Zu wenig Platz im Viertel und in Walle Schulwahl: Bremer Eltern auf den Barrikaden

Bremen. Grundschüler, die in Tränen ausbrechen – das gibt es in diesen Tagen häufiger. Grund: Ende vergangener Woche teilte das Bildungsressort ihren Eltern mit: „Im Rahmen des anonymisierten Losverfahrens konnte Ihr Kind keiner Ihrer Wunschschulen zugeordnet werden.“
16.03.2010, 05:18
Lesedauer: 3 Min
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Von Bernd Schneider

Bremen. Grundschüler, die in Tränen ausbrechen – das gibt es in diesen Tagen häufiger. Grund: Ende vergangener Woche teilte das Bildungsressort ihren Eltern mit: „Im Rahmen des anonymisierten Losverfahrens konnte Ihr Kind keiner Ihrer Wunschschulen zugeordnet werden.“ Fast 340 Briefe gab es nach Behördenangaben, jedes dritte betroffene Kind lebt im Viertel oder in Walle. Die Schulen dort sind bis zum Bersten voll. Konsequenz: Kinder sollen nach der Grundschule in sehr weit entfernten Stadtteilen unterrichtet werden. Horn, Vahr, Sebaldsbrück – dorthin sollen bis zu 60 Kinder aus dem Viertel. Aber „darauf lassen wir uns nicht ein“, kündigt Karin Stoklossa vom Elternbeirat der Grundschule Schmidtstraße an, „wir werden bis zum Letzten kämpfen, dass unsere Kinder im Stadtteil bleiben.“ Erste Elternversammlung morgen, „vor den Ferien, damit die Entschlossenheit erhalten bleibt“.

Und entschlossen sind sie: Sollte die Behörde keine Lösung finden, ziehen die Eltern vor Gericht. Und selbst eine mögliche Niederlage schreckt sie nicht: „Dann muss die Polizei kommen und 40, 50 Kinder mit Mannschaftswagen in die Schulen bringen.“ Gedankenspiel auch: „Wir bringen die Kinder zur Einschulungsfeier an die Schulen, die wir gewählt haben.“

Drei weiterführende Schulen gibt es im Viertel, drei Schulen können Eltern auf ihren Anwahlzetteln angeben – Erst-, Zweit- und Drittwahl. Karin Stoklossas Sohn Lasse landete an den drei Schulen auf den Wartelisteplätzen 31, 20 und 24. Auf den vorderen Plätzen darf man noch hoffen, auf den anderen sieht es schlecht aus.

Ähnliche Stimmung im Bremer Westen: Rund 40 Kinder finden in Walle, Gröpelingen und Findorff keinen Platz. „Ein Kind wohnt in der Seewenjestraße, direkt an der Gesamtschule West, und soll jetzt nach Lesum“, sagt Uwe Thielbar vom Elternbeirat der Grundschule Am Pulverberg. „So etwas hat es hier noch nie gegeben.“ Die Reise nach Lesum (Entfernung etwa 13 Kilometer) habe die Behörde den Eltern der Neun- bis Zehnjährigen vorgeschlagen. Alternative: Hemelingen, elf Kilometer entfernt. „Das kann nur ein schlechter Witz sein“ sagt Thielbar und kündigt „vernünftige Gespräche“ mit der Behörde an. „Aber ganz so entspannt, wie sie das immer gern hätte, wird das wohl nicht.“ Die Stimmung unter den Eltern: „Wenn das nichts bringt, sind wir bereit, auf die Straße zu gehen.“

Die Ursache für die Probleme sieht Thielbar im Umbau des Schulsystems: „Wir haben jetzt im Westen zwei Klassen zu viel – die hätte die Oberschule Findorff normalerweise aufgenommen.“ Doch die werde gerade bis Klasse 13 aufgestockt. Daher löse selbst der zusätzlich aufgestellte Mobilbau die Probleme nicht. Auch die unerwartet plötzliche „Inklusion“ von rund 140 Förderschülern an allgemeinbildenden Schulen schlage sich offenbar nieder. Für Thielbar ist klar: „Wenn die Plätze nicht reichen, müssen sie geschaffen werden.“

„Ich glaube, es hat niemand damit gerechnet, dass so viele Eltern die Oberschulen anwählen“, sagt Karin Stoklossa. Viele Eltern wollten ihren Kindern das Abitur nach Klasse zwölf – also das klassische Gymnasium – ersparen. Die Oberschule, eingeführt von Rot-Grün, führt auch zum Abitur, aber entspannter: weniger Unterricht pro Woche und erst nach Klasse 13. Folge: Die Kinder blieben eher im Stadtteil.

Wenn es denn möglich ist. Mutter Silvia Kumm war schon zur Beratung in der Bildungsbehörde: „Die haben mir drei Vorschläge unterbreitet, die für mich allesamt inakzeptabel sind.“ Den Weg in die Vahr oder nach Sebaldsbrück wolle sie ihrer heute achtjährigen Tochter Lore ab Sommer nicht zumuten. Von der Behörde fühlt sie sich zudem unter Druck gesetzt: „Je länger Sie warten, desto größer wird der Radius“, habe man ihr erklärt. Am Ende könne „auch eine Schule in Vegesack herauskommen“. Als Alternative habe der Behördenmitarbeiter vorgeschlagen: Lore sei so jung, dass sie die vierte Klasse freiwillig wiederholen und auf mehr Losglück 2011 hoffen könne. Wiederholen „mit lauter Zweien und Dreien im Zeugnis – das erklären Sie mal einem Kind“.

Matthias Zabel würde von diesem Weg wohl ohnehin abraten: 2009 hatte er sich darauf eingelassen, weil es für seine Pflegetochter nur einen Platz an der Zweitwahlschule gab. Heute wäre er dafür dankbar: Diesmal ist das früh traumatisierte Kind an allen drei Schulen durchgefallen. „Dabei hatten wir einen Härteantrag gestellt“, psychologisches Gutachten inklusive: Das verängstigte Kind sei dringend auf stabile soziale Beziehungen angewiesen.

Das Bildungsressort versucht, die Wogen zu glätten. Die Beratung der Eltern sei gerade erst angelaufen: „Da wird sich noch vieles ändern“, sagte Sprecherin Karla Götz. So seien in diesem Jahr 200 Privatschüler gleichzeitig an einer öffentlichen Schule angemeldet worden. „Viele bleiben aber trotzdem im privaten System.“ So werde an öffentlichen Schulen Platz frei für Nachrücker. Letzte Klarheit gebe es aber erst, wenn auch die Privatschulen im April ihre Aufnahmeverfahren abgeschlossen hätten.

„Diese zeitlichen Abläufe empfinden wir als sehr unglücklich, das müssen wir ändern.“ Die Zahl der Plätze an Schulen könne aber nicht beliebig ausgeweitet werden; erfolgreiche Schulen sollten „nicht an ihrem Erfolg ersticken“. Götz weiter: „Wir bieten Eltern den Bildungsgang ihrer Wahl, aber können leider nicht die Schule ihrer Wahl garantieren.“

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