Zeitarbeit für Weltraumingenieure Raumfahrt ist auch Frauensache

Raumfahrt ist wie kaum eine andere Branche eine Männerdomäne. Insofern überrascht es Claudia Kessler wenig, wenn sie von Journalisten meistens gleich zu Beginn des Gesprächs auf dieses Thema angesprochen wird.
13.01.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Raumfahrt ist wie kaum eine andere Branche eine Männerdomäne. Insofern überrascht es Claudia Kessler wenig, wenn sie von Journalisten meistens gleich zu Beginn des Gesprächs auf dieses Thema angesprochen wird.

Claudia Kessler ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied von HE Space, einem Personaldienstleister für die Raumfahrtindustrie mit Hauptsitz in Bremen. Die Hälfte ihrer Ingenieure ist weiblich. Zum Vergleich: Bei Airbus Defence and Space in Bremen liegt der Frauenanteil in den Teams bei knapp zehn Prozent – ein branchenüblicher Wert.

Nervig werde das Thema Frauenquote, wenn es ausschließlich darum gehe, so Kessler: „Schließlich verdienen wir nicht mit der Frauenquote unser Geld, sondern mit Kontinuität in der Qualität unserer Leistung.“ Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten auf Leihbasis quasi bei allen großen Raumfahrtprojekten mit, die in Deutschland und Europa von Bedeutung sind – etwa bei Airbus in der Entwicklung der Ariane-Trägerraketen, beim Bremer Raumfahrtunternehmen OHB für den Aufbau des europäischen Satelliten-Navigationssystems Galileo, bei der Ausbildung von Astronauten im Europäischen Astronautenzentrum in Köln oder für Eumetsat, der europäischen Organisation für die Nutzung meteorologischer Satelliten mit Sitz in Darmstadt, wo HE Space neben München und Noordwijk in den Niederlanden einen weiteren Standort hat.

Der Erfolg von HE Space lässt sich auch an Zahlen festmachen: Als Claudia Kessler 2004 bei dem Dienstleistungsunternehmen anfing – vorher war sie unter anderem beim Airbus-Vorgänger Astrium beschäftigt – lag die Zahl der Beschäftigten bei 37, im vergangenen Jahr waren es 181.

Hoher Frauenanteil als Erfolgsfaktor

Der hohe Frauenanteil bei HE Space sei aber sicherlich auch einer der Erfolgsfaktoren, so Kessler, die Luft- und Raumfahrt an der TU München studiert hat. Dabei gehe es nicht darum, ob weibliche Ingenieure besser seien als männliche, sondern darum, „dass Frauen einfach einen anderen Blick auf Problemstellungen haben und andere Lösungsansätze finden als Männer – wer das nutzt, ist klar im Vorteil“, ist die Geschäftsführerin überzeugt. Ideal sei ein gemischtes Team, in dem Männer und Frauen auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Dieser Mix eröffne viel mehr Perspektiven und Lösungen, weil aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln auf das Problem geguckt werde.

So hat sich Airbus Defence and Space in Bremen zum Ziel gesetzt, den Frauenanteil auf mindestens 20 Prozent zu erhöhen. Allerdings sei das nicht so einfach, sagt Sprecherin Kirsten Leung: Es gebe in Deutschland einfach zu wenig Frauen, die ein entsprechendes Ingenieurstudium haben. Dass der Frauenanteil bei HE Space so hoch ist, liegt laut Claudia Kessler daran, dass „wir von Anfang an Wert darauf gelegt haben, dass sich Frauen bei uns gut aufgehoben fühlen. Wir geben den Frauen eine Menge Support, mehr als das Männer tun können, etwa bei der Kinderbetreuung, Möglichkeiten für Home-Office oder bei der Wohnungssuche.“

Wie wichtig solche Dinge sind, weiß sie als Mutter einer inzwischen 18-jährigen Tochter aus eigener Erfahrung. Das seien auch nicht immer messbare Dinge. Und so etwas spreche sich in der Branche herum. „Wir sind eine vergleichsweise kleine Community, viele unserer weiblichen Ingenieure kommen vor allem aus dem Ausland.“ Nicht alles, beispielsweise wenn es um sehr flexible Arbeitszeiten gehe, finde sich beim Auftraggeber wieder, „aber unsere positiven Erfahrungen gebe ich an sie weiter“, so die Geschäftsführerin. Und auch bei denen habe sich in diesem Zusammenhang in den vergangenen Jahren einiges getan.

