim nachgewiesen werden. Neun von ihnen erkrankten daran. Im August und Oktober starben dann ein Mädchen und zwei Jungen. Wie die Kinder in Kontakt mit den Keimen gekommen sind, ist immer noch unklar. Ein Bericht von Experten des Robert-Koch-Instituts liegt noch nicht vor.

„Aus unserer Sicht bleiben es in diesem Zusammenhang drei tote Kinder“, erklärte Geno-Sprecherin Karen Matiszick. Der im Juli gestorbene Säugling habe den Keim zwar in sich getragen, sei aber nicht daran erkrankt. Das Kind sei an einer Hirnblutung gestorben. Diesen Fall hatten Geno-Geschäftsführer Diethelm Hansen und Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) bereits am 10. November bei einer Pressekonferenz öffentlich gemacht. Die beiden anderen Todesfälle seien ebenfalls unabhängig von der Infektionswelle zu betrachten, erklärte Matiszick. Ein Kind habe eine andere Unterart des Klebsiella-Keims in sich getragen, beim anderen sei der Erreger nach jetzigem Kenntnisstand nicht nachgewiesen worden.

Die Staatsanwaltschaft bestätigte gestern zudem, dass der ehemalige Chefarzt der Frühgeborenen-Intensivstation sowie der Professor-Hess-Kinderklinik, Hans-Iko Huppertz, inzwischen offiziell als Beschuldigter gilt. Bislang hatte sie wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung gegen unbekannt ermittelt. Huppertz nun sei der Erste, gegen den namentlich ermittelt werde.

Die Auswertung der im Verlauf der bisherigen Untersuchungen beschlagnahmten Unterlagen habe einen Anfangsverdacht ergeben, erklärte Frank Passade – und bestätigte, dass die Staatsanwaltschaft gestern Akten aus Huppertz ehemaligem Dienstzimmer im Klinikum Bremen Mitte sowie seiner Wohnung habe beschlagnahmen lassen. Die Ermittlungengingen aber auch weiterhin in alle Richtungen. Ob in der Folge der Personenkreis der Beschuldigten noch größer werde, sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehbar.

Die Geno hatte Hans-Iko Huppertz am 15. November fristlos entlassen. Sie wirft ihm vor, den Ausbruch der Infektionswelle nicht rechtzeitig erkannt zu haben. Die Entlassung hatte zu einer Protestwelle geführt. Fachverbände, ehemalige Patienten sowie Kollegen aus Bremen und dem Umland hatten sie kritisiert und eine Wiedereinstellung des Mediziners gefordert. Die Geno jedoch blieb bei ihrer Einschätzung, Huppertz habe die Situation falsch bewertet und deshalb Krankenhausleitung und Behörden zu spät informiert.

Das Klinikum hatte erst am 7. September das Gesundheitsamt über den Keimausbruch in Kenntnis gesetzt. Aus einer internen E-Mail geht hervor, dass Huppertz auch zu diesem Zeitpunkt zunächst noch keine Informationspflicht sah (wir berichteten). Das Amt wiederum informierte erst nach dem Tod des dritten Babys am 27. Oktober die Gesundheitssenatorin. Erst danach wurde das Robert-Koch-Institut verständigt. Die Station wurde in der Folge geschlossen und wird seitdem desinfiziert. Von allen Mitarbeitern, die Kontakt zu den Frühchen hatten, wurden Abstriche genommen, um zu klären, ob einer von ihnen den Keim auf die Babys übertragen hat.

Auf einer Sondersitzung der Gesundheitsdeputation soll Diethelm Hansen heute Nachmittag die Ergebnisse dieser Personal-Untersuchung vorstellen. Außerdem wird er Stellung zur Personalausstattung der Frühchenstation nehmen. Wie berichtet, hatten Oberärzte und Pflegepersonal in einem Brief an Hansen im August eine personelle Unterbesetzung auf der Station beklagt. Auch Huppertz soll im Frühjahr eine Aufstockung des Personals gefordert haben.

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