Geplante Gesetztesänderung in Bremen Senat debattiert erneut über Obduktionspflicht

Bremen. Der Bremer Senat debattiert heute erneut über die Obduktionspflicht für Kinder, deren Todesursache nicht geklärt ist. Zweimal ist das Thema bereist vertagt worden. Klaus Püschel, Leiter der Hamburger Rechtsmedizin, gibt eine Einschätzung zur geplanten Gesetzesänderung.
13.04.2010, 12:04
Lesedauer: 3 Min
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Von Elke Gundel

Bremen. Gesundheitssenatorin Ingelore Rosenkötter (SPD) möchte eine Obduktionspflicht für diejenigen Kinder unter sechs Jahren einführen, die unter ungeklärten Umständen gestorben sind. So sollen mögliche Fälle von Misshandlungen aufgedeckt werden – denn wenn Kleinkinder geschüttelt oder mit einem Kissen erstickt werden, lässt sich diese Todesursache nur durch eine Obduktion feststellen. Der Vorstoß stößt bei der Bremer FDP und beim Kinderschutzbund auf scharfe Kritik. Auch Umweltsenator Reinhard Loske (Grüne) hat Bedenken. Schon zweimal ist das Thema im Senat vertagt worden; heute soll es dem Vernehmen nach im Kabinett behandelt werden. Klaus Püschel, Leiter der Hamburger Rechtsmedizin, gibt eine Einschätzung im Interview.

Was sagen Sie zu der Debatte in Bremen?

Klaus Püschel: Die Gesundheitsbehörde hat ein ausgesprochen wichtiges Thema aufgegriffen. Ich begrüße die Initiative aus Bremen sehr. Ich finde es traurig, dass es ein solches Gesetz noch nicht gibt. Es wäre toll, wenn sich Bremen durchringen könnte, das Gesetz zu verabschieden. Außer in Bremen und Hamburg gibt es derzeit keine Landesregierung, die die Kraft hätte, das umzusetzen.

Ist die Debatte neu?

Nein. Das ist ein uraltes Thema. Ich selbst habe zum Beispiel Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre einer Arbeitsgruppe der Bundesärztekammer angehört, die sich mit der Thematik beschäftigt hat. Die Bundesärztekammer hat damals beschlossen, dass alle Kinder, die plötzlich und unter ungeklärten Umständen sterben, obduziert werden sollen. In der Politik hat das aber niemanden interessiert. Dabei gab es damals in Deutschland noch wesentlich mehr Fälle von Kindesmisshandlungen. Es gab also noch mehr Grund, eine Obduktionspflicht einzuführen.

Die Politik tut sich aus Ihrer Sicht schwer mit dem Thema?

Absolut. Ich finde, die Debatte ist von Unsicherheit geprägt, nicht von rationalen Argumenten. Aus meiner Sicht gibt es keinen rationalen Grund, der gegen eine Obduktionspflicht spricht. Stattdessen gibt es viele Argumente dafür, auch im Sinne der Kinder. Und in aller Regel werden die Angehörigen entlastet. Wenn sicher festgestellt wird, dass die Eltern sich keine Vorwürfe machen müssen, dann hilft ihnen das. Und wenn man sich vor Augen führt, welchen Aufwand wir betreiben, um zum Beispiel Schmerzen im Knie zu lindern – dann wird die Debatte um die Obduktionspflicht absurd: Bei Kniebeschwerden wird ein großer Aufwand betrieben, es wird sehr viel Geld für die Diagnose ausgegeben. Und bei der schlimmsten Diagnose, Tod, schauen wir nicht ganz genau hin? Da begnügen wir uns mit einem Blick von außen? Da stimmen die Verhältnisse nicht.

Was bringt eine Obduktionspflicht?

Es würden sicherlich einzelne Tötungsdelikte aufgedeckt werden. Es gäbe Sicherheit über die Todesursache, das ist wichtig für alle Beteiligten. Und es gäbe einen Qualitätsgewinn für die Kindermedizin. Denn die Erkenntnisse, die wir bei einer Obduktion zum Beispiel über angeborene Herzfehler finden, würden ja auch den Kinderärzten helfen, solche Krankheiten besser zu verstehen, besser erkennen und besser behandeln zu können. Was in der Diskussion um die Obduktionspflicht häufig untergeht: Pathologie und Gerichtsmedizin sind Fachgebiete der Medizin. Gerichtsmediziner sind Ärzte. Sie haben deshalb immer die Frage mit im Blick, wie Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten verbessert werden können.

Kritiker wenden ein, man könne Eltern, die gerade ihr Kind verloren haben, nicht auch noch zumuten, dass die Leiche aufgeschnitten wird.

Dass diese Vorstellung für manche Eltern sehr belastend ist, kann ich gut verstehen. Andererseits: Wenn bei einem Kind ein Herzfehler entdeckt wird, der durch eine Operation behoben werden kann, würden die Eltern zustimmen – dabei ist das ebenfalls ein sehr großer Eingriff in einen so kleinen Körper.

Wie viele Kinder unter sechs Jahren obduzieren Sie an Ihrem Institut an der Uni-Klinik in Hamburg etwa im Jahr?

Ich würde sagen: ungefähr 20. Die Obduktionsrate in Hamburg ist bei Kindern sehr hoch. Etwa 80, 90 Prozent aller Kinder, die unter ungeklärten Umständen sterben, werden im Institut für Rechtsmedizin des Uni-Krankenhauses obduziert. In den Fällen, in denen die Staatsanwaltschaft keine Obduktion anordnet, fragen wir selbst die Angehörigen nach ihrem Einverständnis. Und in den meisten Fällen bekommen wir die auch.

Welche Reaktionen erleben Sie dabei von den betroffenen Eltern?

Meine Erfahrung ist: In 95 Prozent der Fälle ist die Reaktion positiv. Dass Eltern zu mir kommen und mir sagen: Die Vorstellung, dass Sie den Leichnam meines Kindes öffnen, ist unerträglich – das kommt praktisch nicht vor.

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