"Gegockel auf Dauer sehr anstrengend"

Dass das Unternehmen generell eine mitarbeiterorientierte Philosophie pflege, liege auch an den beiden NASA-Veteranen Scott Millican und Mike Hernandez, die unter anderem die Astronauten für die amerikanischen Apollo-Programme mit ausbildeten: Sie gründeten 1982 die Hernandez Engineering Space Company in Houston und ein Jahr später die Hernandez Engineering GmbH in Deutschland. „Das Unternehmen arbeitet nach dem Grundsatz: Der Mitarbeiter als Mensch ist uns wichtig“, so Kessler, die 2009 das komplette operative Europa-Geschäft von Scott Millican übernahm. Der heute 75-Jährige ist nach wie vor in der Holding tätig und lebt nun in den Niederlanden.

Dass sie Geschäftsführerin einer Leiharbeitsfirma ist, hält sie für unproblematisch. „In Entwicklungsphasen benötigen Industrieunternehmen nun mal mehr Ingenieure – das war schon immer so, und diesen Bedarf decken wir ab.“ Abgesehen davon habe beispielsweise Airbus in den vergangenen Jahren etwa „70 Mitarbeiter von uns übernommen oder es kommen Mitarbeiter aus Festanstellungen zu uns, die ihren beruflichen Horizont und damit ihre Karrierechancen erweitern wollen“.

Dass sie sich generell für mehr Frauen in Ingenieurberufen in der Raumfahrt einsetzt, liegt an ihren Erfahrungen mit der Branche. Männer seien häufig sehr darauf fixiert, sich selber darzustellen. „Ich beschreibe dieses Verhalten auch als Gegockel – und das kann auf Dauer sehr anstrengend sein.“ Hinzu komme, „dass der Beruf sehr spannend und abwechslungsreich ist, und ich glaube, dass viele Frauen sich gar nicht bewusst sind, welche Möglichkeiten sie in der Branche haben können.“ Ein Grund, weshalb sie 2009 zusammen mit der damaligen Esa-Direktorin Simonetta Di Pippo die Plattform Women in Aerospace Europe gründete. Der Verein hat inzwischen über 300 Mitglieder in 30 Ländern – „eine gute Möglichkeit zum Austausch und zum Vernetzen“, so Kessler, die auch Vorsitzende des Vereins ist.

Hohe Einstiegsgehälter

In vielen anderen europäischen Ländern entscheiden sich mehr Frauen für ein Ingenieurstudium als in Deutschland. Aus Sicht von Claudia Kessler liegt das unter anderem daran, „dass es für Frauen im Ausland eine größere Rolle spielt, ihren Lebensstandard zu verbessern“. Und das sei eben durch ein abgeschlossenes Ingenieurstudium mit in der Regel hohen Einstiegsgehältern möglich.

Sie selber war schon von klein auf von der Raumfahrt begeistert. „Ich soll nach der Mondlandung gesagt haben, dass ich auch mal zum Mond oder ins Weltall möchte“, so die 51-Jährige. Auch wenn sie das nicht geschafft hat – als die Esa in den 80er-Jahren Astronauten suchte, war sie mit ihrem Studium noch nicht fertig –, war und bleibt Raumfahrt ein Schwerpunkt in ihrem Leben.

Und der Traum von einem Weltraumflug ist immer noch da

– nur etwas anders gelagert: „Es gab bisher elf deutsche Astronauten, jetzt sollte eine Frau an der Reihe sein.“ Das würde Aufmerksamkeit schaffen und könnte für viele junge Frauen in Deutschland die Initialzündung sein, doch ein Ingenieurstudium aufzunehmen.

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