Prozess um Harms am Wall

Prozessbesucher empört über schlechte Akustik

Prozessbesucher fühlen sich beim Harms-Prozess durch die schlechte Akustik im Gerichtssaal ausgeschlossen. Dem Gericht ist das Problem bekannt.
18.08.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Prozessbesucher empört über schlechte Akustik
Von Jürgen Hinrichs
Prozessbesucher empört über schlechte Akustik

Der Saal 218 im Landgericht ist eine Pracht, birgt aber große akustische Probleme.

Cora Sundmacher

Prozessbesucher fühlen sich beim Harms-Prozess durch die schlechte Akustik im Gerichtssaal ausgeschlossen. Dem Gericht ist das Problem bekannt.

Vorne im Saal spricht ein Zeuge der Kriminalpolizei. Er berichtet von seinen Eindrücken und Erkenntnissen, die er bei der Untersuchung der Brandruine von Harms am Wall gewonnen hat. Eindeutig Brandstiftung, sagt er, und zählt die Beweise auf. Bei den Richtern kommt davon alles an, bei Verteidigung und Staatsanwaltschaft auch, nur die Zuhörer auf den voll besetzten Bänken hinten im Saal verstehen nichts oder allenfalls Bruchstücke. Keine Kleinigkeit, denn unter solchen Umständen dürfen Prozesse eigentlich nicht stattfinden.

Wie stets im Saal 218 war die Akustik auch am Montag, am dritten Tag des Harms-Prozesses, eine Katastrophe. Die Öffentlichkeit ist zugelassen, wird faktisch aber ausgeschlossen, weil man zwar etwas sehen kann, aber nur wenig hören. Dem Gericht ist das Problem bewusst. „Sollte es schlimmer werden, müssen wir den Saal sperren“, sagt Behördensprecher Thorsten Prange.

Die Folge: Weil im Landgericht zurzeit viele große Fälle verhandelt werden und der Platz ohnehin knapp ist, könnte es sein, dass manche Sitzungen künftig am Abend stattfinden oder an den Wochenenden. „Ich würde es so machen“, erklärt Prange, der selbst als Vorsitzender Richter Hauptverhandlungen leitet.

Empörung im Gerichtssaal

Beim Harms-Prozess reagierten die Besucher zunächst mit Kopfschütteln und gelindem Ärger. Mehr und mehr steigerte sich das aber zur Empörung. Dafür waren sie nicht gekommen, um das Prozessgeschehen letztlich nicht verfolgen zu können. Eine Frau geriet dermaßen in Rage, dass sie ­zischend den Saal verließ und beim Hinausgehen die Tür zuknallte. Das war dann mal sehr gut zu hören. Andere Besucher wollten sich am Ende des Prozesstags beschweren, drangen damit aber nicht durch.

Das Gericht war sich offenbar nicht bewusst, dass hinten im Saal nur wenig ankam. Als die Mikrofonanlage schließlich komplett ausfiel, wurde das gar nicht bemerkt. Richter, Staatsanwalt, Verteidiger, Zeugen und die beiden Angeklagten verstanden sich ja auch so. In anderen Prozessen, beim Stolberg-Verfahren zum Beispiel, wird das Dilemma dagegen offen thematisiert. Das Gericht fordert die Zuhörer regelmäßig auf, sich zu melden, wenn sie nichts verstehen. Und so geschieht es auch: „Frau Vorsitzende, wir hören nichts!“

Gerichtshaus steht unter Denkmalschutz

Im Saal 218, schönster und größter Saal im 120 Jahre alten Gerichtshaus an der Domsheide, müssen alle dort neben den Übeln der Akustik auch noch eine besondere Lärmquelle aushalten. Es sind die Straßenbahnen, die direkt am Gebäude vorbeirumpeln und nicht nur Krach verursachen, sondern auch Erschütterungen. Während der Verhandlungen eines der Fenster zu öffnen, verbietet sich, frische Luft gibt es nur in den Pausen.

Weil das Haus unter Denkmalschutz steht, darf an den Fenstern nichts gemacht werden. An den einzelnen Sälen sowieso nicht. Im Saal 231, wo am Mittwoch im Beluga-Verfahren wieder der Ex-Reeder Niels Stolberg auf der Anklagebank saß, kann die Mikrofon- und Lautsprecheranlage so gut sein wie sie will – solange der Schall wegen der glatten Wände nirgendwo geschluckt wird, bleibt die Akustik ein Problem. „Als der Vorschlag kam, die Wände zu verschalen, musste der Denkmalpfleger wiederbelebt werden“, erzählt Prange im Scherz.

Grundsatz der Öffentlichkeit

Sehr ernst ist es dem Richter, wenn er von dem gesetzlich verbrieften Grundsatz der Öffentlichkeit in Gerichtsverfahren spricht: „Jeder muss alles hören können.“ Das diene der Transparenz und letztlich auch der Kontrolle in den Verhandlungen. „Die Bürger müssen darauf vertrauen können, dass die Rechtspflege funktioniert.“

Sollten wesentliche Teile eines Prozesses akustisch untergehen, könne dies für die Beteiligten des Verfahrens sogar ein Grund sein, in Revision zu gehen. Und nebenbei, so Prange, verschlechtere es die Stimmung im Saal, wenn nicht verständlich verhandelt werden kann. „Wenn ich bei einem Zeugen nachfragen muss, weil ich ihn akustisch nicht verstanden habe, könnte er meinen, ich würde ihm nicht glauben.“

Seit zwei Jahren gibt es die Klagen der Richter speziell über die Zustände im Saal 218, berichtet der Sprecher. Die technischen Anlagen seien vollkommen veraltet, reichten nicht aus und würden immer wieder ausfallen. Alle Versuche, sie zu reparieren oder den Ton neu auszupegeln, hätten nichts gebracht. „Es wurde daraufhin beschlossen, etwas Neues anzuschaffen.“ Die Kosten: rund 35 000 Euro. Das war im November 2014, doch passiert ist seitdem nichts.

Vor Ende des Jahres keine neue Kostenschätzung

„Wir hatten Pech. Mal gab es keinen Haushalt, mal eine Haushaltssperre.“ Das Projekt zog sich nach Darstellung von Prange so lange hin, dass die alten Kostenschätzungen Makulatur wurden und neue angestellt werden mussten. Mittlerweile gebe es von der städtischen Gebäudeverwaltung Signale, dass es vor Ende des Jahres auf keinen Fall klappen könne.

Im Harms-Prozess, der voraussichtlich wieder in Saal 218 stattfindet, tritt am Freitag eine Lippenleserin auf. Sie hat sich ein Video mit den Angeklagten angesehen und stellt quasi den Ton an, indem sie Wort für Wort die Unterhaltung der beiden Männer wiedergibt. Eine Kunst, die in solchen Fällen hilft, und zurzeit vielleicht die einzige Möglichkeit ist, im Gerichtssaal alles mitzubekommen.

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