Mehdorn im WESER-KURIER-Interview "Situation ein bisschen selten"

Bremen. Im Interview spricht Hartmut Mehdorn über seine als Air-Berlin-Chef eingereichte Klage, die ihn jetzt als Flughafenchef belastet.
18.01.2014, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Der Berliner Flughafen-Geschäftsführer Hartmut Mehdorn war zu Gast beim Neujahrsempfang des Bremer Flughafens – einen Tag, nachdem der von ihm einst als Air-Berlin-Chef angestrengte Schadenersatzprozess gegen den Pannenflughafen BER eröffnet worden ist. Siegfried Denzel sprach mit Hartmut Mehdorn.

Der Bremer Airport ist zwar einer der kleinsten internationalen Verkehrsflughäfen Deutschlands, funktioniert aber weitgehend reibungslos. Sind Sie als Berliner Flughafen-Chef nicht ein wenig neidisch?

Hartmut Mehdorn: Bremen ist sicherlich ein bisschen kuscheliger, als es bei uns ist. Aber neidisch? Nein. Wir sind ja Kollegen. Flughäfen halten zusammen – egal, ob groß oder klein.

Sie haben noch als Air-Berlin-Chef eine 48-Millionen-Euro-Klage eingereicht wegen der jahrelangen Bauverzögerungen bei dem nun von Ihnen geführten Hauptstadtflughafen. Wie sieht Ihr Wunschurteil im Verfahren Mehdorn gegen Mehdorn aus?

Es ist gängige Regel, dass über laufende Verfahren nicht geredet wird. Es ist ein Gericht am Zuge und da haben jene, die in den Prozess involviert sind, zu schweigen. Ich gebe zu, dass die Situation ein bisschen selten ist. Aber es ist halt ein Zufall, dass ich mich gewissermaßen in zwei verschiedenen Funktionen treffe. Jedoch: Ein Geschäftsführer ist verantwortlich dafür, Schaden von seinem Unternehmen abzuwenden. Das habe ich als Chef der Air Berlin getan – und das tue ich jetzt als Chef des Berliner Flughafens ebenfalls. Ich komme damit gut zurecht.

Ihr Aufsichtsratsvorsitzender Klaus Wowereit hat vor wenigen Tagen eingeräumt, dass der neue Flughafen 2014 definitiv nicht mehr fertig wird. Wann kann denn endlich der erste Flieger abheben?

Wir haben noch nicht den Fortschrittsgrad, dass wir einen festen Termin nennen können. Wir besitzen natürlich eine Planung, aber wir haben noch zu viele Einflüsse, die uns die Suppe versalzen können.

Wo sind denn die größten Baustellen?

Die Probleme sind nicht neu: Beim Bau dieses Flughafens ist der Brandschutz unterschätzt worden. Es handelt sich um einen sehr großen Flughafen - und er ist während der Zeit ständig gewachsen. Wir müssen eine komplett neue Steuerung für Brandschutz und Entrauchung einbauen: Wir sind dabei, über 90 Kilometer neue Kabel in einen Flughafen einzuziehen, der eigentlich schon fertig ist. Also: Wir knacken da eine große Nuss.

Lassen Sie uns über die Kosten sprechen: Ursprünglich war von 1,4 Milliarden Euro die Rede. Inzwischen halten es viele für wahrscheinlich, dass selbst fünf Milliarden Euro nicht reichen. Wie hoch wird die Gesamtrechnung ausfallen?

Na ja, da wird oft ein bisschen übertrieben – auch wenn die Terminüberschreitungen und die Kostensteigerungen kein Ruhmesblatt sind. Aber man muss bei den Fakten bleiben: 2006 wurde mit dem Flughafen begonnen, der zunächst für 17 Millionen Passagiere jährlich geplant war. Heute bauen wir an einem Flughafen, der für 27 Millionen Passagiere ausgelegt ist. Und wir erwarten für die nächsten zehn Jahre einen Anstieg auf bis zu 35 Millionen Fluggäste. Wir brauchen also doppelt so viel Flughafen wie zunächst geplant - dass sich da auch der Preis verdoppelt, kann keinen verwundern. Das braucht auch mehr Zeit - und das erklärt auch ein bisschen die Terminverschiebung. Also: Das sogenannte Chaos ist eigentlich gar keines.

Reden Sie doch mal Klartext: Wird der neue Hauptstadtflughafen 2015 für einen Endpreis von fünf Milliarden starten können?

Das sage ich Ihnen, wenn wir so weit sind. Wir sind aber schon jetzt in großen Teilen funktionsfähig. Und wir haben uns vorgenommen, ab Mitte des Jahres einen drei- bis viermonatigen Testbetrieb zu starten. Es gibt dabei viele Möglichkeiten, Fehler zu finden – und die wollen wir finden in einer Situation, in der wir noch Zeit haben, sie abzustellen.

Halten wir also fest: Der Flughafen Berlin bleibt eine unendliche Geschichte. Wie groß ist denn die Gefahr, dass die drei Gesellschafter Berlin, Brandenburg und Bund weiteres Geld nachschießen müssen und damit der Steuerzahler noch mal zur Kasse gebeten wird?

Das steht dann fest, wenn wir wissen, mit welcher Endsumme wir rauskommen und welchen Finanzbedarf wir dann noch haben. Aber: Wir liegen mit den Kosten im Rahmen vergleichbarer Flughäfen. Was der Flughafen kostet, ist für die Gesellschafter keine Überraschung. Da gibt‘s nichts, was uns aufregen könnte.

Dann verraten Sie uns: Mit welcher Endsumme planen Sie?

Die Endsumme sagen wir Ihnen, wenn wir sie genau beziffern können. Der Berliner Flughafen zeichnet sich dadurch aus, dass er zu oft Dinge angekündigt hat, die er nachher nicht halten konnte. Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich das nicht fortsetze.

Sprechen wir noch mal über Bremen: Sie haben 1966 ihre Laufbahn bei VFW – den Vereinigten Flugtechnischen Werken – begonnen. Kommen Ihnen in Bremen nostalgische Gefühle?

Das war eine tolle Zeit damals. Ich hab’ in Lemwerder angefangen als Betriebsassistent in der Endmontage der Transall (des noch heute als Standard-Transportmaschine bei der Bundeswehr genutzten Flugzeugtyps; d.Red.). Danach haben wir die Passagiermaschine VFW 614 zusammengeschraubt; ich war ebenfalls im Endmontageteam. Wir haben damals viel und schwer gearbeitet. Und wir hatten einen unwahrscheinlichen Teamgeist – wir halten untereinander immer noch Kontakt.

Eine der letzten erhaltenen Maschinen vom Typ VFW 614 hat ihren angestammten Platz auf der Besucherterrasse des Bremer Flughafens – über einen neuen Standort wird aber diskutiert. Ist sie auf der Besucherterrasse gut aufgehoben?

Dieses Flugzeug ist ein Stück Bremer Geschichte; wenn man es an einem Ort aufstellen würde, wo die Maschine ein bisschen präsenter ist, hätte sie es verdient. Auch wenn sie damals kein wirtschaftlicher Erfolg wurde: Dass die Technik seinerzeit schnell vorangeschritten ist und angesichts des dann begonnenen Airbus-Programms in Deutschland nicht mehr die Finanzkraft für mehrere Projekte vorhanden war, dafür kann die 614 nichts. Es ist eben im Leben so, dass nicht immer alles gerecht zugeht.

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