Exportumsätze gehen massiv zurück Russland-Sanktionen treffen Bremen

Die EU-Sanktionen gegen Russland treffen die norddeutsche Wirtschaft härter als den Rest des Landes. Das hat eine Analyse der IHK Nord ergeben.
09.09.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Katharina Frohne

Die EU-Sanktionen gegen Russland treffen die norddeutsche Wirtschaft härter als den Rest des Landes. Das hat eine Analyse der IHK Nord, der Arbeitsgemeinschaft der zwölf norddeutschen Industrie- und Handelskammern, ergeben.

Um 47 Prozent gingen demnach die norddeutschen Exporte seit der Einführung der Sanktionen im März 2014 zurück, im Bundesdurchschnitt waren es 37 Prozent. Auch die Bremer Wirtschaft verzeichnet Einbußen in einer Größenordnung von rund 50 Prozent.

„Der wertmäßige Export ist von rund 500 Millionen Euro im Monat auf die Hälfte geschrumpft und hat sich ab April 2015 bei knapp über 200 Millionen Euro eingependelt“, sagt Fritz Horst Melsheimer, Vorsitzender der IHK Nord und Präses der Handelskammer Hamburg. Das entspreche ungefähr dem Niveau in der Finanzkrise 2009. Auch die russischen Gegensanktionen, die westliche Agrarprodukte und Lebensmittel betreffen, haben für den Norden besonders schwere Folgen. Um 100 Prozent ging die Ausfuhr von Fischen und Fischerzeugnissen zurück, 75 Prozent sind es bei Getränken.

Auch die Bremer Einbußen sind massiv. Knapp 40 Millionen Euro monatlich wurden noch 2014 über den Export nach Russland erwirtschaftet, im Januar 2016 war es nur noch knapp die Hälfte. Wie Zahlen der Handelskammer Bremen belegen, hatte etwa der Kaffeeexport zwischen Januar und November 2014 rund 20 Millionen Euro eingebracht, im gleichen Zeitraum des Folgejahres waren es nur noch gut zehn Millionen. Auch bei Autos und Wohnmobilen haben sich die Einnahmen halbiert, von 238 im Jahr 2014 auf 121 Millionen Euro 2015.

"Bremer Unternehmen haben sich arrangiert"

Andreas Hoetzel, Pressesprecher des Bremer Logistikunternehmens BLG Logistics, kann diese Entwicklung bestätigen. Die Strafmaßnahmen gegen Russland hält er aber weniger für die Ursache des Geschäftsrückgangs: „Wir leiden nicht unter den Sanktionen, sondern unter einer schwachen russischen Binnenkonjunktur.“ Die sei schon lange vor März 2014 ein Problem gewesen. In der Zeit der Sanktionen hat sich die Kaufkraft allerdings auch nicht nennenswert erholt.

Einen direkten Zusammenhang zwischen zurückgehenden Aufträgen und den Strafmaßnahmen gegen Russland sieht dagegen Dominik Brunner, Geschäftsführer der Lloyd Dynamowerke (LDW). Der Motorenbauer selbst ist zwar „glücklicherweise nicht massiv direkt betroffen“, sagt Brunner. „Wir wissen aber von manchen unserer europäischen Kunden, dass sie zweistellige Einbrüche hatten.“ Das blieb auch für LDW nicht folgenlos: Die Aufträge sind in der Zeit der Sanktionen um drei bis fünf Prozent zurückgegangen. Für Brunner ist das eine Folge der Auftragskrise seiner Kunden.

Es zeigt sich aber auch, dass viele Unternehmer seit Beginn der Sanktionierung nicht untätig waren. „Viele betroffene Bremer Unternehmen haben sich mit der Situation arrangiert“, sagt Annabell Girond, stellvertretende Leiterin im Geschäftsbereich International der Handelskammer Bremen. „Ich bekomme keine Anrufe von verzweifelten Unternehmern“, kommentiert sie die aktuelle Lage. „Der Anfang war natürlich schwierig und kompliziert.“

Logistikbranche musste neue Märkte suchen

Am stärksten war etwa die Logistikbranche betroffen, sie habe sich nach neuen Märkten umsehen müssen. Gleiches gelte für viele andere Branchen, die Geschäfte mit Russland machen. Den meisten Firmen sei das inzwischen aber gelungen. Angepasst habe man sich der Lage, sich mit ihr abgefunden aber nicht, sagt Girond.

Die Mitarbeiterin der Handelskammer kennt einige Beispiele von Unternehmen, bei denen die Handelsbeziehungen derzeit zwar „auf Sparflamme“ laufen, aber weiter gepflegt werden. Man wolle „Präsenz zeigen und das Vertrauen halten“, um nach einem möglichen Ende der Sanktionen nicht wieder bei Null anfangen zu müssen. So hat etwa das Deutsche Milchkontor (DMK) noch eine Dependance in Russland – dabei ist Deutschlands größte Molkerei mit Sitz in Bremen besonders schwer von den Sanktionen der russischen Seite betroffen.

Deutlich schwerer noch als Bremen haben die sanktionsbedingten Einbrüche Hamburg erwischt. Seit Anfang 2015 verringerten sich die Exporteinnahmen aus dem Russland-Geschäft dramatisch: Der Wert der Exporte stürzte von monatlich 200 Millionen Euro auf derzeit nur noch zwölf Millionen. Der Absatz hochtechnisierter Exportprodukte wie Autos, Maschinen und Datenverarbeitungsgeräte ist dabei am stärksten betroffen. Besonders gravierend sind demnach auch die Auswirkungen für die Seehäfen: Um ein Drittel ging der Containerverkehr von 662 000 auf 434.000 Standardcontainer zurück.

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