Kürzungen von Lehrerstunden in Bremen Schüler demonstrieren vor Bildungsbehörde

Bremen. "Wir sind Menschen, keine Zahlen" - unter diesem Motto haben gestern Hunderte Bremer Schüler gegen die Stundenkürzungen an ihren Schulen protestiert. Sie beklagen Lehrerwechsel, größere Kurse und Unterrichtsausfall.
01.09.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Schüler demonstrieren vor Bildungsbehörde
Von Matthias Lüdecke

Bremen. "Wir sind Menschen, keine Zahlen" - unter diesem Motto haben gestern Hunderte Bremer Schüler gegen die Stundenkürzungen an ihren Schulen protestiert. Sie beklagen Lehrerwechsel, größere Kurse, Unterrichtsausfall und in einem Fall sogar, dass der Platz in einem Leistungskurs zur Glückssache wird.

Sie ist vielleicht die Wütendste unter den wütenden Demonstranten. Eine Schülerin der Wilhelm-Wagenfeld-Schule, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, erzählt von den Auswirkungen der Stundenkürzungen an ihrer Schule. Und die klingen in der Tat dramatischer als die bisher bekannt gewordenen Folgen.

Vor den Sommerferien hatte sie sich für einen Leistungskurs Deutsch entschieden, berichtet sie. Nach den Ferien fand sie sich auf einmal in einem Raum mit 33 Schülern wieder - und sah sich mit der Ankündigung konfrontiert, dass fünf von ihnen den Kurs noch verlassen und in den Englischkurs wechseln müssten. Vier Schüler seien mittlerweile freiwillig gewechselt. "Das waren Leute, die gut in Englisch waren und die damit verhindern wollten, dass andere gezwungen werden, den Kurs zu verlassen", berichtet die Schülerin.

Im Losverfahren zum Abitur

Doch der Plan ist nicht aufgegangen. Vier waren einer zu wenig. Jetzt werde gelost, wer den Kurs verlassen muss. "Es kann nicht sein, dass per Los ermittelt wird, in welchem Fach wir Abitur machen müssen - das ist schließlich entscheidend für unsere Zukunft", findet die Betroffene, die ihrer Direktorin offen mit Schulwechsel gedroht hat, wenn sie den Kurs wechseln muss. Wie die Verlosung ausgegangen ist, weiß sie nicht. Sie findet just in der Zeit statt, wo sie vor der Bildungsbehörde steht und gegen die Kürzungen protestiert, die das Losverfahren aus ihrer Sicht erst nötig gemacht haben.

Und sie ist bei Weitem nicht allein mit ihrem Unmut. Auf 250 Schüler schätzen die Veranstalter die Teilnehmerzahl, die Polizei spricht von 150 Demonstranten. Ein Erfolg, wie Maren Steinert findet, die der Empörung, die hier allgegenwärtig ist, ein Forum verschaffte. Die Schülerin am Gymnasium an der Hamburger Straße hatte in der vergangenen Woche eine Facebook-Gruppe gegründet, auf der zum Proteststreik aufgerufen wurde. "Alle wollten etwas ändern, aber keiner hat etwas getan - dagegen wollten wir etwas unternehmen", berichtet sie. Dass sie mit dieser Idee richtig lag, zeigen all die Schüler, die um sie herum auf dem Bahnhofsplatz stehen und sich dann auf das kurze Stück zur Bildungsbehörde aufmachen. Schüler aus vielen verschiedenen Schulen und Altersstufen.

Was tun, damit es besser wird

Lucie und Mika etwa sind erst in der neunten Klasse. Von den Stundenkürzungen in der Oberstufe sind sie also noch nicht betroffen. Demonstrieren wollen sie trotzdem. "Das ist ein Thema, das uns alle angeht", sagt Mika, "nur wenn wir versuchen, etwas dagegen zu tun, kann es besser werden."

Ähnlich sieht das Simon, Oberstufenschüler am Alten Gymnasium. Er hat noch zwei Jahre bis zum Abitur und hat beobachtet, wie Profile an seiner Schule geschwächt werden oder ganz wegfallen mussten. Im Geschichtsprofil säßen derzeit 30 Schüler, berichtet er. Pläne, die große Gruppe in zwei kleine zu teilen, seien an den Kürzungen gescheitert.

"Das neue ,voll' heißt 30 Schüler" sagt auch Mere Trapp, ebenfalls vom Alten Gymnasium - und meint damit, dass früher bereits bei einer geringeren Schülerzahl ein weiterer Kurs ins Leben gerufen wurde. "Die Kurse leiden darunter", sagt sie, "und das ist besonders schade bei den Fächern, die das Profil einer Schule ausmachen und sie unverwechselbar machen sollen." Dabei hätte sie - wie viele andere, die mittlerweile vor der Bildungsbehörde sitzen und lautstark ein Gespräch mit Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper fordern - durchaus Verständnis für die Kürzungen. "Dass das Land angesichts des Haushalts sparen muss, ist ja nachvollziehbar", findet sie, "aber dann muss auch nachvollziehbar sein, wo warum wieviel gekürzt wird."

Dieses Gefühl ist ein weiterer Grund für die offensichtlich durchaus große Protestbereitschaft der Schüler. Sie haben keine Erklärung, die sie zufriedenstellt. Aber sie spüren - trotz der Ankündigung, die Abi-Jahrgänge seien nicht betroffen - die Auswirkungen der Stundenkürzungen, sei es durch die neuen Kursgrößen oder Unterrichtsausfall wegen fehlender Vertretungslehrer. "Ich hatte in den letzten drei Tagen drei Stunden und seit zwei Wochen keinen Mathematikunterricht - obwohl ich mich in dem Fach prüfen lassen will", berichtet eine Schülerin etwa.

Die Erklärung erhalten sie auch an diesem Mittwochmittag nicht. Ihr Ruf nach der Bildungssenatorin verhallt erfolglos. Nach zwei Streik-Stunden löst sich die Demonstration langsam auf. Alle, die zur Streikzeit nicht zufällig eine Freistunde hatten, haben dafür sogar Fehlstunden auf ihrem Zeugnis in Kauf genommen. "Diese Sache ist wichtiger als zwei Fehlstunden", hört man immer wieder. Und selbst die am heftigsten Betroffenen sagen: "Wenn es uns nichts bringt, hilft es vielleicht wenigstens für die Zukunft."

Die Gesamtschülerinnenvertretung (GSV) plant nach diesem Achtungserfolg daher auch schon die nächsten Aktionen. "Ich hätte nicht damit gerechnet, dass so viele einem Aufruf auf Facebook folgen", sagt Schülervertreter Marlin Meier nach der Demonstration, "das soll aber erst der Anfang gewesen sein." Die GSV gehört neben Eltern- und Lehrervertretern dem Bremer Bündnis für Bildung an. Der nächste Schritt könnte ein gemeinsamer sein, größer, mit mehr organisatorischem Vorlauf und zu einer Zeit, zu der Teilnahme keine Fehlstunden bedeutet.

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