Probleme bei der Inklusion in Bremen Schulreform geht schneller voran als geplant

Bremen. Die sogenannte Inklusion wird bereits ab dem kommenden Schuljahr in Bremen umfassend umgesetzt - deutlich schneller als geplant. Das bringt Probleme mit sich, auch wenn einige Schulen, wie die Roland zu Bremen Oberschule schon weit sind.
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Schulreform geht schneller voran als geplant
Von Matthias Lüdecke

Bremen. Ab dem kommenden Schuljahr sollen in Bremen alle Kinder mit und ohne Behinderung oder speziellem Förderbedarf gemeinsam unterrichtet werden. Die sogenannte Inklusion ist damit deutlich schneller umgesetzt, als irgendwo sonst in Deutschland - aber auch deutlich schneller als geplant. Das bringt Probleme mit sich, auch wenn einige Schulen, wie die Roland zu Bremen Oberschule in der Umsetzung schon weit sind.

Eckhard Feige ist einer der ersten seiner Art. Denn Feige leitet das Zentrum für unterstützende Pädagogik (Zup) an der Roland zu Bremen Oberschule (RBO) in Huchting. Der Name führt dabei ein wenig in die Irre. Man darf sich ein solchen Zentrum nicht so sehr als Ansammlung von Räumen vorstellen, sondern eher als Funktion. Denn in den Zups soll all das koordiniert werden, was im Zuge der Inklusion nötig wird, dem gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung oder speziellem Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache und Verhalten (LSV).

An der RBO kann man schon einmal sehen, was das in der Umsetzung bedeutet. In zwei Jahrgängen gibt es dort jetzt Inklusions-Klassen, die in der Regel je fünf Schüler mit LSV-Förderbedarf integrieren. In den Klassen werden 15 Stunden im Team unterrichtet - ein Teil dieses Teams sei ein Sonderpädagoge, erklärt Feige. Die beiden tauschten im Unterricht auch immer wieder ihre Rollen, damit nicht der eine immer nur als Sonderpädagoge in Erscheinung tritt und der andere als Fachlehrer.

Die RBO ist mit der Umsetzung der Inklusion vergleichsweise weit - mit einem Konzept, einem Zup und einem dazugehörigen Leiter, der als Teil der Schulleitung auch in die Verantwortung für die ganze Schule eingebunden ist. Bisher gibt es solche Zentren erst an gut der Hälfte der Bremer Schulen. Bis zum Beginn des kommenden Schuljahres sollen es alle sein, so hat die Bildungsbehörde es zugesagt.

Dass es jetzt so schnell gehen muss, ist das Ergebnis des Erfolges. Nachdem sich in den ersten beiden Jahren der überwiegende Teil der Eltern betroffener Kinder nach Klasse vier nicht mehr für ein Förderzentrum, sondern für eine Regelschule entschied, hat die Bildungsdeputation im November beschlossen, dass ab dem kommenden Schuljahr alle Bremer Kinder gemeinsam zur Schule gehen sollen. Vorgesehen war das eigentlich erst für 2017.

Doch diese rasende Geschwindigkeit bringt auch Probleme mit sich. Um alle Kinder - von einem Kind mit Föderbedarf bis zu einem Hochbegabten - in den Unterricht zu integrieren, braucht es geeignetes Lehrmaterial. Und das gab es zu Anfang noch nicht. "Vor einigen Wochen waren Vertreter von Schulbuchverlagen in unserer Schule", erzählt Feige, "die haben regelrecht in sich aufgesogen, was sie hier gesehen haben."

Auch den Eltern macht das Tempo der Umsetzung und die Frage, ob sie mit ausreichenden Mitteln unterlegt ist, mitunter Sorge. In Obervieland veröffentlichten erst im November Elternbeiräte eine Erklärung, in der sie davon berichteten, dass nicht alle Kinder mit einer Behinderung am kompletten Ganztagsangebot teilnehmen konnten - weil die persönlichen Assistenzkräfte des Martinsclubs, ausfielen und keine Vertretung verfügbar war.

Auch Gaby Sinter, Vorstand im Zentralen Eltern Beirat, kennt solche Berichte. "Inklusion wird nur dann funktionieren, wenn jedes Kind die Stunden bekommt, die es braucht", sagt sie - und zeigt sich ein wenig skeptisch, dass dies in der kurzen Zeit mit entsprechenden Fachkräften gedeckt werden kann. Eine Sorge übrigens, die man auch von Schulleitern mitunter hört. Dort erkennt man die Bemühungen der Bildungsbehörde an, möglichst schnell möglichst viele Sonderpädagogen nach Bremen zu holen. Doch da auch die anderen Bundesländer tätig werden müssen, wird der Markt immer umkämpfter.

Das ist allerdings auch der Bildungsbehörde bewusst. Man gehe davon aus, dass im nächsten Jahr alle Pädagogen, die man braucht, auch da sind, erklärt Sprecherin Karla Götz. Für die Zukunft gebe es aber durchaus Überlegungen, Lehrer entsprechend fortzubilden. Auch in der Ausbildung normaler Fachlehrer gebe es ein Modul, dass die Studenten auf die Anforderungen des gemeinsamen Unterrichts vorbereiten solle sagt Götz. "Das wird man verstärken müssen."

Dass zu Beginn nicht alles problemlos verlaufen ist, bestreitet Götz nicht. "Inklusion ist ein Prozess", sagt sie, "da muss gerade am Anfang viel organisiert und völlig neu eingeübt werden." Für viele Lehrer allerdings sei diese Umstellung nicht leicht, berichtet Eckhard Feige, insbesondere dann, wenn sie bisher noch keine Erfahrung mit Förderkindern gemacht hätten. "Man möchte gerne transparent und gut vorbereitet auf solche Dinge zugehen", sagt er, "durch die Geschwindigkeit, mit der Inklusion nun umgesetzt wird, fühlten sich viele Kollegen jedoch überfordert." Das erkennt auch die Behörde an. "Wenn man es so schnell macht wie wir hier in Bremen, gibt es immer Reibungspunkte", sagt Karla Götz, "aber an diesen Punkten arbeiten wir ständig nach."

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