Interview mit Bremer Vorsitzendem Schura erwartet mehr Unterstützung

Bremen. Ismail Baser ist vor einigen Tagen zum neuen Vorsitzenden von Schura Bremen gewählt worden. Alexander Pitz hat sich mit Baser in der Gröpelinger Fatih-Moschee getroffen und mit ihm über die Ziele für seine Amtszeit gesprochen
03.03.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremen. Ismail Baser ist vor einigen Tagen zum neuen Vorsitzenden von Schura Bremen gewählt worden. Der Dachverband, der im Juni 2006 gegründet wurde und die Interessen möglichst aller Muslime in der Hansestadt vertreten will, besteht derzeit aus 22 Mitgliedsvereinen und -organisationen. Alexander Pitz hat sich mit Baser in der Gröpelinger Fatih-Moschee getroffen und mit ihm über die Ziele für seine Amtszeit gesprochen

Herr Baser, während die Kirchen über Mitgliederschwund klagen, sind die Moscheen in Bremen gut besucht. Spielt der Glaube in den islamischen Gemeinschaften im Alltag eine größere Rolle als in den christlichen?Ismail Baser:

Das ist bestimmt so. Die meisten Muslime, die aus dem Ausland nach Bremen gekommen sind, stammen aus einfachen Bauernfamilien in der Türkei. Die waren immer sehr religiös und haben das an ihre Kinder weitergegeben. Aber es gibt auch in der islamischen Community das Phänomen, dass viele Menschen die Religion aus den Augen verlieren, je größer der Wohlstand ist. Das ist leider so.

Sie sind mit Ihren Eltern ebenfalls vor mehr als 30 Jahren aus der Türkei nach Deutschland eingewandert. Würden Sie Ihre Einstellung zum Islam eher als konservativ oder als liberal bezeichnen?

Ich bin konservativ. Als neu gewählter oberster Repräsentant der Schura, die sich als islamische Religionsgemeinschaft versteht, muss ich schließlich Vorbild sein. Dazu gehört, dass man die Gebetszeiten und auch die anderen Glaubensvorschriften einhält. Es gibt Nächte, in denen ich nicht schlafen kann, weil mir bewusst wird, das ich nun die Interessen von 40000 Muslimen vertreten muss. Das ist eine große Herausforderung, und ich hoffe, dass ich eines Tages im Jenseits für meine Mühen belohnt werde.

In Ihrer Antrittsrede haben Sie eindringlich um mehr Unterstützung gebeten, um die Arbeit der Schura erfolgreich fortsetzen zu können. Wen wollten Sie damit ansprechen?

Zum einen unsere Mitglieder, die sich in Zukunft aktiver an der Gemeindearbeit beteiligen müssen, zum anderen das Land Bremen, von dem wir mehr finanzielle Unterstützung erwarten.

Wofür brauchen Sie das Geld?

Wir wollen professioneller werden, ähnlich wie die großen Kirchen im Land. Dazu gehört etwa ein hauptamtlicher Geschäftsführer. Bisher arbeitet der gesamte Schura-Vorstand auf ehrenamtlicher Basis. Das ist kein Modell für die Zukunft. Und ein richtiges Büro für die Gemeindearbeit fehlt ebenso.

Schwebt Ihnen für die Arbeit der Schura ein ähnliches Finanzierungsmodell wie die Kirchensteuer vor?

Ja, langfristig schon. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, auf dem viele rechtliche Hürden zu überwinden sind.

Was ist in Ihren Augen die drängendste Aufgabe, mit der sich die Schura derzeit beschäftigen muss?

Wir wollen, dass alle Muslime im Land mit einer gemeinsamen Stimme sprechen, so unterschiedlich sie untereinander auch sein mögen. Es gibt in Bremen zum Beispiel noch zwei weitere bedeutende muslimische Verbände, dabei haben wir im Grunde alle die gleichen politischen Interessen. Würden wir unser Engagement noch besser bündeln, hätten wir mehr Gewicht.

Sind Sie mit dem Staatsvertrag zufrieden, den Bremen im Januar gemeinsam mit den drei Islamverbänden Schura, Ditib und VIKZ unterzeichnet hat?

Der Vertrag war ein wichtiger formaler Schritt zur Gleichstellung des Islam mit den anderen Religionen. Nun geht es darum, den Vertrag in der Praxis umzusetzen. Da gibt es noch einige Probleme.

Welche?

Es gibt bislang keinen Islamunterricht an Schulen, weil dafür die Verfassung geändert werden müsste. Weitere Probleme sind die fehlende Geschlechtertrennung im Schwimmunterricht und die oftmals unzureichende Beachtung der islamischen Speisevorschriften im Schulalltag. Wir empfehlen daher unseren Kindern, nur vegetarisches Essen zu sich zu nehmen. Für solche Konflikte wünschen wir uns von den Behörden bessere praktische Lösungen.

Der Staatsvertrag sieht unter anderem vor, dass sich berufstätige Muslime an ihren religiösen Feiertagen leichter freinehmen können. Zeigt dies bereits Wirkung?

In der Praxis ist es immer noch so, dass man auf das Wohlwollen des Arbeitgebers angewiesen ist. Auch in diesem Punkt gibt es noch viel zu tun.

Haben Sie Verständnis dafür, dass viele Deutsche fordern, die Muslime müssten selbst mehr tun, um sich in die Gesellschaft zu integrieren?

Es gibt sicher einige Defizite, an denen wir arbeiten müssen. Zum Beispiel ist es unbedingt notwendig, die deutsche Sprache zu beherrschen, wenn man in Deutschland leben will. Andererseits kann aber niemand von uns erwarten, dass wir unsere kulturelle Identität, unsere Traditionen preisgeben.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat 2008 bei einem Auftritt in Köln gesagt, Assimilation sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wie stehen Sie persönlich dazu?

Das sehe ich ganz genauso.

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